Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 11 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 92 „Neue National-Zeitung" Nr. 11 traurige Erscheinung liegt anderwärts und deren Ursachen viel tiefer. Die russische Reaktion, welche das längst bankerotte, jedoch noch immer brauchbare System: „Divide et impera" zu ihrer Devise gemacht hatte, um ihre schwankende Herrschaft zu befestigen, hat alles darangesetzt, das Verhältnis zwischen Polen und Juden zu vergiften und auf diese Weise die Position ihrer echt russischen „Tschinowniki" in Polen zu verstärken. Von einer Seite werden große Massen Juden aus dem Innern Rußlands infolge des drakonischen Ansiedlungsrayons und ähnlicher Ausnahmsgesetze nach Polen gedrängt; von der anderen Seite wiederum werden die Polen mit Hilfe einer ehrgeizigen Clique und einer niedrigen Revolverpresse gegen den Aaldrang dieser „fremden Elemente" rücksichtslos gehetzt und aufgewühlt. Damit ist der Konflikt fertig. Den russischen „Tschinowniki" fällt auf diese Weise fortwährend die Aufgabe zu, bald nach der einen, bald nach der anderen Seite die Rolle des Beschützers und Patrons zu spielen, um für die sonst schwankende russische Herrschaft in diesen Gebieten einen festeren Grund zu schaffen. Infolge der in den letzten Jahren mit großem Chauvinismus betriebenen Russifizierung aller öffentlichen Aemter in Russisch-Polen wurde auch die polnische Intelligenz aus allen Anstellungen verdrängt und gezwungen, im Handel und Gewerbe neue Existenzmöglichkeiten zu suchen. Damit gelangte dieselbe in einen Konkurrenzkampf mit den handeltreibenden Juden und dadurch konnte der Boykott gegen die Juden so scharf propagiert werden." Wenn auch alle diese Erscheinungen nicht dazu ausreichen, die gewaltige Ausbreitung des antisemitischen Kampfes in Russisch-Polen zu rechtfertigen, so machen sie jedoch gar manches begreiflich und von dieser Seite betrachtet, konnte man vielleicht hoffen, daß die Befreiung Russisch-Polens vom russischen Joche eine Befreiung nicht bloß der dortigen Polen, sondern auch der Juden bedeuten dürfte. In dem Momente, wo die polnische Politik sich von dem schädlichen russischen Einflüsse befreien wird, dürfte vielleicht auch ihr Verhältnis zur Judenfrage ein anderes werden. Der Einfluß der Al l polen auf die öffentliche Meinung dürfte nach dem Bankerott ihrer „russischen Orientierung" schwinden oder mindestens derart abgeschwächt werden, daß die freiheitlichen demokratischen Elemente des polnischen Volkes auch in Russisch-Polen entsprechend zur Geltung kommen werden. AHein, ohne schon jetzt der zukünftigen politischen Gestaltung Russisch-Polens präjudizieren zu wollen, muß mit einem starken Einfluß des polnischen Volkes in diesem Gebiete gerechnet werden und bei aller Hoffnung auf ein normales, befriedigendes Verhältnis zwischen Juden und Polen ist es vielleicht nicht so ganz überflüssig, schon jetzt gewisse Klarheiten in dieser Beziehung zu schaffen, getreu dem Grundsätze: Clara pacta boni amici. Das Auf werfen dieser Frage ist umso berechtigter, als die sog. „demokratisch-freiheitlichen Elemente" in Russisch- Polen bisher nicht die Macht oder vielleicht auch nicht den energischen Willen gezeigt haben, den antisemitischen Orgien der Allpolen entgegenzutreten. Auch das Verhalten des „Kolo polskie" in der Duma gegenüber den Juden ließ viel zu wünschen übrig.**) **) Der Verfasser meint hier offenbar das laue Verhalten des russischen Polcuklubs in der Frage der soeben in Russisch- Poien eingeführten Städte-Autonomie. Dieselbe anerkennt die Gleichberechtigung der Juden nicht und trotzdem hat es der Polenklub unterlassen, bei der Beratung dieses Gesetzes in der Duma auch nur eins platonische Erklärung gegen dieses den Juden zugefügte Unrecht abzugeben. Wenn das offizielle Organ des polnischen „Obersten Nationalrates" sich jetzt zu seiner Reinwaschung darauf beruft, daß die Verletzung der Gleichberechtigung der Juden in der Gemeinde-Autonomie ein Werk der .russischen Regierung sei, so muß um so mehr festgenagelt werdien, daß von polnischer Seite in der Duma nicltts unternommen wurde, um dieses Unrecht zu beseitigen. Anm. der Redaktion. In erster Linie handelt es sich darum, den Juden Russisch-Polens, in welcher Weise auich das künftige Schicksal dieses Landes sich gestalten sollte, vollste politische, bürgerlich e ii n d soziale Gleichberechtigung z u s i c h e rn. Es wäre wohl am richtigsten und am zweckmäßigsten, wenn dieführenden jüdischen Kreise Galiziens und Russisch- Polens sich mit den führenden polnischen Kreisen diesbezüglich ins Einvernehmen setzen sollten. Die Frage ist nun einmal aufgetaucht und es hat keinen Sinn, Vogl-Straußpolitik zu spielen. Auswärtige Einflüsse sollen, jedoch nie als „ultima ratio" in Betracht kommen. Es kann auch den jüdischen Interessen wenig entsprechen, wenn gewisse nichtjüdische Kreise in Petersburg, London und Paris die Judenfrage in Russisch-Polen als Agitationsmittel gegen die Kriegsziele der Zentralmächte ausnützen wollen. Die Befreiung Russisch- Polens vom russischen Joche kann nur nach einem Siege Oesterreich- Ungarns und Deutschlands und mit deren Hilfe gesell e h e n. Die Politik dieser Mächte gegenüber den Juden, die sprichwörtliche Judenfreundlichkeit der Habsburger und Hohenzollern, bietet uns die beste Gewähr, daß die Rechte unserer Brüder in Russisch- Polen gewahrt bleiben werden. In Paris und in London möge man sich auch etwas mehr um das Schicksal derjenigen Juden kümmern, die noch weiter unter dem Zarenjoche verbleiben werden. Als Verbündete Rußlands werden sie wohl in Petersburg manches erwirken können — wenn sie wirklich wollen. Dem Interesse, sowohl der Polen als auch der Juden, dürfte es am besten entsprechen, diese Frage im Wege einer offenen sachlichen Aussprache der beiderseitigen maßgebenden Kreise zu bereinigen. Die Frage ist gegenwärtig aktuell und harrt ihrer Lösung. Jonas K r e p p e 1. Die aktuellen jüdischen Fragen. Von Jakob H. Schiff.*) Es ist kaum möglich, die Furchtbarkeit der Lage der Juden in den Kriegsplätzen zu übertreiben — hauptsächlich der Juden in Po 1 e n. Laut den. Nachrichten, die wir erhalten haben, sind die Bedingungen in Russisch-Polen so schrecklich, daß im Vergleich zu ihnen das Unglück in Belgien eine Kleinigkeit ist. *) Jakob Schiff in New-York wird in der jüdischen Presse als Millionär und Philantrop bezeichnet. Ganz mit Recht. Denn diese Begriffe decken sich nicht immer. Aber Schiff ist nicht etwa ein Chewrah-Philantrop, sondern vielmehr ein großzügiger jüdischer Politiker, der, mag er auch weder Zionist noch Nationalist sein, dennoch nur die Zukunft