Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 6 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 51 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425942-2425949--3136-2429701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 6 ,N eue Nafionai-Zeihmg" Seite 51 Ich suche eine Wohnung! Nach einer schrecklichen, strapaziösen, entnervenden Reise von langer Dauer, zusammenbrechend vor Mattigkeit, Hunger und Kälte kam ich mit meiner Famülie um 9 Uhr morgens in Wien an, glücklich, daß sich keines von uns zumindest eine Lungenentzündung auf der Reise, geholt hat. Da ich in Wien ganz fremd bin, blieb mir nichts anderes übrig, als in einem Hotel abzusteigen. Tägliche Miete: 8 Kronen 50 Heller (ohne Trinkgeld), für den Beutel eines Flüchtlings zu viel. Folglich muß wieder am schnellsten eine Privatwohnung gesucht und gefunden werden. Also ich begebe mich auf die Wohnungssuche, die den ganzen ersten Tag meines Wiener Aufenthaltes in Anspruch nehmen und mit einem kläglichen Fiasko enden wird. Ich will aber den Ereignissen nichts vorgreifen, sondern alles hübsch der Reihe nach erzählen. Es sei; mir nur gestattet, dieser Schilderung einige 'Bemerkungen allgemeiner Natur vorauszusenden: Ich bediene mich der Bezeichnung „Flüchtling", wenn ich) von mir und meinen Schicksalsgenossen spreche und dieser Umstand könnte die Meinung hervorrufen, daß dieser Ausdruck eine Namens- oder Standesbezeichnung sei. Dieser Auffassung muß ganz entschieden widersprochen werden. Das Wort Flüchtling bezeichnet in landläufiger Sprachenwendling eine ganz besondere Spezies. Man versteht darunter Individuen, die früher in Galizien und in der Bukowina ihren festen Wohnsitz hatten, Gewerbetreibende, Industrielle, Kaufleute, Gutsbesitzer, Realitätenbesitzer, Beamte, Staats-, Kommunal- und Zivilangestellte und -bediemstete, Handwerker, Krämer, Landwirte, Züchter, Pächter u. v. a. waren, Ehrenämter und Ehrenstellen bekleideten, manchmal sogar bedeutendes Vermögen besaßen, sonst aber im Wohlstande lebten oder sich recht und schiecht ernährten. Es ind dies Staatsbürger, die ihre Steuern bezahlten und dem Reiche und dem Kaiser mit Gut und Blut dienten und deren Söhne, Brüder, Väter auf dem Schlachtfelde ihr Herzblut verspritzen. Diese Individuen opferten aus Patriotismus all ihr Hab und Gut, ließen im Stiche ihre Häuser, Geschäfte, Landgüter und ihren Erwerb, überließen dem Feinde die Früchte der Arbeit und des Schaffens ihres ganzen Lebens und flüchteten vor dem grimmen Feinde — größtenteils — nach Wien in der Erwartung, hier für die Zeit der Not eine liebevolle Aufnahme, eine sichere Heimstätte zu finden. Und hier in Wien leben sie zumeist im II. und XX. Bezirke, wo sie sämtliche leergestandenen Wohnungen, ebenso die Wohnungen der Einberufenen besetzten und sogar die Wohnungen in den neuerbauten, kaum fertiggestellten Häusern mieteten und gar oft die noch feuchten Wände mit ihren Lungen trockneten. Diese Leute, die zumeist all ihr Hab und Gut verloren haben, bekommen 70 Heller täglich als Staatsunterstützung und mit diesem Betrag „müssen" sie eben auskommen. Ein Funktionär einer autonomen Wiener Körperschaft hat dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber hervorgehoben, daß die Flüchtlinge mit 70 Heller auskommen „müssen" und hat dieses Wort „müssen" mehreremal mit Nachdruck betont. Ich rechnete und rechnete und konnte keinesfalls diese Aufgabe lösen, wieso man in Wien — bei einem monatlichen Mietzinse von 60 bis 90 K für ein möbliertes Zimmer samt Küchenbenützung — mit 70 Heller täglich sein Auslangen finden kann — ich zweifle aber nicht, daß der Herr Funktionär, der einen akademischen Grad besitzt, und welcher mit solcher Bestimmtheit diese Behauptung autstellte und verfocht, die Lösung bereits gefunden hat, er müßte nur so liebenswürdig sein, diese Lösung der breiten Oeffentlichkeit bekannt zu geben und er würde sich einen unvergänglichen Ruhm erwerben durch die Aufstellung und Begründung des neuen pytagoräischen Lehrsatzes: „Summe sämtlicher täglicher Ausgaben eines Flüchtlings Summe 70 Heller täglich." Aber nicht alle Flüchtlinge beanspruchen und erhalten eine Staatsunterstützung, es gibt noch eine ganz andere Spezies von Flüchtlingen, leicht erkennbar an prachtvollem teuren Pelzwerk, glitzernden Brillanten, wehenden Reihern, extravaganten Toiletten. Ihre Zahl ist gering. Sie gedeihen in den Kaffeehäusern und Konditoreien am Graben und Kohlmarkt, sind in den Bars anzutreffen, füllen die Logensitze in der Oper und den Theatern aus und beleben die Varietes. Ihre Lebensaufgabe in Wien ist es, sich recht gut zu amüsieren und recht viel Geld unter die Leute zu bringen. Von jeder moralischen Verpflichtung ihren Mirftüchtlingen gegenüber, die nicht so vorsichtig waren wie sie in der Wahl ihrer Eitern, Schwiegereltern, Gatten respektive Gattinnen fühlen sie sich ein für allemal befreit. — Und dennoch sind diese MittlüchtHnge ihren brillantenstrotzenden, reihenwehenden Genossen zu großem Dank verpflichtet, denn nur ihrem Gebaren ist es zuzuschreiben, daß die Wiener in jedem Flüchtling — mag sein äußeres noch so ärmlich sein — einen nicht ganz ausgewachsenen Morgan oder Carnegie sehen und in dessen Brieftasche zumindest eine lumpige Million vermuten — werden doch die einen wie die anderen „Flüchtlinge" genannt. Aber ich plaudere und vergesse dabei, daß ich keine Wohnung habe und auf der Wohnungssuche mich befinde. Afso recht fleißig suchen, denn ein Novembertag ist nicht lang und kaum ist der Tag um, da heißt es wieder 8 Kronen 50 Heller für das Hotel bezahlen. Also suchen! — aber wo suchen? Ich will gescheidt zu Werke gehen und kalkuliere: Im IL und XX. Bezirke will ich gar nicht suchen. Die Flüchtlinge der Bukowina und aus Ost- und Zentralgalizien sind früher nach Wien gekommen und haben gewiß diese beiden Bezirke besetzt. Ich will es mit dem IX. Bez., in der Nähe des Franz Josefkais versuchen. Da werden gewiß noch Wohnungen sein, nicht allzu teuer und unweit von der Leopoldstadt. Dieser letztere Umstand war von großer Bedeutung, denn in der Leopoldstadt hat man die Möglichkeit auf Schritt und Tritt Bekannten zu begegnen, von denen man vielleicht etwas über das Los geflüchteter Verwandter aus anderen Städten erfahren und denen man ssein Leid klagen könnte und bekanntlich ist ja „geteiltes Leid halbes Leid". In der Leopoldstadt hat man auch die meiste Möglichkeit, den rituellen Vorschriften entsprechend zu leben und „die Not lehrt ja beten". Nicht einer glaubt durch eine strengreligiöse Lebensweise Gottes Erbarmen zu erflehen und die Beendigung der Leiden des Exils herbeizuführen. Deshalb eine Wohnung im IX. Bezirk, aber nahe vom Kai. Ich suchte, ging immer weiter hinaus gegen