Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 11 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Die Judenfrage in Russisch- Polen.*) Unter den vielen Problemen, welche der Ausbruch des gegenwärtigen Weltkrieges auf die Tagesordnung gebracht hat, nimmt die Judenfrage in Russisch-Polen nicht die allerletzte Stelle ein. Schon bei Ausbruch des Krieges mußten alle diejenigen, welche einen Sieg der verbündeten Zentralmächte, Oesterreich-Ungarns und Deutschlands, herbeisehnten und erhofften, damit rechnen, daß als Folge dieses Sieges unter anderem auch das Schicksal Russisch-Polens eine Aenderung erfahren dürfte. Ohne daß im voraus der eventuellen Form dieser Neugestaltung der Dinge vorgegriffen würde, war jedoch eines als gewiß anzunehmen: Dieses Gebiet dürfte den Krallen des russischen Eisbärs entrissen und seine Bevölkerung künftighin in einem mehr oder weniger ausgedehnten Maße dazu berufen werden, die eigenen Geschicke zu bestimmen. Selbstverständlich mußte man damit rechnen, daß die Polen in diesem Lande das entscheidende Wort zu führen haben werden und deswegen wurde von jüdischer Seite die Frage aufgeworfen, w i e sichdanndasSchicksalderdortlebend e Ii Juden gestalten könnte. Die Aufwerfung dieser Frage von jüdischer Seite entbehrte absolut nicht der sachlichen Begründung, angesichts der Verhältnisse, welche sich gerade in den letzten Jahren in Russisch-Polen zwischen den Juden und Polen herausgebildet haben und welche die Besorgnis wachrufen mußten, die Befreiung des Landes vom russischen Joche könnte bloß einseitig, zugunsten der Polen, hingegen zu Ungunsten der Juden, geschehen, da dieselben dann der Verfolgung und Bedrückung seitens der antisemitischen Strömung ausgesetzt sein würden, welche sich in den letzten Jahren in Russisch-Polen breitmachte und sehr weite Dimensionen angenommen hatte. Schon bei Kriegsbeginn, als sich sämtliche polnischen Parteien Galiziens rallierten und ein gemeinsames nationales Zentralkomitee bildeten, mit der Aufgabe, gemeinsam mit Oesterreich-Ungarn für die Befreiung der nationalen Brüder in Russisch- Polen zu kämpfen, als die ersten Vortruppen der österreichischen Armee in Russisch-Polen einrückten und die polnischen „Schützen" sich in den Grenzgebieten zeigten, begannen in den jüdischen Kreisen Russisch-Polens die Besorgnisse über ihr zukünftiges Schicksal rege zu werden. Diese Besorgnisse waren umso begründeter, als ja gerade von russischer Seite diesbezüglich eine heftige Agitation eingesetzt hatte, welche die dortigen Juden für die russi sehe Sache mit den Argumenten gewinnen wollte, eine Niederlage Rußlands würde zur Schaffung eines selbständigen Polen führen und die dort lebenden Juden der antisemiti- *) Mit dem vorliegenden Aufsatze eröffnen wir die D i skussion über die alleraktuellste Seite des jüdischen Problems. Es handelt sich darum, schon jetzt von den Führern der Polen eine klare Enunziation über die bedingungslose Anerkennung der den Juden in Russisch-Polen gebührenden vollen Gleichberechtigung zu verlangen. Je mehr Zurückhaltung die Polen diesbezüglich an den Tag legen, um so mehr Grund haben wir, auf der Hut zu sein; die Herren müssen offene Farbe bekennen. Anm. der Redaktion. sehen Willkür der Herren Dmowski & Kons, ausliefern. Von jüdischer Seite in Russisch-Polen wandte man sich damals nach Galizien mit dem Verlangen, es möge von maßgebender polnischer Seite diesbezüglich eine Erklärung abgegeben werden. Zu einer Aktion in dieser Beziehung ist es jedoch nicht gekommen, nachdem die Kriegsereignisse in der ersten Zeit eine andere Wendung genommen und diese Frage nicht mehr so scharf aktuell war. In der letzten Zeit, nachdem der bisherige Verlauf des Krieges jedem Kenner der Verhältnisse die Ueberzeugung von dem sicheren Siege Oesterreich- Ungarns und Deutschlands beibringen mußte, da große Gebiete Russisch-Polens seit Monaten unter österreichischer und deutscher Verwaltung stehen und alle Anstrengungen von russischer Seite, das Verlorene wiederzugewinnen, sich als vergeblich erwiesen haben, besonders in den letzten Wochen, als die neue siegreiche Offensive in West- und Mittelgalizien ins Werk gesetzt wurde und so große Erfolge brachte — da tauchte diese Frage wieder auf und sie entwickelt sich gerade zu einem sehr bedeutenden Probleme, das nicht nur die Juden und Polen, sondern auch weite Kreise im In- und Auslande beschaffet. Es genügt bloß auf die Artikel von Georg Brandes in der Kopenhagener „Politiken", von Luigi Luzatti im „Corriere della Sera", auf eine oanze Reihe von Artikeln in der russischen, englischen und amerikanischen Presse zu verweisen, welche sich mit dieser Frage eingebend beschäftigen und dem Schutze der Juden Russisch-Polens gegen eine eventuelle Bedrückung das Wort reden. Ohne jede Animosität gegen das Dolnisehe Volk muß konstatiert werden, daß die Verhältnisse in Russisch-Polen in den letzten Jahren das Aufwerfen dieser Frage vollständig begreiflich machen. Der Antagonismus zwischen Polen und Juden in diesem Lande hat die schärfsten Formen angenommen, einen Boykottkampf bis zur äußersten Konsequenz hervorgerufen und geradezu unhaltbare Zustände geschaffen. Es ist nun begreiflich, daß Außenstehende, welche bloß die nackten Tatsachen kennen, ohne deren Ursachen nachgespürt zu haben, die Frage aufwerfen müssen, ob es nicht notwendig wäre, die Zukunft der Juden Russisch-Polens mittels gewisser Garantien politischer und moralischer Natur sicherzustellen. Es möge jedoch vor allem konstatiert werden, daß jeder Kenner der Verhältnisse die Hauptschuld a n d i e s e n Z u s t ä n d e n in erster Linie der russischen Politik zuschreiben wird. Ich zitiere hiezu nachstehende Stelle aus meiner Broschüre „Der Weltkrieg und die Judenfrage": „In den letzten Jahren entstand in R u s s i s c h - P o 1 e n eine ganz eigenartige .1 u d e n f r a :: e. W ährend sonst im allgemeinen das Verhältnis zwischen I\:len und Juden ein erträgliches war, während das iiidisci'-iclrrschc Verhältnis in Galizien bis in den letzten Tagen im allgemeinen befriedigend ist — entbrannte plötzlich jenseits der russischen Grenzpfähle ein erbitterter Kampf zwischen den beiden Volksgruppen. Es ist lächerlich und für jeden Kenner der Verhältnisse geradezu absurd, zu glauben, daß die Frage, wem das Warschauer Mandat zur russischen Reichsduma zufallen sollte, diesen Kampf, diese rücksichtslose Boykottbewegung heraufbeschwören konnte. Ebenso ist es unmöglich zu begreifen, daß die Grenzpfähle zwischen Galizien und Russisch-Polen dazu ausreichen sollten, die öffentliche polnische Meinung gegenüber den Juden derartig zu differenzieren. Die Erklärung für diese