Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 9 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425942-2425952--3163-2429731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 9 «.Neue National-Zeitung" I Prof. Dr. Abraham Berliner Von einem ehemaligen Schüler. Im zweiundachtzigsten Lebensjahre ist der ebenso gelehrte als verehrte Professor Berliner am Hildesheimerschen Rabbinerseminar gestorben. Er war eine ganze, eindrucksvolle, gefestete Persönlichkeit. Der „kleiner Berliner" war ein großer Mann und ein kolossaler Gelehrter. Als Mensch und Charakter war er gütig, wohlwollend, hilfsbereit; klar und sicher in den Zielen, unwandelbar in der Ueberzeugung. Ein Musterjude durch und durch. Er stand auf breiter, gut gegründeter konservativer Basis ohne Beschränktheit und geistige Enge. Die Wissenschaft des Judentums ging ihm über alles. Ihr hing er von Jugend an mit inniger Liebe an, so daß er als Schullehrerssohn, der niemals Gymnasium oder Universität besucht hatte, durch unermüdlichen Eifer und erfolgreiche Arbeit zu den höchsten akademischen Würden gelangte, Ehrendoktor der Leipziger Universität und preußischer Professor wurde. Als Lehrer und Bibliothekar des Rabbinerseminars entfaltete er eine segensreiche Tätigkeit. Die Schüler liebten ihn inniglich. Sie verdankten ihm reiche Anregung auf dem Gebiete der Geschichte und Literatur des Judentums, die er glänzend beherrschte. Er war eine wandelnde Bibliothek, ein großer Bibliograph. Seine Arbeiten zählen nach vielen hunderten, da er in zahllosen Zeitschriften aller Sprächen mitwirkte. Er besaß eine wunderbare Detailkenntnis seiner Gebiete. Auch als Populärschriftsteller leistete er viel. Seine Hauptwerke sind die kritische Raschiausgabe zum Pentateuch, die Onkelosedition, die Geschichte der Juden in Rom und zahlreiche Arbeiten über die Juden des Mittelalters. Seine Beiträge zu hunderten Themen, Fragen, Persönlichkeiten sind kaum zu überblicken. Ueberall finden sich originelle, geistreiche Notizen, Betrachtungen und Einfälle; eine Fülle von kostbarem Material. Eine seiner letzten Arbeiten, „Randbemerkungen zum Siddur" ist ein Kabinettstück echt Berliner'schen Gepräges. Seine Bücher „Aus dem inneren Leben der Juden des Mittelalters". „Wanderungen durch die Bibliotheken Italiens", „Beiträge zur Geschichte der Raschikommentare", „Beiträge zur Geographie und Ethnographie Babyloniens in Talmud und Midrasch" legen, wie schon die Titel lehren, Zeugnis ab von der Vielseitigkeit dieses Gelehrten. Er war kein weltabgeschiedener Stubengelehrter, sondern stellte sich, wann es nottat, mitten ins volle Leben, um für das unverfälschte Judentum wacker einzutreten. Er war flatterhaftem Reformertum ebenso abhold wie starrer, finsterer, wissenschaftfeindlicher Orthodoxie. In allen Lagern genoß er Ansehen, weil man seine Objektivität und Unbestechlichkeit im Urteil kannte und schätzte. In Leben und Lehre war und blieb er trotzdem konservativ im bestem Sinne des Wortes, obzwar er Kritik auf dem Felde der Wissenschaft selbst trieb und verlangte. Ins Schlepptau irgend einer Partei ließ er sich nicht nehmen und stand unabhängig und selbstherrlich da; er scheute den Kampf selbst im eigenen Lager nicht, wenn es seine Ueberzeugung erheischte. Gesund war er an Geist und Leib und blieb es bis in das Greisenalter, dessen Gebrechen ihm nicht nahten. Mit der Feder in der Hand ist er in die Ewigkeit eingegangen. Das gegenwärtige Judentum, so arm an großen Persönlichkeiten, muß seinen Verlust tief beklagen. Er gehörte zu den begeisterten Idealjuden, die nicht alle Tage wachsen, ein echter Wissenchaftler der alten Schule, die das ganze Leben dem Lehren und Studieren widmet. Die Lebensarbeit reifte ihn zu reicher Ernte und zu großen Ehren, für die er nicht unempfänglich war. Sie gebühren ihm um so mehr nach seinem Tode, den wir aufrichtig beweinen. Sein Andenken wird in Israel gesegnet bleiben alle Zeit. J. L. Perez' Tod. Die Nachricht von dem plötzlichen Tode Perez' hat überall, wo Juden wohnen, tiefe Trauer und Wehmut hervorgerufen. Er war der Dichter der jüdischen Volksmassen und diese sind ihm dankbar geblieben. Man sehe da den Unterschied zwischen dem großen Millionär Lord Rothschild und dem kleinen Kultusgemeinde-Beamten Perez. Ueberall, wo die Juden in Massen wohnen oder die Juden des Ostens sich niederließen, hat man für Perez Tj rauerkundgebungen veranstaltet, die jüdischen Zeitungen haben ihm spaltenlange Nekrologe gewidmet und seinen Tod als einen nationalen Verlust beklagt. Lord Rothschilds Tod hat das jüdische Volk kalt gelassen. Will da noch jemand sagen, der Jude beuge sich vor dem Kapital? Das Leichenbegängnis Perez's war eine Massendemonstration der Warschauer Juden für ihren Lieblingsdichter und Volksführer. Dem toten Löwen hat das polnische Gelichter noch einen Eselsritt versetzen wollen; die jüdischen Massen haben die polnische Provokation in würdiger Weise abgewehrt. Ueber die Beerdigung des Schriftstellers J. L. Perez lesen wir in der „H a z e f i r a h": Tausende von Menschen besuchten das Sterbehaus in drei Tagen, von der Stunde des Todes bis zu seiner Beerdigung, um den Angehörigen den großen Schmerz um den Heimgegangenen auszusprechen und um nochmals sein Antlitz zu schauen. In einfachen Linnengewändern lag Perez im Sarge, in einen Tallis eingehüllt. Zu seiner Beerdigung, die am 7. Tage von Pessach stattfand, hatten sich Zehntausende aus allen Schichten der Bevölkerung eingefunden. Sein Sarg wurde von den nächsten Freunden, darunter die Verleger und Redakteure des „Haint" und des „Fr'eind", zum Friedhofe getragen. Wegen des Feiertages wurde der weite Weg zu Fuß zurückgelegt. Nach dem Sarge folgten 65 Delegationen von Vereinen und Gesellschaften, darunter auch Delegierte des „Vereines zur Verbreitung der Wissenschaft", aus Petrograd und Moskau. Man sah die angesehensten Männer der Stadt und die Vorsteher der Gemeinde. Am Grabe sang Kantor Sirota mit seinem Chore und einige Kollegen brachten den Sarg ins Grab. Trauerreden wurden keine gehalten. Den ganzen Weg entlang, den das Trauergeleite nahm, umsäumten Tausende von Menschen und Photographen