Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 9 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 78 ^M^^Mmßk^^^l Nr. 9 unrichtig. Trotz des Entgegenkommens der österreichischen Regierung, die sich bereit erklärte, auch in Budapest an die Flüchtlinge die Unterstützung ^auszubezahlen, und trotz der persönlichen Intervention des Sektionsrates von Marquet, hat die ungarische Regierung — wie es heißt, über Betreiben Budapester jüdischer Kreise — in einem sehr zweideutig gehaltenen Kommunique erklärt, daß zwar nur diejenigen Budapest verlassen müssen, die es freiwillig tun oder verdächtig sind, daß aber die anderen, nach dem 15. Mai, „mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten der Verpflegung der Hauptstadt" nach — Barackenlagern abgeschoben werden. Damit würde sich die Lage dieser Flüchtlinge noch verschlimmern, da sie immerhin in Oesterreich nicht in Baracken untergebracht werden. Man haf bisher immer von dem großen Einflüsse der .luden in Ungarn gesprochen. In der Flüchtlingsfrage hat sich dieser Einfluß nicht gezeigt; er wurde auch gar nicht benützt. Das Verhalten der ungarischen Kultus^emeinden, Rabbiner und jüdischer Politiker in der Fiüchflingsfrage ist ein schändliches; es wird sehr gut sein, sich dasselbe für alle Zeiten gut zu merken und die Pester Judenschaft wie die Pest zu meiden. Die „Frankfurter Zeitung" und die gaiizischen Flüchtlinge. In ihrer Nummer vom 18. April veröffentlicht die ..Frankfurter Zeitung" einen sehr bemerkenswerten Artikel betitelt ,,G a 1 i z ien in Wie n". Wir empfehlen diesen Artikel besonders den Wiener Juden und den Lesern der .,Oesterr. Wochenschrift", die sich einen Rabbiner Caro aus Lemberg bestellt hat, um die gaiizischen Juden zu moralisieren. Wie ganz anders weiß das im internationalen Ansehen stehende reichsdeutsche Blatt die Lage der gaiizischen Juden und ihre „Untugenden" zu beurteilen. Wir zitieren hier bloß den wichtigsten Passus: „Es geschieht für die gaiizischen Flüchtlinge vielerlei; zur Linderung der unmittelbarsten Not jagt eine Hilfsaktion die andere, und nach dem Kriege wird — so hat die Regierung erklärt — alles geschehen, um aus der ungeheuren Verheerung neues Leben zu wecken. Dennoch muß man sagen, daß die Wiener zu ihren flüchtigen Gästen kein richtiges Verhältnis gefunden haben. Die relativ kleine Schicht von reichen Galiziern, die auf der Kärtnerstraße und am Graben flanieren, trübt allzu sehr den Blick für das Elend der Masse; aus der großen Zahl der Beschäftigungslosen, die die Kaffeehäuser bevölkern und für die das Kaffeehaus doch oft genug lediglich der Zufluchtsort aus der Oede einer unerträglichen en.g.en Behausung ist, werden ganz falsche Schlüsse gezogen, vor 8 Wochen auch eine zahntechnische Abteilung ins Leben gerufen. Da dieselbe naturgemäß nur mit relativ hohen Kosten erhalten werden kann, ergeht die höfliche Bitte um Zusendung von alten, außer Gebrauch gesetzten Gebissen. Dieselben können, wenn sie auch ihrem bisherigen Träger wertlos'geworden sind, doch noch bei der zahntechnischen Abteilung in einzelnen Bestandteilen nützliche Verwendung finden. Armenambulatorium IL. Taborstraße 20a. Telephon Nr. A 41630. Jüdische Flüchtlinge in Karlsbad. In Karlsbad und 'seinen- Vororten befinden slich nicht weniger als 4000 Flüchtlinge, für welche die Kultusgemeinde aus eigenen Mitteln und abgesehen von der staatlich bewilligten Unterstützung sorgt. Der bisherige Betrag, der zu diesem Zweck ausgegeben wurde, beträgt mehr als 15.000 Kronen; allein trotzdem von vielen Seiten Spenden an Kleidern und verschiedenen anderen Artikeln sowohl vom Inals vom Auslande eingelaufen sind, so genügt dies bei weitem noch nicht. Anläßlich des Peßachfestes wurde den meisten Flüchtlingen ein besonderer Zuschuß für die Anschaffung von Mazzes bewilligt, außerdem hat die Kultusgemeinde von der Militärverwaltung die rituelle Ausspeisung der Soldaten für die Osterfeiertage übernommen und bestreitet die Mehrkosten hierfür aus eigenen Mitteln. Es dürften zirka 80 bis 90 jüdische Soldaten während der Osterfeiertage verköstigt werden. Weiteres hat die Kultusgemeinde auch die Auszahlung des vom Staate gewährten Hilfsbeitrages von 70 Heller für sämtliche in Karlsbad und der nächsten Umgebung wohnenden gaiizischen Flüchtlinge übernommen, und es hat sich ein Komitee in Karlsbad gebildet, welches denselben sowohl die vom Staate gewährten Subsistenznwtrtel;. als auch die Venteiküng der von der Gemeinde bewilligten Beiträge übernimmt und an die Flüchtlinge in der Weise ausfolgt, daß Auszahlung resp. Einhändigung in den Wohnungen der Flüchtlinge erfolgt. Es folgt eine ausführliche Erörterung des Sperr-Erlasses gegen die gaiizischen Advokaten, der als Fehlgriff bezeichnet wird, als eine Konkurrenz von Staatsgenossen, die für denselben Staat leiden, der ihnen nun auch ihre Rechte verkürzt. « Zahntechnische Abteilung des Armenambulatoriums. Das Armenambulatorium des Zionistischen Zentralkomitees für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina hat Kriegsnachrichten. Das Versprechen des Thronfolgers. Anläßlich der in Czernowitz seitens des Erzherzog-Thronfolgers Karl Franz Josef am 21. April erteilten Audienzen wurde auch eine Deputation der Kultusgemeinde empfangen. Auf die Ansprache der Deputation erwiderte der Thronfolger: „Ihre Glaubensgenossen haben wegen ihres Patriotismus unter der Russenherrschaft sehr gelitten. Die jüdische Bevölkerung ist sehr patriotisch. 'Wir werden ihr das nie vergess e n. Nach glücklicher Beendigung dieses Krieges werden hoffentlich alle Schäden gut gemacht werde n." Diese offene und rückhaltslose Anerkennung des jüdischen Patriotismus seitens des künftigen Trägers der Krone, weiters die In-Aussicht-Stellung des vollen Schadenersatzes werden nicht verfehlen, in den weitesten Kreisen der durch den Krieg schwer heimgesuchten jüdischen Bevölkerung Galiziens und der Bukowina frohe Hoffnung und Zuversicht zu erwecken. Es ist ein ungeheurer Trost für diese dynastisch so anhängliche Bevölkerung, wenn sie weiß, daß der Thronfolger an sie denkt und für sie sorgen will. Aber auch die nichtjüdischen Kreise können über diese Anerkennung des jüdischen Patriotismus nicht hinweggehen. Das jüdische Blut, das Brat der