Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1915-05-07 · Heft 9 (7.5.1915) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 9 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425942-2425952--3167-2429735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 «.Neue NatioBal-Zeitüng" Seite 79 ilelden und Märtyrer, das in Qalizien und in der Bukowina für Kaiser und Vaterland geflossen ist, wird seine Früchte tragen. Der Thronfolger hat es versprochen und auf ihn bauen wir felsenfest. Ein Opfer des Krieges. Wenn auch nicht im feindlichen Kugelregen, aber doch im Dienste des Vaterlandes und als Opfer des Krieges ist der 29jährige Leiter des pathologischen Instituts beim Wiener Garnisonsspital Nr. 1, Dr. Max Landau, an den Folgen einer Infektion gestorben. Der Verstorbene, ein zu den größten Hoffnungen berechtigender medizinischer Gelehrter, in der letzten Zeit vor dem Kriege klinischer Assistent an der Universität Freiburg, war der einzige Sohn des Vizepräsidenten der Kultusgemeinde in Brody, Herrn Moses Landau und der Schwager des Anwalts der Krakauer Straßenbahnen, Dr. Sigmund Lachs. * Geistige Nahrung für die jüdischen Soldaten. Der „Jüdischen Presse" in Berlin wird geschrieben: „Es kann Ihnen gewiß nicht bekannt sein, daß wir jüdischen Soldaten hinsichtlich von Geistesnahrung förmlich zum Hungertod verurteilt sind. Gegenwärtig, wo man den Tod täglich und stündlich vor Augen siebt, und Tag tund Nacht aufs Sterben vorbereitet ist, hat man häufig das Bedürfnis nach religiöser Erbauung; was man Zeit seines Lebens nicht vermißt hat, erfüllt einen jetzt ununterbrochen und wir sind alle, mehr oder weniger Gottsucher geworden. Aber es fehlt uns an r e l i g i ö s e n S c h r i f t e n, an Gebetbüchern, Erbau un gss c h rif tien, ao jüdischen Zeitungen. Wir leihen uns von christlichen Kameraden die Psalmen und Feldbibeln. Die Missionsschriften feiern bei den jüdischen Soldaten wahre Orgien und Triumphe. Warum sind ®enade wir jüdische Soldaten ganz und gar verlassen? Man schickt uns Liebesgaben zum Essen und Anziehen, aber für unseren Gemütshunger schickt man uns nichts. Bitte, Herr Doktor, helfen Sie, alle Kameraden werden es Ihnen danken." Leider trifft dies auch für Oesterreich zu. Insbesondere kommen uns Beschwerden zu, daß das von Dr. G r u n w a 1 d zusammengestellte, äußerst magere und aus Bruchteilen bestehende Kriegsgebetbuch den religiösen Bedürfnissen der zahlreichen strenggläubigen Soldaten nicht genüge. Der nordamerikanische Kriegsminister und die Juden. Das jüdische Tagblatt „The Jewish Daily News4' in New York veröffentlicht ein Interview seines Redakteurs mit dem Staatssekretär Garrison des Kriegsamtes der Vereinigten Staaten, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Die Juden", so erklärt Mr. Garrison, „die in den verschiedenen vom Kriege betroffenen Ländern wohnen, werden selbstverständlich die gleichen Rechte wie alle anderen haben, sich mit Beschwerden an die Konferenz zu wenden, die den Krieg zu beenden berufen sein wird. Solange niemand die Zusammensetzung dieser Konferenz wissen kann, ist es unmöglich, zu bestimmen, ob die Juden erwarten können, auf dieser Konferenz direkt vertreten zu sein. Insoweit als die Beschwerde der Juden interne Angelegenheiten eines Staates darstellen, ist es selbstverständlich, daß kein anderer Staat sich in diese Angelegenheiten einmischen kann. — Welche Rolle unser Land in Zukunft in den großen Fragen der Gegenwart spielen wird, ist unmöglich vorauszusehen. Das Klügste, was Ihr Volk tun kann, wird sein, sorgfältig alle die Tatsachen sammeln, die mit den Sie interessierenden Fragen zusammenhängen und die Maßnahmen und Mittel zu formulieren, welche nach Ansicht Ihrer Nation zur Lösung dieser Frage angewandt werden sollen. Meiner Meinung nach wäre es nutzlos, zu versuchen, jetzt solche Fragen zur Diskussion zu stellen, denn die ganze Welt hat heute nur Interesse für den großen Krieg in Europa und dieses Interesse kann nicht abgelenkt werden. Wenn ich mich militärisch ausdrücken soll, so möchte ich sagen: Sagen Sie Ihrem Hauptmann, nicht früher den Befehl zum Schießen zu geben, als bis der Feind in Sicht ist. — In anderen Worten, warten Sie, bis wenigstens Aussicht vorhanden ist, daß Ihre Argumente gehört werden, bevor Sie alle die Gründe und Beweise vorbringen, die Ihrer Ansicht nach Ihren Bemühungen förderlich sein sollen." Die Russenwirtschaft in Galizien. Die letzte Nummer der Warschauer „Hazeürah" teilt mit. daß die mit den galizischen Fragen betraute Kommission in Petersburg von ihrer Reise durch die okkupierten Gebiete in Galizien zurückgekehrt ist und der Regierung Bericht erstattet hat. Danach ist besonders die Lage der Juden eine ganz trostlose. In Sassow ernährten sich au Fniedenszeiten mehr als 500 jüdische Familien von der Anfertigung goldgestickter Tallisborten. Die Stadt gleicht jetzt einem Trümmerhaufen. Sobald sich ein Fremder auf der Straße zeigt, sieht er sich von halbnackten, verhungerten Menschen umringt, die um Brot schreien. Bei der Eroberung der Stadt wurden 12 Juden getötet (durch wessen Hand?) und mehrere Häuser verbrannt. Das Städtchen Bialokomin, das 35 km von Brody entfernt ist, zählte in seinen Mauern vor Ausbruch des Krieges 400 jüdische Familien, von denen heute nur noch 130 am Platze anwesend sind, die in der Synagoge und im jüdischen Badehaus domilizieren. Denn von den 350 jüdischen Häusern sind nur 9 verschont geblieben. Etwa 80 Familien fanden Unterkunft in christlichen Häusern. (Wie merkwürdig, daß diese allein unberührt blieben!) Die Leute sind aller Existenzmittel vollkommen bar. Bei Salusze, 50 km von Brody, entwickelte sich die erste erbitterte Schlacht mit den Oesterreichern. Dort wohnten mehr als 2000 jüdische Familien, die zu den wohlhabendsten in der ganzen Gegend gehörten. Das Städtchen hat schwer gelitten. Von 805 Häusern ist heute nicht viel übrig. Weniger gelitten hat das Städtchen Zloczow, das als Zufluchtsort für die ganze Umgebung, ein Bild tiefsten Jammers bietet. Besonders schlimm gestaltet sich die Lage der jüdischen Kleinhändler und unzähligen kleinen Beamten, die unter dem neuen Regime ihre Stellung verloren haben. Wie aus Kopenhagen berichtet wird, wurden durch Kiew 165galizische Juden geführt, die alle nach den östlichen Gouvernements (Sibirien) gesandt werden sollen. Die Verantwortlichkeit für die Judenverfolgungen in Rußland. Exminister Luigi Luzzatti schreibt an „Corriere della Sera", der Präsident des polnischen Zentralkomitees in Wien habe in einem Schreiben an ihn mit Entschiedenheit jede Verantwortlichkeit für die an den Juden verübten Grausamkeiten und namentlich auch die diesbezüglichen Anklagen des Schriftstellers Georg Brandes zurückgewiesen. Luzzatti fügt hinzu, gleiche Proteste habe er auch von russischer Seite erhalten. Er schlägt vor, daß die Polen in Rußland, Oesterreich und Preußen und auch die Russen eine Untersuchung veranstalten sollten, um festzustellen, wem die Verantwortung für die Greuel zufällt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.