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Neue Nationalzeitung · 1915-04-23 · Heft 8 (23.4.1915) · p. Seite 68

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 8 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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Seite 68 Nr.-8 schickenden Flüchtlinge unter allen Umständen sich günstiger gestalten dürfte als in Graz. Vor allem ist uns von der Statthalterei die bestimmte Zusage gemacht worden, daß die israelitischen Flüchtlinge nicht in Baracken, sondern in Wohnungen untergebracht werden. Sowohl Lebensmittel als auch Wohnungen sind in Böhmen bedeutend billiger als in Graz und die Arbeits- und Verdienstmöglichkeit in diesem industriereichstem Lande Oesterreichs sind ganz unvergleichlich aussichtsvoller. Auch können sie dort den rituellen Bedürfnissen leichter Rechnung tragen. Nach allen uns zugekommenen Berichten ist die Fürsorgetätigkeit für die galizischen Flüchtlinge in Böhmen weit besser als in Steiermark organisiert und steht auf einer höheren Stufe. Schließlich ist es von unschätzbarem Werte, daß die Flüchtlinge in den böhmischen Flüchtlingsgemeinden nicht die Abneigung der Bevölkerung zu verspüren haben werden. Auch sind Sie in Pardubitz näher Ihrer Heimat, was gewiß nach Freiwerden Galiziens von großem Vorteile für sie ist. Die letzte Auszahlung der Evakuierungsbeiträge erfolgt für Sie Freitag, den 16. d. M. Hochachtungsvoll Die israelitische Kultusgemeinde: Der Sekretär: Dr. Leopold Lemberger. Der Präses: Simon R e n d i. Die 400 Familien kommen nach Pardubitz, von dort werden sie verteilt. Die Grazer Kultusgemeinde erklärt jeden Versuch einer Aenderung dieser Evakuierung für aussichtslos. Wir wissen aber nicht, ob von ihr selbst irgend etwas versucht wurde. Die armen Flüchtlinge empfinden es sehr, sehr bitter, fortzumüssen. Aber sie haben ja Niemanden, der sich ihrer annimmt; also heißt es wandern, wandern. Ein Erlaß betreffend die beurlaubten Soldaten aus Galizien. Die Wiener Polizei-Direktion hat bisher den aus Galizien oder der Bukowina stammenden Soldaten, sobald sie infolge einer erlittenen Verwundung oder physischen Erschöpfung bis auf weiteres beurlaubt resp. superarbitriert wurden, den Aufenthalt in Wien bewilligt. Ein jüngst erschienener Erlaß des Ministeriums des Innern hat diese Praxis geändert; die gewesenen Soldaten werden in gleicher Weise behandelt wie die anderen Flüchtlinge. Hinter den Kulissen der Seitenstettengasse Nr. 4. Für die israelitische Kultusgemeinde in Wien ist dieses Haus seit vielen Jahrzehnten ein Symbol. Man kennt es im In- und Ausland. Ein gutes Stück jüdischer Lokalgeschichte ist daran geknüpft — freudige und traurige. Dieses Haus hat das Werden und Wachsen der Gemeinde miterlebt und manchen berühmten Juden beherbergt. Wenn es sprechen könnte, es hätte viel Schönes, viel Großes, aber auch manches Kleinliche und Erbärmliche zu erzählen. In diesem Hause ist nun auch der alte Tempel, von dem aus Mannheimer und J e 11 i n e k zu Weltruhm gelangt sind. Ohne Zweifel; sie waren beide bedeutende Männer; jeder in seiner Art. Man ist in ihrer Verehrung bis zur Entzückung gestiegen, hat sie verhimmelt. Besonders nach dem Tode. Ihr Erbe hat Güdemann angetreten, dem Gott langes Leben schenke. Sein hohes Greisenalter zwang ihn zu partiellem Ruhen. Seit einem Jahre betritt er nur bei ganz besonderen Anlässen Kanzel und Katheder. Nun soll er plötzlich einen Nachfolger bekommen. Wieder, wie bei der Besetzung der Leopoldstädter Kanzel bei Schmiedl's Lebzeiten sind hinter den Kulissen Treibereien im Zuge. Jemand hat es furchtbar eilig. Vor allem eines: diese schreckliche Kriegszeit ist nicht die Zeit solcher Entscheidungen. An der Spitze der Gemeinde stehen Greise, die in ihren Entschlüssen nicht verläßlich und die vielfach falsch orientiert sind. Im Vorstande sind wenig wirklich selbständige, starke Männer; die enge Vertretung selbst ist keine solche, daß man ihr ein gereiftes Urteil in dieser Frage zutrauen dürfte. Die Vergangenheit hat bewiesen, daß Fehlgriffe die Regel sind; richtige Auswahl die Ausnahme. Der Vorstand hat es nicht immer verstanden, die richtigen Männer an die richtige Stelle zu setzen. Nun, in dieser großen Zeit, da der Kultusvorstand auf allen Gebieten vieles zu leisten hätte, aber auf wenig Gebieten sehr wenig leistet, da der Kultusvorstand als Repräsentanz der drittgrößten Judengemeinde der Welt und zweitgrößten Judengemeinde in Europa eine welthistorische Mission zu erfüllen hätte, wenn er sich darüber klar wäre, was auch das jüdische Volk einmal zu verlangen haben wird, wenn alle Staaten und Nationen ihre Rechnung präsentieren werden, dieser Kultusvorstand, oder richtiger sein 84 jähriger Präsident, dem die Eigenart seines Vorstandes die Möglichkeit gibt, allein für 36 Köpfe zu denken und zu verfügen, findet jetzt als seine wichtigste Aufgabe, in allererster Linie die Ober- Rabbiner-Stelle zu besetzen, und zwar mit einer Kraft zweiten oder dritten Ranges, die von — jenseits der Leitha importiert werden soll. Es ist ja bekannt, daß der Wiener Kultusvorstand sich eine unvergeßliche Blamage vor einigen Jahren geholt hat, als er den Szegediner Oberrabbiner Low über Nacht nach Wien berufen hat und von demselben schließlich eine Absage erhielt. Nun kommen andere Männer in den Vordergrund. Sie heißen: Dr. Hevesi und Dr. Venetianer, beide Rabbiner in Budapest. Daß sie dem Wiener Publikum ganz unbekannt sind, wird wohl nicht Wunder nehmen, da diese Herren selbst in Ungarn kaum über den engeren Kreis ihrer Synagogen-Gemeinde — sei es als Gelehrte oder als Redner — jemals in die Oeffentlichkeit getreten sind. Um den famosen Import eines Wiener Oberrabbiners aus Ungarn der Oeffentlichkeit gegenüber zu beschönigen, wurde in die Kandidatenliste auch der Oberrabbiner Dr. C h a j e s aus Triest eingereiht, der allerdings zu den besten Schülern des Wiener Rabbinats-Seminars gehört hat, aber weder die entsprechende Repräsentation, noch die Beredsamkeit, noch die Lebenserfahrung besitzt, um auf eine erste Rabbinerstelle in Oesterreich Anspruch erheben zu dürfen. Diese Kandidatur hält der Vorstand selbst nicht für ernst; sie soll offenbar die ungarischen Kandidaturen maskieren. Das sonderbare Vorgehen des Kultusvorstandes ist natürlich in erster Linie eine Bloßstellung und Herabsetzung der Gemeinde in der Oeffentlichkeit, in zweiter Linie ist es aber auch eine schwere Demütigung für die Wiener Rabbiner, von denen die meisten durch Jahrzehnte in Wien verdienstvoll tätig sind, die Orts- und Lebensverhältnisse gut kennen und nun gegenüber einem anderen Kandidaten, der ihnen weder in Bezug auf Wissen noch Beredsam-

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