Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 9 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 76 Neue National-Zeitung" Nr. 9 nahmen von dieser Kundgebung: Aufnahmen auf. Bei diesem Anlasse kamen einige unangenehme Zwischenfälle vor, hervorgerufen durch die polnische Bevölkerung. So fuhr ein Automobil direkt unter die Menge der Leidtragenden und einige Leute wurden verwundet, durch die Klugheit einiger Ordner wurde Schlimmeres verhütet. Aus ganz Rußland und auch aus dem Auslande sind zahlreiche Telegramme an die „Hazefirah" gekommen, die dem großen Schmerz Ausdruck geben über den Heimgang des berühmten und gefeierten Schriftstellers und Dichters. * Ueber die letzten Augenblicke des Dichters wird geschrieben: J. L. Perez ist inmitten der gewohnten Arbeit, ohne vorherige Krankheit, gestorben. Er war mit schriftstellerischen Arbeiten am frühen Morgen beschäftigt, als er plötzlich niedersank. Sein Freund Dr. Minz war bei seinem Tode anwesend, der herbeigerufene Arzt konnte nicht mehr helfen. Die Biographie des Dichters: Isaak Löb Perez. jüdischer und hebräischer Schriftsteller, wurde am 25. Mai 1851 in Samoscz, Oouv. LuBÜB, geboren. In seinem frühesten Jugendalter wurde er schon als „FluT bezeichnet. Nachdem er seine Ausbildung im Hebräischen genossen hatte, widmete er sich dem profanen Studium. Es begann für ihn die Periode der „Aufklärung". Er kritisierte jüdische Gebräuche, schrieb gelegentlich hebräische und jüdische Gedichte und wurde als „Maskü" angesehen. Dieser Periode gehören an seine Gedichte: „Haluchath ha- Cfiochmoth" (veröffentlicht im „Haschachar", 1876, p. 192) und „Sippurim be-Schir we-Schirim", Warschau 1877. Hierauf trat eine Periode des Stillstandes ein. Erst im Jahre 1886 erschienen von ihm weitere Gedichte: „Manginoth ha-Zeman" und „Ha-Ir ha-Ketana", veröffentlicht im „Ha-Asif". Diese Gedichte übertreffe» in verschiedener Beziehung die früheren. Zu jener Zeit lebte Perez in seiner Geburtsstadt, wo er als Rechtsanwalt praktizierte. Veranlaßt durch vonseiten der Resn'crun? ihm auferlegte Beschränkung, legte er seine Praxis hier nieder und suchte irgend anderswo eine Lebensstellung. In Warschau erhielt er eine Sekretärstelle bei der iüd. Gemeinde. Von dieser Zeit an widmete er sich, der Literatur. Perez erzählt die Geschichte des Volkes in dem ihm eigenem Dialekt, einfach und dennoch lebendig. Er zeichnet sich besonders aus durch seine scharfe Beobachtung und seine Vertiefung in die psychologische Konstitution seiner Helden. Obwohl er in seiner Art gegen beides kämpft, gegen die Lage im Ghetto und gegen den öffentlich herrschenden Zustand (wegen des letzteren wurde er von der Regierung mit Gefängnisbestraft), sieht er nicht nur die Schattenseiten der Dinge (gegen welche er kämpft), sondern auch ihre Lichtseiten. Diesen Zog zeigt er besonders in seinen chassidistischen Erzählungen, in welchen er uns mit einer Neigung zum Fanatismus und in seiner kraftvollen Phantasie meisterhaft die ganze innere Welt des chassidistischen Lebens offenbart. Perez gesammelte Schriften wurden in Hebräisch (Kol Kithbe Perez". Warschau 1899), in Jiddisch, zu seinem fünfzigsten Geburtstag („Schriften" ib. 1901) und in Russisch (St. Petersburg, 1982—3) veröffentlicht. Sie erschienen auch in anderen verschiedenen europäischen Sprachen. „Ha-Ugab", Gediente, wurden 1896 veröffentlicht. Der Jüdische Verlag in Berlin veröffentlichte 1913 seine Erzählungen in der Uebersetzung von Dr. N. Birnbaum. Kitriosa aus der Seitenstettengasse. Solange nur Gerüchte kursierten, daß der Kultusvorstand gerade jetzt es an der Zeit erachtet, die Oberrabbinerfrage in Erledigung zu bringen, konnte kein ernst denkender Mensch diesen Nachrichten irgend eine Glaubwürdigkeit beimessen. In dieser Zeit schwerer Kriegsnot hat die Wiener Judenschaft doch zweifellos andere Sorgen und andere Aufgaben. Erst die wiederholten Vertretersitzungen und Pfenarversammlungen des Wiener Kultusvorstandes, die ausschließlich dieser Frage gewidmet waren, haben jenen anfänglichen Unglauben verscheucht. Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes muß nunmehr auch die jüdische Oeffentlichkeit dem Vorgehen des Kultusvorstandes Aufmerksamkeit zuwenden. Die Bedeutung des Oberrabbiners einer Gemeinde von der Größe der Wiener muß voll und ganz gewürdigt werden. Es harren seiner hohe Aufgaben in Bezug auf Regelung religiöser und kultureller Verhältnisse und von seiner Kenntnis und von seinem Taktgefühl sind das geistige Wohl und die Entwicklung der großen jüdischen Gemeinde abhängig. Der Oberrabbiner von Wien ist auch in der wissenschaftlichen Welt der Repräsentant des österreichischen Judentums. Umsomehr muß die für dieses Amt bestimmte Persönlichkeit auch mit den Verhältnissen des Wiener Judentums innig vertraut sein. Solche Gesichtspunkte müssen bei der Wahl eines Wiener Oberrabbiners in erster Linie zur Geltung gelangen. Das Vorgehen des Präsidiums erweckt hingegen den Anschein, daß alle diese Erwägungen gar nicht in Betracht gezogen wurden, sondern daß die Ernennung des Oberrabbiners im Handumdrehen erledigt werden sollte, weil hierfür nicht sowohl bestimmte Gründe als bestimmte Persönlichkeiten maßgebend waren. Mit einem besonderen Eifer arrogiert sich ein Herr aus dem Kultusvorstand, der zwar dem Präsidium nicht angehört, aber auf die Entschlüsse desselben den stärksten Einfluß ausübt, den Beruf, den zukünftigen Oberrabbiner für Wien zu bestimmen. Die Leser dieses Blattes kennen bereits das Wirken dieses Herrn und seinen Namen: es ist dies ein Weinhändler aus Eisenstadt in Ungarn, Sigmund Kauders, der jetzt sein Domizil in Simmering hat. Wir empfinden es als eine Beschämung, daß ein Mann, der keiner einzigen zivilisierten Sprache mächtig ist, dessen so/istige geistige Qualifikationen sehr minimal sind, im Wiener Kultusvorstand bei der Wahl des Oberrabbiners eine führende Rolle spielt. Dieser Herr hat bereits vor einigen Jahren den Wiener Kultusvorstand und die Wiener Kultusgemeinde in der traurigsten Weise blamiert. Er hatte damals in Nizza die Bekanntschaft des Oberrabbiners Dr. Low aus Szegedin gemacht und als tüchtiger Weinhändler sofort dessen Eignung zum Rabbiner in der Leopoldstadt, deren Kanzel zu besetzen war, herausgefunden. Als ehemals sehr versierter Weinreisender wußte er den Dr. Low derart anzupreisen, daß Präsident Dr. Stern mittels pneumatischer Karsten eine Vorstandssitzung zusammentrommelte, bei der er eine Majorität für die Wahl des Dr. L ö w aus Szegedin zum Rabbiner der Leopoldstadt erzwungen-hat. ka> diesem Blatte wurde ja darüber, seinerzeit