Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 9 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nrv 9 .Neue National-Zeitung" Seite 77 ausführlich berichtet, ebenso daß sich Dr. Low infolge dieser Wahl seine Position in Szegedin verbesserte und daher an Dr. Stern einen Absagebrief richtete. Nun sind die Herren Stern-Kauders auf dem besten Wege, das Prestige der Wiener Qemeinde neuerlich zu blamieren. Ihre Kandidaten sind diesmal: Dr. H e v e s i, vormals Mandl aus Budapest, und Dr. Venetiane-r aus^Ujpest, der Bruder eines katholischen Geistliehen: Für den Herrn aus Eisenstadt ist nämlich die Parole entscheidend: „Nur kein O e s t e rreiche r." Allein das Wiener Judentum, das zur Hälfte aus dem Osten stammt, dürfte es jetzt als einen Faustschlag ins Gesicht betrachten, wenn man ihm dermalen für den Posten eines Wiener Oberrabbiners einen Magyaren zumutet. Herr Doktor Alfred S t e r n, Präsident der Kultusgemeinde, ist auch zugleich Präsident der Isr. Allianz und des allgemeinen Oesterr. Isr. Gemeindebundes. Er ist zweifellos über das Verhalten der ungarischen Juden gegenüber den galizischen Kriegsflüchtlingen genau unterrichtet und wenn nicht, kann er es aus dem in Frankfurt erscheinenden „Israelit'', einem Organ, das im Punkt der Beurteilung ungarischer Juden gewiß am objektivsten ist, entnehmen. In dem Leitartikel des „Israelit" vom 29. April d. J. finden wir folgende Stelle: „Der Budapester Polizeihauptmann hingegen äußerte sich dem Berichterstatter des „Egyenlöseg" gegenüber, daß er aus seiner Praxis darauf hinweisen könne, daß zahlreiche Budapester Juden selbst beiihmgegen die plötzlich e „I n v a s i o n" des Erwerbslebens durch galizische -Flüchtlinge Klage geführt hätten.'' Das genügt doch wohl. Dieses Verhalten der ungarischen Juden zeigt ebensoviel Animosität und Gehässigkeit gegen die österreichischen Juden wie auch einen Mangel an jeder jüdischer Solidarität. Und da hält es der Wiener Kultusvorstand für angemessen, diesem ungarischen Judentum eine Huldigung darzubringen und aus seinen Reihen zur geistigen Leitung der größten österreichischen Gemeinde Männer zu beziehen! Aus der separatistisch genährten Atmosphäre der ungarischen Judenheit, welche in drei verschiedene Konfessionen zerrissen, durch Zank, Zwist und Zwietracht zerklüftet, das Schauspiel der Uneinigkeit bis zur konfessionellen Spaltung darbietet, Männer zu wählen zur Leitung einer einheitlichen Gemeinde in Oesterreich — solche Gedanken konnten bloß Leute fassen, die den Vorgängen innerhalb des Judentums weltfremd gegenüberstehen. Mit aller Entschiedenheit darum wenden wir uns gegen die Zumutung, daß man uns den Oberrabbiner aus Budapest importiert. Im österreichischen und hauptsächlich im jüdischen Interesse ist es gelegen, daß der zukünftige Oberrabbiner von Wien ein Oesterreiche r sei, der die religiösen und kulturellen Bedürfnisse des österreichischen und besonders des Wiener Judentums genau kennt. I. G. Zur Oberrabbinerfrage in Wien. (Das Vertreter-Kollegium gegen Oberrabbitier Dr. Güdemann.) Durch den Artikel in unserer letzten Nummer sind erst die meisten Mitglieder des Kultusvorstandes auf die Geiahren, die dem jüdischen Gemeindeleben durch die Magyarisierung des Wiener Oberrabbinates drohen, aufmerksam gemacht worden. Die letzte Vorstandssitzung, die über die Einladung der Budapester Rabbiner zur Probepredigt Beschluß fassen sollte, ist entgegen den Wünschen der Präsidenten Dr. Stern und Dr. Gustav K o h n resultatlos geblieben. Die Sache bleibt also vorläufig bis zum Herbste liegen. Bis dahin hoffen wahrscheinlich die weisen Kcnigsmacher sich den Boden besser präparieren zu können. Es sind dies die Herren: Dr. Stern, Dr. Gustav K o h n, Dr. Markus Spitzer und Sigmund K a u d e r s. Hiebei bedienen sich diese Herren eines sehr interessanten Arguments, dessen Kenntnis wir der jüdischen Oeffentlichkeit nicht vorenthalten dürfen, schon deshalb, damit sie weiß, auf welcher Plattform sich der bevorstehende Kampf um den so bedeutungsvollen Oberrabbiner-Sitz abspielen wird. Diese maßgebendsten Mitglieder des Kultusvorstandes stellen folgende These auf: Die Berufung eines Oberrabbiners von auswärts richte sich nicht gegen die Personen der Wiener Rabbiner, sondern gegen das vorherrschende System. Das Bestreben des Wiener Rabbinates war bisher der E r w erb, der Nebenverdienst, die Bereicherung. Damit müsse gebrochen werden. Durch diese schwersten Vorwürfe, die einen Gottesdiener treffen können, brechen die Führer der Gemeinde über ihren Oberrabbiner und alle Mitglieder des Rabbinates den Stab. Wir haben nicht das Recht, dieselben in Schutz zu nehmen; mögen sie es selbst tun. Wohl aber darf die jüdische Oeffentlichkeit fragen, warum diese Zustände solange geduldet wurden. Warum haben Präsidium und Vertreter-Kollegium so lange passiv zugesehen, wie sich ihre Rabbiner bereichert und ihre Seelsorger- Pflichten dem Erwerbe untergeordnet haben? Werden wir darauf eine Antwort bekommen und nicht bloß ein stammelndes Dementi? Wir glauben ja gar nicht an die Ehrlichkeit des neuen Schlagwortes, es ist nichts als ein Vorwand. Bezeichnend für die Verhältnisse und die Personen ist nur, daß die verantwortlichen Führer der Gemeinde insgeheim das System ihres Oberrabbiners als verwerflich hinstellen, während sie ihn öffentlich nicht genug in den Himmel heben können. Und da soll man vor dieser Gesellschaft Respekt haben! Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Die Ausweisung der Flüchtlinse aus Ungarn. Die in den Wiener Blättern veröffentlichte Nachricht, daß es den jüdischen Abgeordneten aus Galizien in Budapest seiungen sei, die beabsichtigte Ausweisung der galizischen Flüchtlinge bei der ungarischen Regierung zu hintertreiben, ist