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Neue Nationalzeitung · 1915-04-09 · Heft 7 (9.4.1915) · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 7 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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aeite 62 „Neue NaMonal-Zeitung" ___ Nr. 7 ein Schluck Wasser, von Zeit zu Zeit ein Stück Brot, das war alles, was er auf der langen Fahrt gegessen und getrunken hatte. Was man den Flüchtlingen reichte, wies er zurück. Wußte er denn, ob diese Speisen nach den Vorschriften seiner Religion zubereitet waren? Und er wollte nicht mehr sündigen. Nein, er wollte nicht mehr sündigen!! Weiterfahren hieß es. Aber ehe es dazukam, stand Israel Mose Stein in der kleinen Stube des Amtshauses vor dem Schreiber. Er wußte nicht, wie das gekommen war; es trieb ihn hin und nun war er einfach da. „W;ißt Ihr nicht, guter Herr! . .. Wo sie sennen, Fradel und Jizchok und Rebekka ..."?? Sie schauten ihn an, wie einen, der irre spricht. Wie sollten sie wissen, wo Fradel, Isak und Rebekka Stein waren? Was galt da ein Einzelner? Tausende und Tausende litten das gleiche Geschick wie er. „Er wird eher in der Stadt Auskunft bekommen. Es ist möglich, daß er sie dort trifft, vielleicht sind sie auch dorthin geflüchtet. Vielleicht — Vielleicht nicht!*'------- Um 10 Uhr abends — nach vielen Stunden Fahrt — kamen sie in die Stadt. Jeder hatte auf seinem Zettel stehen, wo er die Nacht verbringen müsse. (Schluß folgt.) Die galizischen Flüchtlinge in Ungarn. Die „Allgemeine Jüdische Zeitung" in Budapest, ein in jüdisch-deutscher Mundart erscheinendes Tagblatt, veröffentlicht höchst merkwürdige Schilderungen über die Art und Weise, wie die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien in unserer transleithanischen Reichshälfte behandelt werden. Da diese Artikel von der Zensur unbeanständet blieben, sind sie sicher wahr. Wir begnügen uns mit der Uebersetzung dieser Schilderungen: Jeder Kommentar ist hier überflüssig. Massenverhaftungen. „In Furcht und Angst haben die in Budapest befindlichen galizischen Flüchtlinge die ersten Pessachtage verbracht. Am Tage vor den Ostern wurden nämlich zahlreiche Flüchtlinge teils auf Marktplätzen, teils in den Straßen verhaftet. Als Vorwand dieses ungeheuerlichen Vorgehens diente die Verdächtigung, daß sie Lebensmittel zusammenkaufen, um dieselben wieder teurer zu verkaufen. In Wirklichkeit aber genügte der Ankauf von 2 Hennen oder 2 kleinen Fischen oder 50 Eiern, in manchen Fällen auch der Ankauf einer Weste oder eines Paar Schuhe, damit die Betreffenden zuerst ins Polizei-Gefangenhaus und dann ins Schubhaus abgeführt werden. Schließlich wurden aber die Leute auch ohne jeden Grund von Wachmännern auf der Straße angehalten und. verhaftet. In der orthodoxen Synagoge spielte sich beim Abendgebet eine sehr tragische Szene ab. Nach Schluß des Gebetes erhob ein Flüchtling ein furchtbares Geschrei und rief, daß 36 Flüchtlinge im Schubhaus festgehalten werden, die gesamte jüdische Gemeinde dürfe nicht früher zum Seder gehen, ehe man die Enthaftung dieser Unschuldigen erwirkt habe. Seitens des Gemeinde-Vorstandes wurde hierauf erklärt, daß sowohl dieser, als auch der Präsident Frankl diesbezüglich interveniert haben, aber leider ohne Erfolg. Man hat daher diesen Annen Pessach-Nahrungsmittel, und zwar Mazzes, Fleisch und Wein geschickt. . Endlich wurden am Dienstag, den 30. März, 24 Personen aus der Haft entlassen, dafür aber wieder andere, die gewiß an diesem Tage (dem ersten Pessachtag) nichts gekauft hatten, verhaftet. Als dies allgemein bekannt wurde, bemächtigte sich der Flüchtlinge eine furchtbare Panik, sie wagten sich nicht auf die Straße, und nicht einmal zum Gebet. Soeben (2. April, Anmerkung der Redaktion) war bei uns ein Flüchtling, der bitterlich weinte und erzählte, er sei am Tage vor Pessach bloß deshalb verhaftet worden, weil er eine Frau auf der Straße fragte, ob sie ihm die 2 Hennen, die sie trug, verkaufen wollte. Erst jber Intervention eines Advokaten und nach Deponierung einer Kaution von K 800.— wurde er aus der Haft entlassen. Er wird jedoch samt Familie nach Böhmen abgeschoben." Ein Transport nach Ung.-Hradisch. „Einen noch traurigeren Pessach hatte eine Gruppe von 300 Flüchtlingen, welche von Großwardein nach Ungarisch- Hradisch verschickt wurde. Dieselben verbrachten beide Feiertage im Eisenbahnwagen, ohne jede Feiertagsverköstigung. Die Bemühungen der Redaktion (der obgenannten Zeitung), auf telegraphischem Wege zuerst die Preßburger Judengemeinde zu veranlassen, daß sie den armen Flüchtlingen Mazzes gebe, scheiterten daran, daß die Gemeinde erklärte, selbst keine überflüssigen Mazzes zu haben. Ein weiterer Versuch, die Flüchtlinge anläßlich ihrer Durchreise über Pistyan zu verköstigen, war vergeblich, da der Zug über Marchegg dirigiert wurde. Ob diese Leute bei ihrer Ankunft in Ungar.-Hradisch noch Mazzes erhalten, ist bei der derzeitigen Knappheit ebenfalls noch fraglich." Pessach im Eisenbahnwagen. „Am Nachmittag vor Pessach passierte Budapest ein Zug mit 600 Flüchtlingen. Diese wurden wenigstens am Bahnhof vom Hilfskomitee mit Lebensmitteln, wie Mazzes und Selchwaren versehen. Diese beiden Transporte bestanden teils aus solchen galizischen Flüchtlingen, die bereits in ungarischen Provinzstädten weilten, teils aus solchen, die erst in letzter Zeit von ihren galizischen Wohnorten nach Ungarn geflüchtet waren." Abschiebung aus Ungarn. Wie diesem Blatte aus amtlicher Quelle mitgeteilt wird, werden alle galizischen Flüchtlinge aus Ungarn nach Beendigung der Osterfeiertage nach Oesterreich abgeschoben werden. Eine bezügliche Verordnung des ungarischen Ministeriums des Innern ist bereits an alle Munizipien ergangen. Diese Maßregel sei darauf zurückzuführen, daß seitens der österreichischen Regierung beschlossen wurde, den in Ungarn sich aufhaltenden galizischen Flüchtlingen keine staatliche Unterstützung zu gewähren, sondern dieselben in Böhmen, Mähren, eventuell Steiermark und Tirol in kleineren Gruppen unterzubringen. Seitens der Redaktion wird angeregt, daß sich eine Deputation jüdischer Funktionäre und wohlhabender galizischer Flüchtlinge nach Wien begebe, um hier bei der Regierung zu intervenieren. Selbstverständlich sind wir nicht in der Lage zu untersuchen, ob die drakonische Behandlung der jüdischen Flüchtlinge seitens der ungarischen Behörden irgendwie mit den Maßnahmen der österreichischen Regierung im Zusammenhang steht. Aber, wie immer sich die Sachen gestalten mögen, so ist es brutal, strenggläubigen Juden an ihren Feiertagen und noch dazu an Feiertagen mit so streng rituellen Anforderungen per Schub zu expedieren. Wir sind überzeugt, daß ungarische Flüchtllinge, die in Oesterreich Schutz suchen würden, gewiß von unserer Regierung humaner behandelt würden.

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