Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 7 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 60 Neue National-Zeitung" Nr. 7 ja toeinen Hehl — einem späteren Zeitpunkt, in dem sie dann darüber selbst zu entscheiden haben werden. Für uns aber entsteht in dieser epochemachenden Zeit die Frage, ob wir unser Schicksal und unsere Zukunft in die Hände der Polen allein oder aber mächtigerer und einsichtsvollerer Faktoren legen wollen. L. „Nathan der Weise" — ein närrischer Einfall*.) Von Dr. M. Friedländer. Unter diesem Titel brachte die „N. N. Z." in einer ihrer letzten Nummern eine Abführung der „Reichspost", die man sonst nur einem ernsten Gegner zuteil werden läßt. — Also, „Nathan" ein — „närrischer Einfall nach des Dichters eigenem Geständnis", wie die „Reichspost" zur Belustigung der ganzen gebildeten Welt seinem Publikum am hellen Morgen zum Frühstück aufzutischen die Verwegenheit hat. Und so wären denn diesem, bekanntlich stets possenreißerisch sich gebärdenden Lessing die größten Geister, über die das Deutsche Reich seit je verfügt hat, gründlich aufgesessen! Allen voran Goethe, der über das Drama „Nathan der Weise" schreibt: ,*Möge doch die bekannte Erzählung Nathans, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleibe n!" (Goethes Werke 45, 22.) Aufgesessen ist dem spitzbübischen Lessing Herder, der über „Nathan" urteilt: „Um ein Märchen von drei Ringen schlingt sich das dramatische Märchen, ein reicher Kranz von Lehren der schönsten Art, der Mensch-, Religion- und Völkerduldung. Im Kampf aller Parteien und Religionen, in ausgewählten, durch das Schicksal zusammengeführten Situationen, wird dieser Kranz von den verschiedensten Händen geflochten: Alle rufen uns zuletzt das höchste Wort des reinsten Schicksals zu: Ihr Menschen verschiedener Sitten, Meinungen und Charaktere, helft, vertragt euch, seid Menschen!" (Werke zur schönen Lit. und Kunst XVII, 246.) Aufgesessen ist diesem Lessing, der ja eigentlich Mitarbeiter der „Reichspost" war, selbst der sonst keineswegs philosemitisch geaichte P1 a t e n, der Erfinder des „Juden Raupel" und Widersacher Heines, der über Lessings „Nathan" begeistert ausruft: „Deutsche Tragödien hab' ich die Masse gelesen, die beste Schien mie diese, wiewohl ohne Gespenster und Spuk. Hier ist alles Charakter und Geist, und der edelsten Menschheit Bild, und die Götter vergehen vor dem alleinigen Gott." (Platen, Stuttg. 1852, II, 275.) In demselben Sinne und mit derselben Begeisterung spricht sich über dieses Lessing'sche Werk eine imposante Schar der erlesensten zeitgenössischen und nachfolgenden Dichter und Denker *) Vgl. in der Nummer 4 dieses Blattes den Artikel von G. Engelsmann unter gleichem Titel, auf welchen die antisemitische Presse die Antwort bis heute schuldig geblieben ist. Anm. der Red. Deutschlands aus, von deren letzteren wir, anstatt vieler, dem berühmten Philosophen Kuno Fischer das Wort geben wollen: „Warum ist Nathan ein J ude?" — so fragt er in seiner Schrift „Nathan der Weise", 2. Aufl. 18772, S. 107 f. — „Diese Frage richtig zu beantworten, braucht man weder Lessings Freundschaft mit Mendelssohn, noch die judenfreundliche Richtung, die mit der Aufklärung jener Zeit verbunden war; man braucht bloß den Charakter zu verstehen, den uns die Dichtung vorführt: einen Charakter, in welchem die Duldung aus der Selbstverleugnung hervorgeht, in dem sie eigenste, innerste Tat, im wirklichen Sinne des Wortes Tugend ist. Sie tritt als solche um so deutlicher hervor, je weniger sie von Natur und Schicksal und allen äußeren Mächten, von denen der Mensch abhängt, begünstig worden. Es ist leicht tolerant au seini, wenn; ich nie einen Grund! zum Gegenteil habe. Die Tuigemd ist nicht leicht. Sie will erkämpft und errungen sein; sie ist um so echter, je schwerer der Kampf ist. — Und nun nehme ich eine Rel'igion, die von Natur stolz ist; der Stolz ist nie hartnäckiger, als wenn er unterdrückt wird; ich nehme von allen Religionen der Welt diejenige, welche zugleich die stolzeste und unterdrückteste ist, und jetzt zweifle ich, ob aus diesen Bedingungen noch Duldung hervorgehen kann? Ich denke mir einen Menschen; dem seine Religion erlaubt, sich für auserwählt von Gott zu halten — den die Welt verdammt, sich von den Menschen verworfen und verachtet zu sehen: wenn seine Seele diesem zwiefachen Drucke erliegt, so muß sie sich nach dem natürlichen Lau! der menschlichen Leidenschaften ganz in Haß und Rache verzehren.--Und wenn eine große Seele diese Leidenschaften --überwältigt und wenn sie ihrem Glauben, der zugleich der stolzeste und unterdrückteste ist, die Duldung abringt, so kommt es zu einem Nathan. Und was wäre auch die Duldung, wennsienichtgeduldetundgelitten hätte? Hier sehe ich, was sich der gottergebene Mensch für Taten abgewinnen kann. Aber die Duldung wäre leicht, sie wäre nicht, was sie ist, wenn er diesen seinen Glauben geringschätzte, wenn er innerlich nichts mit ihm gemein hätte. Er fühlt ihn immer noch als den sein igen, als den Glauben seines Volkes und seiner Väter, mit dem er durch tausend unlösbare Bande verknüpft ist.--Er ist ein Jude und bleibt einer. Wer möchte diesen Nathan, wenn er ihn richtig versteht, noch anders wollen? Ihn bezeichnet der bewundernde Ausruf des Tempelherrn : Welch ein Jude! Und der so ganz nur Jude scheinen will!" So hat denn Lessing mit seinem „närrischen Einfall" nicht nur das gesamte deutsche Theater- und Lesepublikum, sondern sogar die führenden Geister, die mit Andacht und Inbrunst die im „Nathan" gelegenen mächtigen Goldbarren heraufzubeschwören sich abmühten, genarrt und hat, als er den Spaß über alle Maßen gelungen sah, sich pudelnärrisch ins Fäustchen gekichert — etwa wie jener Jude, als er die Stadt Prag im Rücken hatte, aufjauchzte: „Etsch, ich habe ganz Prag gefoppt: ich sagte, ich heiße Isaak; ich heiße aber 11 z i g!" Freilich ist diese bodenlos tiefe Auffassung unseres „Evangeliums der Gottes- und Menschenliebe" nur dem erreichbar, der das Glück genießt, die „Reichspost" zum Wegweiser zu haben; die „Reichspost", die das von ihr gesäte Unkraut wachsen hör t, die aber mit unheilbarer Taubheit und Blindheit geschlagen ist, sobald es gilt.... Doch da würden wir wieder ernst und gerieten auf dieselben