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Neue Nationalzeitung · 1915-04-09 · Heft 7 (9.4.1915) · p. Seite 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 7 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 „Neue National-Zeitung" Seite 61 Abwege, auf welche Goethe und seine Mit- und Nachstrebenden sich durch Lessings „Nathan" locken ließen; davor aber soll uns die „Reichspost" bewahren! (Nachdruck verboten.) Vom Wege ab. Von Dr. Eduard Kaufmann.'9') Als der Rayonposten an einem kalten Novembersamstage gegen 5 Uhr morgens wie gewöhnlich seine Runde machte, bemerkte er im Erdgeschoß eines Neubaues einen Mann. Er ging auf ihn zu und wollte ihn zurechtweisen. Aber so sehr er auch rüttelte, der Mann wachte nicht auf. Fluchend zog er ein Schwefelhölzchen aus der Tasche und streifte es an seinem Rockärmel an. In dem fahlen, gelblich violetten Schein sah er einen Greis — einen polnischen Juden — erstarrt zwischen Ziegel und Kalk liegen. Die eine Hand hielt mit aller Gewalt ein Buch gegen die Brust gedrückt, die andere wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den hebräischen Text. * * * Israel Mose Stein hatte sein Lebtag in dem kleinen galizischen Dorf gelebt. Er war Rabbiner, Kantor und Schächter, er war alles zusammen. Sein Vater war Rabbiner, Kantor und Schächter gewesen; auch sein Großvater; jeder, soweit er zurückdenken konnte. Alle hatten denselben Weg hinter sich. Bis zum achten Jahre lernten sie beim Vater. Dann schickte man sie in die Fremde; mit vielen anderen lernten, lernten und beteten sie da vom Morgen bis tief in die Nacht. Von Gemeinde zu Gemeinde zogen sie hernach, bis sie nach dem Tode des Vaters an seine Stelle traten. Vierzig Jahre wanderte Israel Mose Stein. Seither war er gleich den anderen Juden seines Dorfes nie weiter als bis zur nächsten Stadt gekommen. Hatte aber jemand eine Frage, hegte jemand Zweifel oder fürchtete er, seinem Gotte nicht richtig zu dienen, so ging er zu Rabbi Israel Mose Stein. Seine Ahnen, seine Frömmigkeit, sein hohes Alter machten ihn bald ehrwürdig bei den Juden in der Runde. Israel Mose Stein war 68 Jahre alt; aber er lernte wie mit 8 Jahren morgens, mittags und nachts; er stand auf, entzündete die schmale Kerze und beugte sich über die abgegriffenen Bücher, klärte, klärte, bis ihm die Augen vor Müdigkeit zufielen. Ganz vergeistigt war sein Antlitz. Und Israel Mose Stein wäre auch in dem galizischen Dorf gestorben und neben den fünfzig oder sechzig Judengräbern begraben worden. Sein Sohn wäre an seine Stelle gekommen und seine Töchter hätten ein oder den andern von den schmalen, blassen Juden geheiratet, die bei ihm lernten und alle Tage in der Woche bei ihm Mittag aßen. Aber anfangs Oktober kamen die Russen. Zwei Tage vorher wußte man es, daß die österreichischen Truppen das Dorf preisgeben würden. Die Bauern flüchteten, die Juden flüchteten. Denn so ferne, so abgeschieden das Dorf auch war: die judenmordenden Banden kannten sie. Israel Mose Stein aber blieb. Er bat mit gerungenen Händen Weib und Kind zu flie- *) Aus seiner demnächst erscheinenden Skizzensammlung hat uns dier geehrte Herr Verfasser gütigst diese Arbeit schon jetzt vzuin Drucke überlassen. Anm. d. Red. hen: „Ich kann' nicht e weg; mei4 Lieb, mei' Weib, mei' Kind, m'ei' Alles hab' ich da!" und er wies auf die kleine Synagoge aus Holz. Als die Russen kamen, versteckten sich Weib und Kind im Keller. Israel Mose Stein aber stand im Tempel hinter seinem Ständer, beugte sich über das Buch, betete, betete wie all die Tage seines Lebens. Drei Stunden später wurden die Russen aus dem Dorf gejagt. Für Israel Mose Stein zu spät. Seine Synagoge war verbrannt. Als die roten, zuckenden Flammen hoch aufloderten, vermeinte er, blutige, erhobene Hände zu schauen, die drohend Rache schworen. Im Wechsel des Kampfes wurde das Dorf wieder geräumt. Israel Mose Stein konnte nun gehen. Er hatte nur noch die Gräber seiner Eltern hier; aber die Lebenden gingen vor. Er sandte sein Weib und seine Kinder voraus und nannte die Stadt, in der sie sich treffen sollten. Er selbst wollte noch das Nötigste zusammenraffen und ihnen folgen. Plötzlich aber rückte der Feind vor. Israel Mose Stein mußte — wollte er sein Leben retten — noch den letzten Zug, der abging, besteigen. Und Israel Mose Stein, der sein Leben lang jeden Buchstaben des Gesetzes gehalten, der sich nie genug gottesfürchtig dünkte, der vielleicht niemals gesündigt hatte, Israel Mose Stein mußte am Sabbath, am heiligen Sabbath in den Zug einsteigen und viele Stunden lang fahren. Weise war er und alle heiligen Bücher hatte er inne; alte Stellen darin, die ihm recht gaben, fand er sogleich — und doch — hört, und doch war Israel Mose Stein von diesem Augenblick ein anderer geworden. Er war alt. Er war 70 Jahre alt. Sein Gebet schien ihm kalt, und so sehnsüchtig er seinen Gott suchte, so lechzend er flehte, kraftlos, ohne Glut, schien ihm sein Gebet — er konnte nicht seinen Gott finden, er hatte ihn verlassen! Vierzehn Stunden dauerte die Fahrt. Nicht ganz zwei in anderen Zeiten. 9 Stunden stand der Zug um Mitternacht, alle Lichter verlöscht, auf offener Strecke. Langsam fuhr er an der Stadt vorbei, in der Israel Mose Stein sein Weib und seine Kinder hätte treffen sollen. Ausgestorben war sie, alle Bewohner geflüchtet. Israel Mose Stein stand am Fenster und blickte durch den Nebel hinaus auf die Landschaft: ein Haus glitt vorbei, ein zweites---die ganze Stadt. Ihm war es, als stünden Weib und Kinder draußen und liefen dem Zuge nach, schneller, immer schneller, als streckten sie sehnend die Arme nach ihm aus. Und je weiter der Zug fuhr, desto weiter wuchsen die Arme. Aber immer, wenn er darnach greifen wollte, waren sie um ein Stück zu kurz, daß er sie nicht erreichen konnte. Irgend einer stöhnte hinter ihm. Israel Mose Stein schreckte aus seiner Vision auf. „Wo war sein Weib, wo waren seine Kinder?!" Hastig wandte er sich um, wollte fragen. Wen? Den Juden, der ganz gebrochen neben ihm saß? Die Frau dort mit dem sechs Monate alten Kind an der Brust, das vergebens nach Milch saugte? Den achtjährigen Buben mit den roten, tränenden Augen, der nicht wußte, wo er seine Eltern hatte? Hatten sie nicht alle dasselbe Schicksal wie er?! Viele Hunderte verbrachten sie Tag und Nacht darauf unter freiem Himmel. Israel Mose Stein war plötzlich alt geworden; plötzlich ward er nun müde und krank; alles war wund in ihm. Von Zeit zu Zeit

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