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Neue Nationalzeitung · 1915-06-18 · Heft 12 (18.6.1915) · p. Seite 99

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 12 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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ÜT-Jfr_______________ „Neue National-Zeitung"____5eite 99 Die galizischen Rabbiner als „Politiker". In der gesamten jüdischen Presse sowohl Deutschlands als auch Amerikas nimmt die Frage des Verhältnisses zwischen Juden und Polen gegenwärtig den breitesten Raum ein und bildet den Gegenstand eifrigster Diskussion. Kein Wunder, wenn man in Betracht zieht, daß an drei Millionen Juden, somit zirka ein Drittel des jüdischen Volkes, in polnischen Ländern wohnen und daß die Regelimg der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen diesen beiden'Völkern im weiten Maße mit der durch den Ausfall des gegenwärtigen Krieges bedingten Staatszugehörigkeit dieser Länder zusammenhängt. Diese Diskussion wird von jüdischer Seite allerdings nicht ohne Bitterkeit geführt; es wurden nicht bloß in jüdischen, sondern auch in Blättern neutraler Nationen, nicht nur von jüdischen. Wortführern, sondern auch von Schriftstellern, die bisher der Judenfrage sehr objektiv gegenüberstan-. den und der polnischen Nation sehr wohlgesinnt waren, heftige Anklagen wegen der aller Menschlichkeit und Zivilisation hohnsprechenden Behandlung der Juden durch die polnische Bevölkerung in Russisch-Polen veröffentlicht. Ein umfangreiches Tatsachenmaterial hat diese Anklagen begründet. Es ist niemandem eingefallen, deswegen die ganze polnische Nation anzuklagen. Im Gegenteil! Es wurde mit Nachdruck hervorgehoben, daß diese Judenpogroms in Polen ein Ausfluß der Hetze der allpolnisehen Wortführer in Warschau sind. Diese allpolnische Hetze wurde vor dem Kriege seitens der russischen Regierung geduldet, ja mit Freuden begrüßt. Denn die Allpolen standen im Solde der russischen Regierung und. waren eigentlich auch Verräter der polnischen Sache. Was haben nun eigentlich Brandes und Bernstein mit ihren Enthüllungen bezweckt und angestrebt? . ... Sie wollten nichts anderes, als daß die Wortführer der Polen außerhalb Rußlands die Judenhetze verurteilen; sie verlangten ein Machtwort der Polenführer, wodurch jenen Umtrieben der Boden entzogen würde. Und was war die Antwort auf die Artikel von Brandes und von Bernstein? Die Polenführer, sowohl auf dem Gebiete der Politik als des Geistes schweigen, wie es Bernstein in seinem jüngst erschienenen offenen Briefe an den polnischen Dichter Henryk S i e n k i e w i c z, betitelt „W i e können Sie schweigen?", so interessant geschildert hat. Hand in Hand mit diesem Schweigen geht eine andere Aktion: in ihrer Presse und in Flugschriften sind die Polen bemüht, nachzuweisen, daß die Anklagen unwahr seien. Es wird erzählt, daß das Verhältnis in Russisch-Polen zwischen Juden und Polen das beste war und erst durch den Zufluß der russischen Juden (Litwaken) vergiftet wurde. Gegen diese richte sich die Hetze. Sie wird also zugegeben. Nun werden Dankadressen und Loyalitätskundgebungen der Juden an die Polen gesucht. Der polnische Sozialdemokrat Hausner aus Lemberg wurde, wie * an anderer Stelle ausführlich berichtet wird, speziell nach Nordamerika entsandt, um bei den dortigen Hunderttausenden polnischen Juden eine. Massenkundgebung für die Unabhängigkeit Polens: zu provozieren. Dieser Versuch blieb ergebnislos. Die polnischen und russischen Juden in New-York erklärten, daß sie mit den Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen wohl sympathisieren, dagegen das Verlangen stellen, daß in einem freien Polen ihre' jüdische Nationalität anerkannt werde; mit aller Entschiedenheit verwahrten sie sich gegen jede Assimilierung der Juden mit den Polen. Der neueste Ausfluß dieser Taktik ist der Versuch, die galizischen Rabbiner gegen Brandes und Bernstein auszuspielen, respektive sie zu einer Kundgebung für die polnischen Bestrebungen zu veranlassen. Die Vermittler in dieser Aktion sind die Hausjuden des Polenklubs. In dieser Angelegenheit hat bereits eine Vorbesprechung stattgefunden, zu welcher neun Rabbiner zumeist kleinerer Gemeinden, darunter auch ein Rabbinatsassesor aus Lemberg, geladen worden sind. Zu irgend einem Beschlüsse ist es bisher nicht gekommen. Wir hoffen, daß die persönlichen Wünsche der Herren Dr. Löwenstein, Dr. Kolischer und Rauch weiterhin ergebnislos bleiben werden. Die galizischen Rabbiner sind zu vernünftig, um sich ins politische Fahrwasser hineinzerren und für die persönlichen Zwecke ambitiöser Politiker mißbrauchen zu lassen. So merkwürdig auch die Rolle gewisser jüdischer Führer während der galizischen Wahlen war, die galizischen Rabbiner haben es immer verstanden, über den Parteien zu stehen und ihr geistliches Amt rein zu halten. Auch in Wien darf es nicht anders werden. Wien ist kein Schauplatz für politische Kundgebungen galizischer Rabbiner und selbst durch den Schutz einiger mit dem Judentum nur nominell zusammenhängender Abgeordneter würden sie sich kaum jener großen Verantwortung entziehen können, die sie durch eine momentane Liebedienerei auf sich laden würden. Es war die schönste Tradition galizischer Rabbiner, daß sie sich von der merkwürdigen Politik dieses Landes ganz fern hielten. Bei dieser Tradition soll es auch fernerhin bleiben. L. Die polnisch-jüdischen Beziehtingen. Winawer's Stellungnahme. Das Mitglied der ersten Reichsduma, der bekannte jüdische Rechtsanwalt M. M. W i n a w e r in Petrograd, äußert sich in der „R j e t s c h" zu dem obengenannten Thema wie folgt: Eine große Sünde hat die polnische Gesellschaft gegen ganz Polen" und gegen die eigene Zukunft begangen durch die Entfach ung einer Feindschaft gegen die Juden in diesem schicksalsschweren, historischen Augenblick. Man sollte meinen, daß ein Aufschwung zur brüderlichen Vereinigung zweier Volksstämme, die durch ein sechs Jahrhunderte altes Elend zusammengeschweißt sind, jetzt mehr als ie am Platze wäre. Ist die innere Geschlossenheit doch unentbehrlich, wenn es gilt, der drohenden Gefahr eines feindlichen Ueberfalles entgegenzutreten und dem Ideal der Neugestaltung des Landes den Boden zu bereiten. Welche Wunder eine Einmütigkeit in veranfwort-

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