Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 8 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 70 ,Neue Natipnal-Zeitung" Nr. 8 Vor dem Bahnhof, inmitten der Nebel, von ihrer Schwermut erfüllt, stand einer starr, unbeweglich: in langem Kaftan, mit wehenden Stirnlocken und weißem, wallenden Bart: Israel Mose Stein. „Was soll ich da?", rief es in ihm. „Was soll ich da??" — Eine Stunde später kam ein zweiter Zug mit Flüchtlingen. Israel Mose Stein schloß sich ihnen an, verbrachte die Nacht in einem Massenquartier. Kommenden Morgen und alle Tage darauf ging er von Amt zu Amt, von Auskunftstelle zu Auskunftsteile. Er konnte sich nicht leicht verständigen und bekam nicht immer willige Auskunft. Aber nach Stunden fand er doch hin und nach Stunden ward er vorgelassen. Einen Augenblick wartete er, dann: „Unbekannt!", hörte er. „Unbekannt", hörte er, wenn er eintrat und hörte es wieder, wenn er die Türe hinter sich schloß. Dröhnend lief ihm das Wort nach, kam mit trockener Härte knapp hinter ihm. Er ging in die kleinen Judengassen; instinktmäßig fand er hin. Hunderte von geflüchteten Juden standen auf den Gassen, in den Gartenanlagen, auf dem Platze vor dem plumpen Gemäuer der Kirche. Israel Mose Stein suchte nach einem, der ihm von seinem Weib und seinen Kindern erzählen konnte, aber er traf niemanden. Er drängte sich in die Haufen der Juden und horchte; vielleicht hörte er ein Wort der Hoffnung. Hier und dort wieder und zum dritten Male klang es auf: Zeitung. — Er ging hin und am nächsten Tag konnte man lesen, „ob niemand Auskunft geben könne über Israel Stein____" Immer mehr verfiel er. Die paar Kronen, die er mitgenommen hatte, waren zu Ende. Und betteln konnte, wollte er nicht. Ein einziges Mal hatte er sich um halb 7 Uhr morgens um eine Unterstützung angestellt; um 1 Uhr kam er vor. Mit vielen Hunderten stand er in den langen Reihen, eng gepreßt die endlosen Stunden da. Viel kränker war er seither. — Männer mit Helmen und spiegelnden Waffen suchten Ordnung zu machen, Ordnung im Elend. Menschen gingen vorbei, blickten auf die Masse Jammer; andere blieben stehen und schauten stundenlang zu, wie man eine geputzte Auslage anstarrt. Seither ging Israel Mose Stein nicht mehr betteln. 68 Jahre hatte er in den Dörfern gelebt; von seiner Stube in den Tempel, vom Tempel in seine Stube war meist sein Weg gewesen. Und nun ging er durch die Straßen und Gassen; immer neue Straßen und Gassen kamen, durch die er müde irrte. Er fürchtete sich vor den Häusern, die ihn kalt und erbarmungslos ansahen, deren offene Fenster ihn verschlingen wollten. Er hatte Angst, daß sie alle, alle einstürzen und ihn begraben müßten; gebeugt ging er dahin.....Er hatte Furcht vor den Menschen, vor den ewigen, ewigen Menschen, ihm war es, als scharen sie sich um ihn; immer dichter drängten sie sich heran, erstickten ihn; nach Luft rang er.-- Und Menschen gingen an ihm vorbei, seine Brüder, Juden. After sie trugen keine Stirnlocken, keinen Bart und langen Kaftan. Sie beteten und lernten nicht wie er; sie gingen morgens und abends nicht in den Tempel, sie arbeiteten Samstag; Freitag abend stand kein Licht auf ihrem Tisch und . . . und jede Minute, jede Sekunde schienen sie ihm zu sündigen. Und Israel Mose Stein, der 68 Jahre nach dem Gesetze gelebt und seinem Gotte wohlgefällig war — faßte das nicht. Waren sie die wahrhaft Frommen? Er suchte und suchte und fand keinen. Ausweg. Sie aber gingen lachend, heiter vorbei — hatten sie das Rätsel gelöst? Ihn quälte, marterte dieser Gedanke; er sann, sann und grübelte. Tag und Nacht ließ es ihn nicht los, lastete es zermalmend auf ihm. Er rang, stemmte sich fast körperlich dagegen; er verzweifelte, wußte nicht mehr, wo ein und wo aus. An einem Freitagabend jagten ihn diese Zweifel auf die Straße. Gehen, laufen mußte er, sollten sie sein Gehirn nicht zerrütten. — Kalt war die Nacht. Frostig trocken die Pflastersteine, daß sie vor Kälte springen mußten. Wie ein Krystallblock die Luft, in den man mit glitzerndem, scharfgeschliffenem Stahle schneiden konnte. Eiskalt der Wind. Und doch fühlte Israel Mose Stein plötzlich, wie alles in ihm kalt ward und erstarrte. Wie irre zuckte es in ihm auf. „Wie .... am Ende hatten sie recht, hatten die anderen recht — und er, er hatte sein Leben lang gefehlt und gesündigt?" — Er stöhnte auf. Lauter bunte Kreise tanzten vor seinen Augen. Er klammerte sich an das froststarrende Gitter vor ihm. So rasend, so wahnsinnig war* sein Schmerz, daß er den Körper schüttelte. Dieses Weh zerfraß ihn. Mit aller Gewalt preßte er die Hand auf das 'Herz .... Ja, da fühlte er plötzlich das kleine, dünne Buch, das er von der Heimat migenommen hatte, das ihm als Einziges von dort gebliebn war — sein Gebetbuch. — Linder ward ihm zu Mute, wohlig — selig. Er umklammerte es mit beiden Händen, ging in das Erdgeschoß des Neubaues hinein und begann zu beten. Und alle Wärme, alle Glut, die er bisher vermißt hatte, fand er wieder, sein Gott kam wieder zu ihm. Mit Inbrunst, mit lechzender Leidenschaft gab er sich seinem Gotte hin. Er merkte gar nicht, wie dieser arme, abgemagerte, ausgemergelte Körper immer kälter wurde. Und während er sich in überirdischem Aufjauchzen zu seinem Gotte aufschwang, fiel der Körper auf Ziegel und Mörtel hin. Hochauf spritzte der Kalk und breitete sein weißes, brüchiges Leichentuch über Israel Mose Stein. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Advokatorische Kriegskredit-Kasse. Behufs Förderung der wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder, hauptsächlich durch Gewährung von Kredit, hat sich in Wien eine „Advokatorische Kriegskredit-Kasse r. G. m. b. H." gebildet, in deren Komitee neben den Vertretern der galizischen Advokatenkammern die Wiener Advokaten Dr. Markus E11 i n g e r und Dr. Ernst Franz W e i s 1 als Proponenten fungieren. Wie aus dem Zirkular ersichtlich, handelt es sich in Wirklichkeit um einen Wohltätigkeitsakt, wenn auch die Proponenten nur von einem Akt der wirtschaftlichem Vorsorge durch darlehensweise Beihilfe „für die Kriegszeit gegen Refundierung nach Wiedererlangung der Erwerbstätigkeit im advokatorischen Berufe" sprechen. Die in Aussicht genommene Uniferstüirzung von erwerbslos igiewordeiian Kollegen aus Gallizien und der Bukowina äußert sich in dem Passus d&s Aufrufes: „Unsere Pflicht ist es deshalb, unseren Kollegen beizuspringen, ihnen über diese schwere Uebergangszeit hinwegzuhelfen." Damit steht es auch im Zusammenhange, wenn der Aufruf erklärt: „Das Amt der Vorstanidsmitgliiedier und des Autsichtsrates soll unentgeltlich sein."