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Neue Nationalzeitung · 1915-06-04 · Heft 11 (4.6.1915) · p. Seite 93

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 11 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 93 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 Seite 9& Nur wenn die Russen gezwungen sind, sich zurückzuziehen, finden die Juden Schute unter deutscher Macht. Wenn ich dies behaupte, möchte ich nicht, daß: man über mich falsch urteile, da es bekannt ist, daß ich mit den Deutschen sympathisiere. Es ist aber eine Tatsache, daß sowohl die Polen als auch die Russen brutal gegen die Juden sind. Laut den letzten Berichten verbessert sich die Lage um kein Haar. Die Hilfe, die man den Leidenden gegeben hat, ist bei weitem nicht genügend gewesen. Dazu sind Millionen und Millionen Dollar nötig und die Amerikaner Juden haben bis jetzt nur eine halbe Million Dollar gegeben: Und dies ungeachtet der Tatsache, daß in diesem Hilfswerke alle jüdischen Parteien zusammenarbeiten— mit Ausnahme nur einer Organisation, dem Orden „Bnei-Berith", der für sich allein arbeitet, da er eigene „Lodges" im Auslande hat und er deshalb seine Hilfe zuerst den eigenen Mitgliedern geben will. Wir müßten einen eigenen jüdischen Hilfsfonds haben außer den Hilfsfonds für die anderen Völker vom Kriegsschauplatz, da das jüdische Problem überall ein eigenartiges ist. Es besteht kein Zweifel, daß die Juden in den Ländern, wo der Krieg waltet, ungeheuer mehr als die übrige Bevölkerung gelitten haben, und deshalb brauchen sie mehr Hilfe. Außer unmittelbarer Hilfe können wir vorläufig nichts tun. Wir dürfen von unserer Arbeit keinen einzigen Tag ruhen. So lange der Krieg dauert, müssen wir versuchen, die Leiden zu erleichtern. Was aber die Arbeit anbelangt, die nach dem Kriege nötig; sein wird, kann ich jetzt, besonders was Rußland betrifft, keine richtige Vorstellung haben. Es wird die Hoffnung ausgedrückt, daß nach Friedensabschlüß Rußland seine jüdische Bevölkerung besser behandeln wird. Aber Rußlands Versprechungen haben uns schon so oft enttäuscht, daß wir es erst dann glauben können, wenn wirklich etwas geschieht — und nicht früher. Ich glaube sehr wenig daran, daß Rußland in der Zukunft besser werdenwird. und das Wohl des üesam.tju&entums vor Augen hat. Zudem ist Schiff ein wahrer Demokrat"; er besucht jüdische Volksversammlungen und ergreift dort das Wort; er schreibt auch Artikel über wichtige jüdische Fragen. Einen solchen Artikel reproduzieren wir aus der Zeitschrift „The Menorah". Wir sehen daraus, mit welchem Interesse unser großer Volksgenosse die Kriegsereignisse diesseits des Ozeans und deren Einfluß auf die Schicksale unseres armen Volkes in den russischen Provinzen verfolgt. Am allerwichtigsten ist der Weg, den Schiff in diesem Artikel den amerikanischen Juden weist. Sie können vorläufig nichts anderes tun, als Geld für die Kriegsleidenüen sammeln. Aus dem Schlüsse geht hervor, daß er in der von den New-Yorkern jüdischen Führern stark diskutierten Frage eines alljüdischen Kongresses eine zuwartende Haltung einnimmt Anm. d. Red. Die große Zahl jüdischer Soldaten, die sich am. Kriege beteiligen und so heldenhaft kämpfen, wird gewiß die Länder, für die sie dienen, von der Aufrichtigkeit des. jüdischen Patriotismus überzeugen und das wird, zur Verbesserung der Lage d'er Juden überall dienen: eine Ausnahme kann vielleicht Rußland, bilden. leb fürchte aber, daß. England durch den Bund, mit Rußland schlechter gewordeni st, weil England keine Sache tun will, die seinen Bundesgenossen unangenehm ist. Nicht deshalb, weil er ihn respektiert sondern weil es ihn einfach fürchtet. Jedenfalls ist bis jetzt die Hoffnung,, die viele hegten, England würde seinen Einfluß auf Rußland gebrauchen, daß es die Lage der Juden verbessere, nicht verwirklicht worden. Unglücklicherweise sind die Bedingungen der Juden in England selbst auch nicht so gut wie sie früher waren. England war früher ständig unser bester Freund. In England ist der Antisemitismus unbekannt gewesen, aber jetzt,, scheint es mir, sind in dieser Beziehung. Symptome einer Aenderung zu bemerken. In, Deutschland leiden die Juden, nicht. Sie nehmen einen sehr primitiven Platz ein und vertreten viele hohe Stellen. Es ist wahr, daß es in Deutschland immer eine gewisse antisemitische Tendenz gegeben hat, ich denke aber„ daß dieser Krieg dieser Tendenz den Garaus machen wird. Ich bin ganz überzeugt, daß der Antisemitismus in Deutschland eine Sache der Vergangenheit sei. Was für eine Rolle Amerika und die amerikanischen Juden in dem Versuch, die Lage der Juden überall zu verbessern, spielen werden, ist schwer zu sagen. Amerika ist weit gegangen, als es seinen Vertrag mit Rußland gekündigt hatte. Ob die Vereinigten Staaten jetzt noch weiter gehen werden, ist jetzt schwer zu urteilen. Es ist wohl kein Zweifel, daß, im Falle Rußland die Judenfrage in dem obengezeigten Sinne lösen würde, die Paßportfrage von selbst fallen würde und dies zu einem Handelsvertrag zwischen Rußland und Amerika führen wird. Ich denke, daß es vorläufig für die Juden in Amerika nichts zu tun gibt als Geld feür die

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