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Neue Nationalzeitung · 1915-03-26 · Heft 6 (26.3.1915) · p. Seite 50

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 6 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 50 (sequence 6)
Language
German
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Seite §0 „Neue National-Zeitung" tagskost! Das war eine Erlösung. Ich konnte ruhig in die Zukunft schauen und täglich, ohne zu hungern, meine Schulaufgaben absolvieren. —— Und wie vielen hatte Mannheimer durch sein unmittelbares Eingreifen auf solche und ähnliche Weise geholfen! Noch heute, auf meinen alten Tagen, werden meine Augen feucht, wenn ich an ihn und seinesgleichen denke. Mannheimer wurde von seiner Gemeinde verehrt, geliebt und angebetet. Freilich hatte auch er Gegner, nicht aber solche, die es aus. religiöser Ueberzeugung, sondern die es aus Parteihaß waren, und auch dieser hatte seine Vertreter im Kultusvorstande selbst Und wenn sich diese den edlen religiösen Bestrebungen Mannheimers hindernd in den Weg stellten und die große Majorität des Vorstandes sieh darüber entrüstete; da beschwichtigte sie Mannheimer, 'hinweisend auf die labile Existenz eines Kultusvorstandes mit den Worten des Psalrnisten: „Sie schwinden dahin, du aber bleibst!" — Und er ist auch geblieben und sein Andenken ist bleibend. Denn 'er lehrte und handelte aus innerster Ueberzeugung. Jellinek hat einmal in einer vielvermerkten Predigt, als Mannheimer noch lebte, das bekannte talmudische Wort: „Noah in seiner Zeit und Abraham in seiner Zeit", andeutungsweise auf sich und Noah Mannheimer angewendet. Die Ausführung war geistreich, sie konnte aber gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Vergleich hinkte: Denn Männer wie Noah Mannheimer, düe, alles in allem genommen, nur Mens che n, warmfühl'ende Menschen sind und sein wollen, die keinen anderen Ehrgeiz kennen, als Menschen zu veredeln und zu erheben, mühselig Beladene aufzurichten und zu stützen, von der Alibarmherzigkeit Gottes Barmherzigkeit zu lernen und unentwegt zuü ben - solche Menschen sind zu allen Zeiten an ihrem Platze und sie wären es selbst heute noch, wo wir schon längst über Jellinek hinaus zu sein uns brüsten. Ein Noah Mannheimer, der in unseren Tagen lebte, wäre ein „Noah in seiner Zeit" mehr denn je! Ich weiß nicht, ob ein großer Rabbiner im allgemeinen seine Gemeinde zu sich emporzuheben vermag; oder ob die Gemeinde den Rabbiner macht. Zu Mannheimers Zeiten war sicherlich das erstere der Fall. In unseren Tagen aber scheinen die Gemeinden und ihre Rabbiner sich gegenseitig zu influenzieren und zu bilden, bis sie sich gegenseitig in allen Stücken ausgeglichen und auf dasselbe Niveau gekommen sind, von welchem aus sie sich vollkommen verstehen und verständigen können.-- Ein dankbarer Verehrer Mannheimers aus den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Isidor Kaufmann. Zum 60. Geburtstag. Am 22. d. M. hat Isidor Kaufmann seinen 60. Geburtstag gefeiert. Wer Isidor Kaufmann ist und was er unserem Volke bedeutet, brauchen wir den Lesern dieses Blattes nicht erst zu sagen. Er ist nicht nur ein hervorragender Künstler, sondern auch der berühmte Maler der polnischen Juden, dessen Werke nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen hohen kulturhistorischen Wert haben. Kaufmann malt die polnischen Juden in ihrem Heim, in ihrem Millieu, in ihrer alten historischen Tracht, die er durch seine Kunst zu idealisieren versteht. Wenn infolge der großen Umwälzungen, die sich vor unseren Augen jetzt vorbereiten, die polnischen Juden mit dem Westen in nähere Verbindung gelangen und immer mehr das Traditionelle in ihrem Aeußern abstreifen, so ist es umso mehr das Verdienst Kaufmanns, daß.er uns diese Vergangenheit durch seine idealisierende Kunst in verklärter Form erhält. Die Leser dieses Blattes haben oft Gelegenheit gehabt, speziell anläßlich der Frühjahrsausstellungen in dem Künstlerhaus Reproduktionen der ausgestellten Bilder in diesen Spalten zu bewundern. Die künstlerische Bedeutung Kaufmanns wurde von berufenster Seite durch Verleihung der großen und kleinen goldenen Medaille, sowie der Karl Ludwig-Medaille anerkannt. Ob sie auch von jüdischer Seite gebührend anerkannt wird, das läßt sich bezweifeln, Wir meinen da in erster Linie die jüdischen Kunstsammler und jene Kreise, deren Nachfrage zwar nicht den Wert, aber den Preis eines Bildes bestimmt* Nun, Kaufmann ist darauf nicht angewiesen. Seine „polnischen Juden" werden mit Vorliebe von — christlichen Mäcenen gekauft, und da er nun dadurch in die Mode gekommen ist, haben seine Werke auch für jüdische Salons einen Wert erhalten . . . Sonst hat Kaufmann, der selbst in Arad geboren ist, alljährlich im Sommer Galizien. aufgesucht, um dort seine Modelle zu studieren. Seit den letzten Monaten hat er es wohl nicht mehr nötig. Der 60. Geburtstag des Meisters wäre wohl der beste Anlaß dazu gewesen, eine Gesamtausstellung seiner zahlreichen Werke zu veranstalten; es wäre dies nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein jüdisch-kulturelles Ereignis. Die gegenwärtige Zeit macht dies jedoch leider unmöglich. Aber wir hoffen und wünschen, daß diese Gesamtausstellung nach Eintritt normaler Zeiten vor sich gehe und daß unser jüdischer Meister, der über eine ungeschmälerte Arbeitskraft verfügt, ihr noch zahlreiche Werke beifüge. Als besonders erfreuliche Tatsache möchten wir nicht unerwähnt lassen, daß auch ein Sohn des Meisters, den Fußstapfen des Vaters folgend, seinen Pinsel in den Dienst des jüdischen Volkstums gestellt hat. Wir waren voriges Jahr in der angenehmen Lage, von seinem sehr gelungenen Austeilungsobjekte dieses Genres zu berichten. Derzeit hat der junge Künstler jedoch den Pinsel mit dem Schwerte vertauscht und erfüllt auch eine jüdische Pflicht, indem er sein Vaterland gegen die russischen Horden verteidigt. L. Ein Flüchtling auf der Wohnungssuche. Zum Nutzen und Frommen anderer Flüchtlinge und für Flüchtlinge sich interessierender Institutionen und Personen geschildert. Von L. St. Ich suche eine Wohnung! Seit vier Monaten wohne ich in Wien. Ich wohne schon in der vierten Wohnung und suche bereits die fünfte Wohnung. Warum? — Ich bitte, nur geduldig das Nachfolgende zu lesen, da wird sich schon das „Darum" finden.

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