Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 8 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 ___..jVleue^National-Zeitung'V ________ _ _ S^e J>9 keit irgendwie etwas vorhat, als höchstens die „ungarische Abstammung" und die ungarisch-deutsche Aussprache, zurücktreten sollen. Der ganze Vorgang macht den Eindruck, als ob es den Herren des Kultusvorstandes darum zu tun wäre, im Trüben zu fischen, und während die ganze Oeffentlichkeit einerseits durch schwere Alltagssorgen, anderseits durch die ungewisse Zukunft des ganzen Judentums niedergedrückt ist, ein Fait-äcompli zu schaffen, welches für Jahrzehnte hinaus die geistige und geistliche Richtung dieser Judengemeinde beeinflussen soll. Ich halte es für meine Pflicht, rechtzeitig nicht nur die ganze Oeffentlichkeit aufzuklären, sondern auch die Mitglieder des Kultusvorstandes auf die Schwere ihrer Verantwortung aufmerksam zu machen, deren Folgen sie nicht entgehen werden. * Anmerkung der Redaktion: Obige Mitteilung, die uns von hervorragender Seite zukommt, übergeben wir hiemit der Oeffentlichkeit. Wir halten jeden weiteren Kommentar für überflüssig. Die Herren, die sich gegenwärtig Vorstand der Wiener Kultusgemeinde nennen und von denen ein Drittel über die Wahlperiode hinaus auf Grund eigenmächtiger Prolongation das Mandat ausübt, haben, wie sich erst jüngst gezeigt hat, jedes Gefühl für die eigene Würde verloren. Der Herr, der an ihrer Spitze steht, hat offenbar die Tendenz, solange er das Ruder in Händen hat, Entschließungen zu fassen, die ihn überdauern und das Merkmal seines Regimes weiteren Generationen verkünden. Uns kann es recht sein. Das Niveau des Oberrabbinates in Wien muß offenbar noch tiefer herabgedrückt werden, damit es dem dieses Kultusvorstandes gleichkomme. J. L. Perez. Ein plötzlicher Tod hat unseren genialen I z - chak Leib Perez dahingerafft. An seiner Bahre trauern alle, die die Bedeutung der jüdisch-deutschen Literatur und die erhabene Mission ihrer Dichter zu schätzen wissen. Perez, der moderne Sprachen beherrschte und ein tadellosses Polnisch sprach, hat sich eine kurze Zeit in hebräischer Sprache und dann ausschließlich im Jiddisch dichterisch betätigt. Er war ein Meister dieser Sprache und hat auch sehr viel dazu beigetragen, ihrer Literatur einen internationalen Platz zu sichern. Die zahlreichen deutschen Uebersetzungen seiner Werke („Ausgewählte Erzählungen und Skizzen, 1905" und „Volkstümliche Erzählungen 1913" im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienen) haben ihn auch dem großen europäischen Publikum bekannt gemacht; sie haben dazu beigetragen, die Vorurteile der eigenen Volksgenossen gegen das Jiddisch einzudämmen. Perez' Meisterwerke waren Ghetto-Skizzen und Ghetto-Novellen, in denen er das Leben und Treiben der Allerärmsten in idealisierender Form schilderte. Besonders seine dem Chassidismus gewidmeten Novellen schildern in ergreifender Weise die Sehnsucht des Ghettojuden nach Schönheit und Wahrheit. Ghettotypen und Ghetto-Einrichtungen wurden von ihm mit einem Glorienschein umgeben; er zeigt sie uns im Sabbatgewande und Festtagsstimmung. Mit Recht wurde er der Romantiker des Realismus in der jüdischen Literatur genannt. Er war aber nicht bloß Dichter, sondern auch Volksmann, Volksfreund, Aufklärer der Volksmassen. Unter großen Opfern gab er aufklärende Volksschriften heraus und veröffentlichte zahlreiche populäre Aufsätze; er gab seiner jüdisch-nationalen Gesinnung offenen Ausdruck, selbst dann, als er anläßlich des Wahlkampfes innerhalb der Warschauer Kultusgemeinde seine Stellung als Gemeindebeamter aufs Spiel setzte. Als sozialistisch angehauchter Demokrat hatte Perez für die zionistische Bewegung wenig Sympathien, um so mehr aber haßte er die Assimilation, die ihm das jüdische Volksleben zu vergiften schien. „Durch Euch", ruft er den Wortführern der Assimilation zu, „die ihr bisher nur fremde Aecker bebaut habet, ist unser eigener Acker verwildert und verdorrt worden! Dort fehlen keine Hände — nur bei uns! .. . Unser Volk muß geistig zugrunde gehen, weil sich andere Völker darum nicht kümmern; aber die Gebildeten unseres Volkes sich fremden Diensten widmen." „Wir haben unsere Ideen, unsere Begriffe, unsere Weltanschauung, unseren Volkswitz — helft uns, sie zu entwickeln." Perez als Mensch war der Inbegriff der Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit. Ich hatte wiederholt Gelegenheit wochenlange in seiner Gesellschaft zu verweilen, so vor 17 Jahren in Warschau, wo er mir beim Studium des jüdischen Proletariats mit seinem Rat zur Seite stand und vor zwei Jahren in Schuts- Tarasp, wo wir zusammen den Sommer verbrachten. Er war damals trotz der 62 Jahre noch sehr rüstig und unternahm mit besonderer Vorliebe stundenlange Ausflüge in die Schweizer Berge. Ich begleitete ihn oft. Wir hatten reichlichen Stoff zur Diskussion. Um jene Zeit begann Perez sich am Drama zu versuchen und mystischen Problemen zu widmen. Warschauer Zeitungen nannten ihn deshalb einen Frömmler, aber er kränkte sich darüber sehr wenig. Er suchte nach neuen Formen und nach neuem Inhalte. Dem rastlosen Ghettoüberwinder hat der Tod nun Halt geboten. Jene Millionen, denen er gelebt, die in seinen Werken Trost, Erbauung, Zerstreuung gesucht und gefunden haben, werden seinen Namen unter ihren Unsterblichen zählen und ehren. L. Vom Wege ab. Von Br. Eduard Kaufmann.4') (Schluß.) (Nachdruck verboten.) Der Abend war müde, grauer, feuchter Nebel voll. Er verneinte das Leben. Gedämpft klang alles Geräusch. Wie Schatten huschten die Menschen vorbei. In weiten Zeilen flammten durch den Nebel die Lichter der Laternen. Nur die Flamme sah man. Sie züngelte, schleckte an dem Nebel, jeden Augenblick mußte er Feuer fangen — ein unendliches Flammenmeer. *) Vergl. Nr. 7 d. .1.