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Neue Nationalzeitung · 1915-04-09 · Heft 7 (9.4.1915) · p. Seite 59

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 7 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 Die polnisch-jüdischen Beziehungen. Vor einigen Tagen ist ein Zaren-Manifest erschienen, womit in Polen die Selbstverwaltung der städtischen Gemeinden eingeführt wurde. Es ist dies selbstverständlich nicht mit der anläßlich der Kriegserklärung den Polen in Aussicht gestellten Autonomie zu verwechseln; es handelt sich hier lediglich um die autonome Gemeindeverwaltung, welche bereits vor Jahren seitens der Duma bewilligt, aber im Reichsrate trotz warmer Fürsprache der Regierung abgelehnt wurde. Es bedurfte erst eines furchtbaren Krieges, in dem das Zarentum die polnische Bevölkerung an sich fesseln möchte, um den Polen das geringste Ausmaß politischer Rechte einzuräumen. Den Polen — aber nicht der Bevölkerung Polens und insbesondere nicht den Juden. Die Vorlage über die autonome Gemeindeverwaltung, wie sie in der Duma angenommen wurde, basierte auf dem Grundsatze, daß die Juden niehtgleich berechtigt sein dürfen. Der Polenklub selbst hat es so gewünscht. Und die russischen Kadetten haben vergeblich dagegen protestiert. Inhaltlich dieser Regierungsvorlage, die jetzt zum Gesetz erhoben wurde, darf in keiner einzigen polnischen Stadt, selbst in den zahlreichen Gemeinden, wo die Juden die Majorität haben, ein Jude Bürgermeister sein, und dürfen die 'Juden im Gemeinderate die Majorität nicht besitzen. Die Zahl der jüdischen Gemeinderäte wird nach einem perzentuellen Schlüssel geregelt — ganz nach russischem Muster. Wenn wir unter den jetzigen Verhältnissen diesen wunden Punkt der polnisch-jüdischen Beziehungen berühren, so tun wir dies in Ausübung einer ernsten publizistischen Pflicht, die wir unserem Volke gegenüber haben: wir wollen die jüdische Bevölkerung und die jüdische öffentliche Meinung vor einem allzu großen Optimismus gegenüber dien Polen warnen. Die polnischen Wortführer können leicht von sich jedie Verantwortung für die furchtbaren Pogrome, die während des Krieges seitens des polnischen Pöbels an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden, und die Brandes, bisher ein leidenschaftlicher Freund Polens und seiner Vergangenheit, in mehreren Artikeln geschildert hat, von sich abstreifen oder auf die antisemitische Propaganda der Nationaldemokraten wälzen. Allein der Polenklub in der Duma bildet doch eine nationale Repräsentanz, in der die Nationaldemokraten keinen Einfluß haben; und dieser Polenklub war es, der entgegen den großen Traditionen seiner geistigen Heroen aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, als er es in der Hand! hatte, den Juden die Gleichberechtigung einzuräumen, es vorzog, die Juden mit dem moskovitischen Prozentschlüssel zu behandeln. Den neunten Monat dauert bereits der Krieg. Trotzdem sich Juden aller Parteien — auch die Zionisten — beeilt haben, in flammenden Aufrufen für die Unabhängigkeit Polens einzutreten, reichliche Spenden für die polnischen Legionäre zu sammeln, haben es die Polen bis jetzt unterlassen, auch nur die leiseste Andeutung von sich zu geben, was die Juden, die doch 15—20 Prozent der Bevölkerung auf polnischen Gebieten bilden, von der Unabhängigkeit Polens für sich zr erwarten haben. Bloß das publizistische Organ des Obersten polnischen Nationalrates, die in Wien erscheinende Zeitschrift „Polen", hat zuerst in zwei Artikeln, betitelt „Die Judenfrage in Kongreßpolen"*) und dann in einem Artikel betitelt „Georg Brandes und die polnisch-jüdischen Beziehungen"**) dem Judenproblem in Polen ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Alle diese Artikel haben lediglich eine negative Tendenz. Zuerst werden die Polen gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen und die bekannte Boykotthetze gegen die Juden lediglich als eine Reaktion der polnischen Gesellschaft hingestellt, hervorgerufen durch die Wahl eines polnisch sozialistischen Abgeordneten seitens der jüdischen Majorität in Warschau. In dem Artikel gegen Brandes wieder war der Verfasser bemüht, den furchtbaren Schilderungen der Judenpogroms in Polen dadurch den Boden zu entziehen, daß er sich an Kleinigkeiten klammerte und sich weit und1 breit über angebliche Irrtümer Brandes bei der Aufzählung der antisemitischen Zeitungen ausließ. Dieser Herr Wasilewski, gleichzeitig auch Redaktionssekretär, also jedenfalls mit den Tendenzen des Obersten Nationalrates sehr vertraut, findet aber kein Wort des Mitleids mit dien Opfern der Massenabschlachtung durch den polnischen Pöbel und er reagiert nicht mit einem Worte auf die ausführlichen Schilderungen Brandes, daß in zahlreichen Städten Polens und Galizien die einheimische polnische Bevölkerung es war, welche Hunderte von Juden auf den Galgen brachte, indem sie dieselben bei dem Einzüge der Russen in Galizien oder bei der Rückkehr der russischen Truppen in früher von Oesterreich besetzte Gebiete als österreichische Spione denunzierte. Brandes hat die polnischen Führer hiefür nicht verantwortlich gemacht und es fällt uns auch gewiß nicht ein, dies zu tun. Aber diese schweren Beschuldigungen, welche Brandes auf Grund eines genauen Materials erhoben hat, sind nicht widerlegt, wenn man sie vollständig verschweigt und sich mit aller Wucht auf Nebensächlichkeiten wirft Gerade die Antwort der Wochenschrift „Polen" zeigt, wie Brandes recht hat. Er rügte nämlich in seinem letzten Artikel, daß die hervorragendsten Geister Rußland wie Korolenko, Gorkij, Andrejeff und andere die Judenpogroms als eine Schmach und Schande Rußlands öffentlich brandmarken, dagegen die Führer der Polen sich teils vollständig ausschweigen, teils aber wie Niemojewski und Swietochowski selbst an die Spitze dieser Bewegung stellen. Und siehe da, das offizielle Organ des Obersten polnischen Nationalrates nimmt die genannten Personen in Schutz und bestreitet die Pogrome unter Berufung darauf, daß im Jahre 1905 (!) polnische Intelligenzler und Arbeiter russische Pogromversuche im Keime erstickten. Aber die polnischen Pogroms im Jahre 1915 gegen die österreichisch-treue jüdische Bevölkerung werden in diesem Blatte verschwiegen. Die merkwürdige Art der Polemik und die mit ihr in Verbindungstehende Taktik der maßgebenden polnischen Kreise in der Judenfrage geben viel zu denken. Es ist ja begreiflich, daß die Polen in erster Linie auf die Sicherung ihrer eigenen nationalen und politischen Zukunft bedacht sind. Die Lösung der Judenfrage überlassen sie — und daraus machen sie :i) Nr. 5 and 6 vom 2f>. Jänner und ». Pabruar 1915. **) Nr. 13 vom 26. März 191».

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