Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 6 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 52 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425942-2425949--3137-2429702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
den VIII. Bezirk, gegen den Währinger Gürtel, fand Wohnungen pro 12. Februar, aber nicht per sofort. Ich ging dann über die Augartenbrücke, ich suchte im XX., ich suchte im II. Bezirke, vergebens — ich konnte keine Wohnung finden. Und es verging der erste Tag meines Aufenthaltes in Wien und es wurde Nacht und ich ging schlafen, ohne eine Wohnung gefunden zu haben. Nächsten Tag begann wieder die Wohnungssuche. Meine Ansprüche waren mittlerweile bescheidener geworden. Zu allererst suchte ich eine unmöblierte Wohnung, bestehend aus Zimmer und Küche, dann wollte ich mich mit einem möblierten Zimmer samt Küchenmitbenützung begnügen und endlich — mietete ich ein Kabinett samt Küchenmitbenützung. Monatlicher Mietzins 50 Kronen exklusive Beheizung und Beleuchtung! Ich habe 50 Kronen bezahlt und das Kabinett in Besitz genommen. Aber ein Hofkabinett als Wohn-, Speise- und' Schlafzimmer für drei Personen, das geht doch nicht. Ueberhaupt die Nächte, der beschränkte Raum, die gestockte Luft! Folglich — ich suche eine Wohnung! Ich durchstreife Gassen und Straßen, deren Vorhandensein ich nie geahnt habe, klettere unzählige Stockwerke hinauf und hinunter und finde in nächster Nähe meiner bisherigen Wohnung ein möbliertes Zimmer samt Küchenbenützung. Monatsmiete: 60 Kronen. Es ist dies zwar eine Hofwohnung, die Sonne gelangt da niemals in die Wohnung, die Tuberkelbazillen können da ungestört ihr Unwesen treiben, die Sonnenstrahlen können zu ihnen nicht gelangen und können ihnen nichts anhaben. Aber dennoch ist die Wohnung relativ gut, denn die Quartiergeberin geht in die Häuser waschen und1 wir können in der Wohnung ungestört leben. Aber im zweiten Monat erklärt die Quartiergeberin, daß sie zu Hause waschen werde, das Wort wird zur Tat und die Quartiergeberin bügelt in der Küche Wäsche von 8 Uhr früh bis 10 Uhr nachts. Der Kohlendunst, die Unbequemlichkeit zwingen mich, nach einer anderen Wohnung mich umzusehen. Also — ich suche eine Wohnung! Ich fand und mietete wieder ein möbliertes Zimmer mit Küchenbenützung. Monatlicher Mietzins 60 Kronen. Bevor ich aber noch einzog, erklärte mir die Quartiergeberin, daß sie mir die Wohnung zu billig vermietet habe, daß sie für diese Wohnung mehr bekommen könne und daß es folglich ausgeschlossen sei, daß sie mich länger als einen Monat halte. Auf der Wohnungssuche habe ich reiche Erfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen wollte ich nutzbringend verwerten auf diese Weise, daß ich ein Wohnungsnachweisbureau eröffnen wollte, überhaupt, da ich auf der Wohnungssuche mit einem Wohnungsnachweisbureau in Berührung kam und dessen Manipulation (wie man das Geld für nichts und wieder nichts Flüchtlingen abnimmt) gründlich erlernte. Aber leider dürfen wir Flüchtlinge in Wien keinem Erwerbe nachgehen, wir sollen und müssen 70 Heller-Rentiere sein. Da ich also die gesammelten Erfahrungen für mich nicht verwerten kann, so will ich sie zur allgemeinen Kenntnis bringen. In erster Reihe will ich hier rühmend hervorheben die segensreiche Tätigkeit eines Wohnungsnachweisbureau's im III. Bezirke. Es nimmt dem Interessenten eine Grundtaxe von 3 Kronen ab, verspricht in den bezeichneten Bezirken wuiischgemäße Wohnungen anzuweisen, schickt durch drei Tage in Wohnungen, die entweder schon längst . vermietet sind, oder erst zum Quartalstermin frei werden, oder die anstatt im ersten oder zweiten im vierten Stock liegen und nach drei Tagen bricht das Bureau jeden weiteren Verkehr ab. Man ist um drei Kronen ärmer, hat aber keine Wohnung. Und jetzt die gesammelten Erfahrungen: In der Praterstraße ist ein unmöbliertes Zimmer samt Küche zu vermieten. Wie einst im Labyrinth ist auch hier ein Ariadnefaden nötig, um herein- und dann herauiszufinden, so schneckenartig gewunden ist diese Wohnung. Und überdies hat das Zimmer keinen Ofen und die Küche keinen Herd. Im Prater: Ein möbliertes Zimmer und Küche. Der Mann rückt ein, die Frau geht zu den Eltern. Die Wohnung wird also samt Möbeln vermietet. Die Wände sind mit Löchern besät und die Löcher sind mit Wachs verstopft. Ich frage, ob da kein Ungeziefer ist und die Frau antwortet: ,',Ich hafte, daß die Wohnung insektenrein ist". Trotz dieser Haftung kratzte ich die Wachsverkittung weg und . . . „Da unten aber ist's fürchterlich Und der Mensch versuche die Götter nicht Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen" denn „Schwarz wimmeln da, in grausem Gemisch Zu scheußlichen Klumpen geballt ..." Für diese möblierte Wohnung verlangte man von mir 125 Kronen, sage 125 Kronen monatlich. Wenn ich die Wohnung im Prater mit 40 Kronen monatlich bewerten sollte, so stellt sich die Gebühr für die Benützung der Möbel auf 85 Kronen monatlich! ImPrater: Unmöbliertes Zimmer und Küche. Die Vermieterin, eine Greislerin, will an keinen Flüchtling vermieten. Ich bin vollständig Westeuropäer, die Greislerin hat doch erkannt, daß ich Flüchtling bin. Das zeigt von einer scharfen Beobachtungsgabe der Wiener Greislerinnen. In der L e o p o 1 d<s t a d t: Unmöbliertes Zimmer und Küche, Parterre, feucht. Die Hausbesorgerin erklärt, daß der Hausherr an keinen Juden die Wohnung vermieten werde. — Abgetan! In der Brigittenau: In einem Neubau, II. Stock, (dazwischen Mezzanin) Zimmer, Küche, Kabinett unmöbliert — kostet 54 Kronen monatlich. Die Hausbesorgerin hat schon aber einen anderen Reflektanten vorgemerkt, was heißen soll: gib einige Kronen, und da. ich diesen zarten Wink nicht verstehen will, so soll ich nachmittags wiederkommen und da ist die Wohnung schön vermietet. Es gibt in Wien verschiedene humanitäre Vereine, es gibt sogar einen Tierschutzverein. Könnte nicht jemand auch die Flüchtlinge oder Fluchlinge in Schutz nehmen? Man schützt vor Lebensmittelwucher, warum gibt es keinen Schutz gegen Wohnungswucher? Wir sind zwar nur Flüchtlinge, aber schließlich und endlich sind wir ja doch Menschen und sogar sehr unglückliche Menschen.