Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 7 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425942-2425950--3149-2429715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 7 »Neue National-Zeitung^ Seite 63 Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Die jüdischen Flüchtlinge in Graz. Menschliche Dokumente: Die „G r azer Tagespost" veröffentlicht unmittelbar vor den Ostern, denn am Charfreitag, nachstehende Notiz, die von der Grazer Zensur nicht beanständet wurde: „Auf den Geflügelmärkten ging es heute früh überaus lebhaft zu. Schon vor 7 Uhr früh hatten sich viele g a 1 i z ische Juden, zum Teile mit ihren Frauen, eingefunden. Es kam wiederholt zwischen diesen und Grazer Hausfrauen zu erregten Auseinandersetzungen, da sich die Flüchtlinge bemühten, den Markt zu beherrschen, indem sie auch hohe Preise für das Geflügel bezahlten. Eine Händlerin am Jakominiplatz gab vier G a 1 i z i a n e r n, die ihr sämtliche lebende Hühner abkaufen wollten, die resche Antwort: Ich verkaufe die Hendeln nur den Grazern. Unsere Hausfrauen werden gut tun, wenn sie morgen auf den Geflügelmärkten möglichst früh erscheinen." Am Charsamstaperschien wieder nachstehendes „amtliches" Kommunique: „Gegen die Preistreibereien beim Eier- und Hühnerhandel. Von amtlicher Seite werden wir um die Aufnahme folgender Zeilen ersucht: In der letzten Zeit wurde die Wahrnehmung gemacht, daß eine neuerliche Steigerung der Eierpreise eingetreten ist, die gegenwärtig um so weniger berechtigt ist, als mit dem Eintritte der wärmeren Jahreszeit die Legetätigkeit der Hennen immer mehr zunimmt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Preissteigerung auf größere Aufkäufe zu spekulativen Zwecken und betrügerisches Vorgehen gewissenloser Elemente zurückzuführen ist. Namentlich g a 1 i z i s c h e Flüchtlinge iüdischen Bekenntnisses sollen (!) den Landleuten Geflügel unter allerlei Vorspiegelungen abkaufen, u. a. mit dem Hinweise auf ein Verbot des Hühnerhaltens wegen der Knappheit an Brotgetreide. Zur Hintanhaltung und Ahndung derartiger unlauterer Umtriebe wird die Bevölkerung ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß eine Einschränkung der Hühnerhaltung keineswegs im öffentlichen Interesse gelegen wäre, daß demnach ein derartiges Verbot absolut nicht zu gewärtigen ist. Die Bevölkerung wird ersucht, im eigensten Interesse durch Anzeige an die Wachorgane (Organe des städt. Marktkommissariates) mitzuwirken, daß gegen gewissenlose Händler die Strafamtshandlung durchgeführt werden kann." Die „Grazer Tagespost" ist eine liberale Zeitung und sie ist gewiß sonst für den ..Burgfrieden." * Die Pessach-Verköstigung in Graz. Man schreibt uns aus Graz: Unsere Kultusgemeinde hat leider anläßlich der Pessach- Feiertage einen sehr geringen jüdischen üemeinsinn bewiesen. Ich hatte Gelegenheit, die Pessach-Verköstigung der jüdischen Soldaten sowie der iüdischen Militärhäftlinge mitanzusehen und das Herz hat mir geblutet. Die Soldaten und Häftlinge mußten je K 12.50 für 8 Tage beisteuern und -davon kauften s'.e sich Mazzes. Erdäpfel und Fische. Zwanzig Häftlinge, fromme galizische Juden, die nicht in der Lage waren, diesen Betrag aufzubringen, mußten Chomez essen. Und was für Kost für K 12.50 durch 8 Tage verabreicht werden kann, läßt sich denken. Die Kultusgemeinde Graz kennt offenbar die Pflichten jüdischer Nächstenliebe sehr weaiig. Spenden für die gaiizischen Flüchtlinge. Bei der „Neuen Natfonal-Zeitung" bisher eingegangen K 1945. . Von Herrn S. Zollmann aus Krakau, derzeit in Wien, ist uns eine Spende von K 20.— für die Flüchtlinge zugekommen. Hiezu die bereits ausgewiesenen K 1925.—, daher zusammen K 1945. . Kriegsnachrichten. Auszeichnung jüdischer Offiziere. Dem vor dem Feinde gefallenen Reserveleutnant Dr. Hugo Zuckermann, den seine Kriegslieder bereits unsterblich machten, wurde das Militärverdienstkreuz III. Klasse mit der Kriegsdekoration verliehen. Hauptmann Theophil P o 11 a k, ein Sohn des bekannten Hofantiquars S. Po II ak in Salzburg und Schwager des Herrn A. H. S p o r e r, erhielt für tapferes Verhalten vor dem Feinde das Militär-Verdienstkreuz III. Klasse mit der Kriegsdekoration. Oberarzt Dr. xVlax Straßberg, Sohn des Herrn Jakob Straßberg in Wien, hat seit Kriegsbeginn in der Front, bei der Kompagnie, Dienst gemacht und erhielt für tapferes Verhalten vor dem Feinde das Signum laudis mit der Kriegsdekoration. Walter O s e r, Fähnrich im k. u. k. Infanterieregimente Nr. 90, Sohn des verstorbenen, langjährigen Gemeinderates der Stadtgemeinde Nikolsburg und Obmannes der Chewra- Kadischa Nathan O s e r. wurde für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde zum Leutnant befördert und erhielt die große silberne Tapferkeitsmedaille, die ihm von seinem Obersten mit einer patriotischen Ansprache feierlichst angeheftet wurde. Hans Deutsch, Sohn des Bürgermeisters Herrn Franz Deutsch in Nikolsburg, wurde außertourlich im Felde zum k. k. Fähnrich im 81. Infanterieregiment befördert. Walter Oser und Hans Deutsch haben das Gymnasium in Nikolshurg absolviert und an demselben die Reifeprüfung abgelegt. * Verdienste um das Rote Kreuz. Herr S. Zollmann, Kaufmann in Krakau, derzeit in Wien, erhielt für seine Verdienste um das Oesterr. Rote Kreuz das Ehrenzeichen II. Klasse. Herr Julius Hirsch, Likörfabrikant in Nikolsburg, langjähriges Mitglied des Gemeindeausschusses, aus demselben Anlaß die bronzene Ehrenmedaille. KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Wieder eine Präsidentenkrise. Wien. Die Präsidentenkrisen im Wiener Kultusvorstand sind fast zur Alltäglichkeit gewordenes haben alle früheren Präsidenten zusammen kaum soviele Male demissioniert, wie Dr. Stern allein. Anlaß zur jüngsten Präsidenten-Demission war die Kooptierung des Dr. Jakob Deutsch (Ottakring) in den Kultusvorstand. Wiewohl der Kultusvorstand sich im Wege der von uns seinerzeit besprochenen „Reform" des Qemeindestatuts bei Eintritt besonderer Ereignisse das Recht der Prolongation seiner Mandate und Kooptierung neuer Vorsteher arrogierte, wollte der Vorstand vorläufig von diesem letzten Rechte keinen Gebrauch machen. Die 8 Mandate, die am 31. Dezember v. J. zu Ende gingen, haben sich die Herren „prolongiert", doch wollten sie die freigewordenen zwei Mandate (Doktor Max Steiner durch Tod und Carl Lemberger durch Demission) nicht wieder besetzen. Präsident Dr. Stern war jedoch der Ansicht, daß eines dieser Mandate zu besetzen sei. Er blieb mit seiner Ansicht in der Minorität; nur drei Stimmen in der vertraulichen Plenarsitzung waren dafür. Darauf erklärte Doktor Stern zu resignieren, bis man ihm nicht einen weiteren Kultusvorsteher bewilligt. Darob großes Entsetzen. Es fand ein Konventikel statt und die harten Männer wurden butterweich. Man war einig, daß in den jetzigen Zeiten ein Präsidentenwechsel für das ganze Judentum von katastrophaler Bedeutung wäre; die gewaltigen Aktionen, die Doktor Stern im Interesse der gahzischen Flüchtlinge,