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Neue Nationalzeitung · 1915-06-04 · Heft 11 (4.6.1915) · p. Seite 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 11 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 94 (sequence 6)
Language
German
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Seite 94 ,Neue National-Zeitting" *r. 11 Kriegsleidendenzu sammeln. Wir müssen natürlich beständig auf der Wache sein, um eine feste Stellung nehmen zu können, wenn der passende Augenblick kommen wird — aber nicht jetzt. Wenn man anfangen wird von Friedensverhandlungen zu sprechen, dann wird es für Körperschaften wie die „American Jewish Committee" den „Bnei Brith"-Orden und andere Organisationen zweckmäßig sein, etwas zu tun. Worin sich ihre Tätigkeit ausdrücken wird, ist schwer zu sagen. Es ist schwer zu entscheiden, ob es ratsam sein wird, bei den Friedensverhandlungen spezielle jüdische Vertreter zu haben für die speziellen jüdischen Interessen. Jedenfalls, was nötig sein wird zu tun in der richtigen Zeit, soll von der „American Jewish Committee' eingeleitet werden, da sie jetzt der passende Faktor jüdischer Vereinigung in Amerika ist. Dr. Josef Chazanowicz. Von Dr. S. R. L a n d a u.*) Nach dem Rabbiner Mohilewer ist Dr. Josef Chazanowicz die merkwürdigste Persönlichkeit dieser Stadt. Welcher intellingente Jude in Rußland kennt nicht diesen Namen? Der angesehenste und beschäftigteste Arzt in Bialystok, hat er sich durch seine Selbstlosigkeit und Öpferwilligkeit für die nationalen Zwecke des Judentums weit hinaus über die Grenzen seines Wohnsitzes einen Namen erworben. Man kennt ihn als einen der Gründer und den eifrigsten Förderer der jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem. Als im Jahre 1894 zur Erinnerung an den 400. Jahrestage der Judenvertreibung aus Spanien das „Midrasch Abarbanel" in Jerusalem gegründet wurde, da wußte Dr. Chazanowicz, was er fortan als seinen Lebenszweck zu betrachten habe. Er beschloß, sich dieser Biblithek zu widmen mit allem, was er war und hatte und zu erwerben hoffte. Seitdem hat Dr. Chazanowicz 7300 Hebraica und über 800 Judaica hinuntergeschickt. Seine Kleider sind fadenscheinig, sein Junggesellen-Haushalt ist der bescheidenste, aber für alles Geld, das er als Arzt verdient, kauft er Bücher, läßt sie neu einbinden und führt sie dann auf eigene Kosten ihrer Bestimmung zu. Vor einigen Wochen expedierte er erst 27 Pud**) und bezahlte über 50 Rubel Fracht; nun liegen schon wieder mächtige Bücherstöße in seinem Arbeitszimmer, schön gebunden und wohl geordnet, von ihrem Besitzer mit Wohlgefallen und innerer Genugtuung betrachtet. Ihre Zusammenstellung kostet Dr. Chazanowicz nicht nur Geld, sondern auch viel Arbeit und Mühe. Er muß alle antiquarischen Bücherkataloge und bibliographischen Mitteilungen genau studieren, sich auch sonst von seltenen Bücherexemplaren *) Dr. .Josef Chazanowicz, Arzt in Bialystock, ist, 70 Jahre alt, vor 14 Tagen gestorben. Er war — damit ist seine Popularität in den nationalgesinnten und sonst palästinafreundlichen Kreisen gekennzeichnet — der Begründer der Jüdischen Na t i o n a 1 b i b I i o t h e k in Jerusalem, deren eigentlicher Name Midrasch Abarbanel lautet. Eine sehr genaue Charakteristik des unvergeßlichen Toten findet sich in Dr. S. R. Landau's „Unter jüdischen Proletariern" (Kapitel: Bialystok), die wir hier, als nunmehr aktuell, reproduzieren. Anm. der. Red. **) Ein Pud hat 25-Kilogramm. Kenntnis verschaffen und dann erst korrespondieren, oft bei Privatbesitzern noch bitten und flehen. Eine alte Bibel oder ein seltenes Gebetbuch zieht er bei seinem Patienten dem größten Honorar vor; wenn ihm Jemand ein Buch verspricht, scheut er auch zehn bis zwanzig Besuche nicht, um in dessen Besitz zu gelangen. Dr. Chazanowicz sammelt nicht bloß Bücher, sondern auch Bilder und Phtographien aus dem jüdischen Geschichte. Findet er in irgend einer Zeitschrift eine in dieses Gebiet einschlagende Illustration, und wenn auch nur ein Holzschnitt, so läßt er davon eine Photographie aufnehmen, die er seiner Sammlung einverleibt. Wir finden auch darin die seltensten Portraits der größten Juden der letzten Jahrhunderte: Politiker, Rabbiner, Schriftsteller, Künstler usw. Die Leser dieser Zeilen könnten dem seltenen Manne keine angenehmere Ueberraschung bereiten, als wenn sie ihm gelegentlich einen Bilderausschnitt zusenden. Denn die Früchte seiner Arbeit gehören uns allen. Und die Sammlungen in der jüdischen Nationalbibliothek von Jerusalem sind der beste Beweis für den praktischen Sinn und das zielbewußte Streben der zionistischen „Ideologen". Der Chazanowicz ist aber auch mit einer politischen Affaire verknüpft, die vor mehreren Jahren die gesammte öffentliche Meinung Rußlands aufregte. Damals hat ein polnischer Arzt in Bialystok einem jüdischen Knaben, der, von kindischer Naschsucht beherrscht, in seinem Garten einen Apfel pflückte, mit Lapis das Wort „Dieb" auf die Stirn eingebrannt. Ein Schrei der Entrüstung entrang sich aus der Brust aller gesitteten Menschen in Rußland. Die europäische Presse, insbesondere die englische, beschäftigte sich eingehend mit dieser unmenschlichen Tat, und die Engländer veröffentlichten auch das Bild des Knaben. Als Inspirator der auswärtigen Presse und der darin gegen Rußland enthaltenen Angriffe wurde, besonders auf Betreiben des polnischen Arztes, der sich gleich seines jüdischen Concurrenten entledigen wollte, Dr. Chazanowicz hingestellt. Er wurde aus Bialystok auf zwei Jahre verbannt die er in Lodz zubrachte; dem unmenschlichen Verbrecher geschah nichts. Den Knaben schickte die Judengemeinde nach Amerika. Und dann wurde es wiederum still. Neue Ereignisse lösten das alte ab. KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Generalversammlung der „Israelischen Allianz zu Wien." Wien. Wir erhalten ein Communique, dem wir nachstehendes entnehmen: Die 42. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" fand Montag, den 17. Mai 1. J. um 6 Uhr abends im Saale der Israelitischen Kultusgemeinde statt. Den Vorsitz führte, da der Präsident, Herr Dr. Alfred Stern, von Wien abwesend war, der III. Vizepräsident Ministerialrat Camill K u r a n da. Der Vorsitzende begrüßt die Anwesenden, unter welchen sich die Rabbiner der soeben durch das siegreiche Fortschreiten unserer Truppen befreiten

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