Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 6 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 49 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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■rir. 6 .Neue NationalrZeitung" Seite 49 Und welcher Empfang wurde ihnen zuteil? Sie wurden unterstützt, unterstützt, unterstützt. Ist es ja merkwürdig, daß es sogar „Flüchtlinge" gibt, die in salbungsvollen, mit Talmudzitaten gewürzte Admonitionen etwa vorhandene Fehler oder Vergehen mancher Flüchtlinge ans Tageslicht „zerren" und dafür von der „Reichspost" gelobt werden. In dieser Seelenverfassung sehen die Aermsten dem Befreiungsfeste entgegen ... Gibt es für sie noch eine Befreiung? Wird es für sie jemals eine solche geben? Die Resignation war wohl immer das Kennzeichen der Diaspora: fljnn 7^ "fD1? l*n« ™.i "patt KW dto „Der Mensch soll für das Schlimme ebenso wie für das Gute Gott loben", sagt der Talmud. Und in stiller Resignation erwarten sie das Pessachfest, erinnern sich an ihre „einstige Sklaverei" im Lande Mizrajim, und an die wundervolle Errettung durch Gott „mit starker Hand und ausgestrecktem Arm . . ." In der Vergangenheit suchen sie Trost und Hoffnung für die Zukunft . . . Isaak Noah Mannheimer. Ein bescheidenes Gedenkblatt persönlicher Erinnerung. Motto: „Nehmt alles nur in Allem: er war ein Mensch. Wann werden wir seinesgleichen wieder sehen!" Nicht von dem Theologen Mannheimer will ich sprechen. Er war weder Oberrabbiner noch überhaupt Rabbiner, er war lediglich „Religionsweiser"; aber das war er voll und ganz, mit Leib und Seele, schöpferisch und vorbildlich; sowie der damalige Rabbinatsverweser Horowiz, eine talmudische Kapazität ersten Ranges, obgleich er nur den offiziellen, sehr bescheidenen Titel „Fleischbeschauer" führte, in anspruchlosester 'Waise das Rabbinat zu einer Höhe und Würde brachte, die es wohl kaum je mehr erreichen wird. Auch nicht von Mannheimer, dem Reformer, als welchen ihn die einen verschrieen, die anderen in den Himmel hoben, will ich hier sprechen. Er war gär kein Reformer; nur ein Ordner chaotischer synagogaler Zustände, der im Vereine mit dem genialen gottbegnadeten Salomon Sulzer, den ein glückliches Geschick an seine Seite gestellt, Schöpfer eines zeitgemäß geregelten Gottesdienstes wurde. Nur des Menschen Mannheimer will ich gedenken, der die verkörperte Selbstlosigkeit, der unverschanzt und jedem zugänglich war, der keine „Sprechstunde" hatte und keine Anmeldungen und Empfehlungen verlangte, der gleichsam wie Sokrates einfach dem Eintretenden sagte: sprich, damit ich wisse, wer du bist. Sowie nur derjenige ein wahrhaft großer Arzt sein kann, der ein wahrhaft guter Mensch ist, so kann auch nur jener Seelsorger groß genannt werden und in der Erinnerung der Nachwelt leben, der von Menschenliebe erfüllt ist. Denn zu lieben, ist er da und soll dem materiellen, wilde Leidenschaften aufwühlenden Getriebe entrückt sein und bleiben. Das Elend, welcher Art es auch immer sei, helfend und tröstend zu lindern, das ist seine eigentliche Aufgabe. Anstatt an unzähligen Beispielen zu zeigen, wie weithin Mannheimers Menschenliebe sich' erstreckte, will ich hier ein selbsterlebtes wiedergeben: Ich kam als vierzehnjähriger Knabe gänzlich mittellos nach Wien, um das Gymnasium zu besuchen. Blutarme Landsleute, die ich hier aufsuchte, gewährten mir eine Schlafstätte. Ich litt unsagbare Not. Der Hunger quälte mich dermaßen; daß ich oft schon daran war, auf der Straße Passanten um ein Almosen anzusprechen. Aber im letzten Augenblick brachte ich es doch nicht zustande; lieber hungerte ich weiter. Da sagte mir eines Tages ein Mitschüler, der ebenfalls arm war und meine Notlage kannte: „Geh doch zu Mannheim/er!" Ich faßte mir ein Herz und ging in seine Wohnung in der Seitenstettengasse, Zitternd an allen Gliedern öffnete ich die Tür. Das Vorzimmer war mit Petenten gefüllt. Nach und' nach werde ich vorwärts geschoben und1 ehe ein Stündehen verflossen, stehe ich vor einem hagern Männchen mit glattrasiertem, länglich-schmalen, durchgeistigten, ungemein sanftmütigem Gesichte. — Mannheimer fragt mich mit aufmunternden Worten nach meinem Begehr. Jede Angst und Schüchternheit ist von mir gewichen. Er hört mich geduldig an, und da er vernimmt, daß ich bis jetzt im Vaterhaus fast ausschließlich dem Talmudstudium obgelegen und seit kurzem das Gymnasium besuche, sagt er, mir auf die Schulter klopfend: „Recht so, mein Kind: tauw thauroh im derech-erez, schön ist Thorah im Verein mit weltlicher Bildung!" Darauf setzte er sich hin, schrieb einige Zeilen und übergab sie mir, mich zum Fenster führend, mit den Worten: „Siehst du, da drüben, gerade gegenüber, wohnt Herr von Hofmannsthal, gehe hin und übergib ihm dieses Briefchen, und ich hoffe, es wird etwas für dich geschehen." Tränen tiefser Dankbarkeit flössen über meine Wangen. Ich wollte dem edlen Manne die Hand küssen. Er wehrte es ab und geleitete mich!, mir das nasse Gesicht streichelnd, bis zum Ausgang. Dr. Ignaz von Hof mannsthal war Arzt von Beruf. Arzt, Helfer und Beschützer der Armen, war Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemekidfe und des Taubstummeninstitutes. Eine vornehme Erscheinung, dessen Züge dieselbe Milde und Güte widerspiegelten. Auch seine Wohnung fand ich von Hilfesuchenden belagert. Auch er hörte mich mit großer Geduld an, ließ sich eingehend) über meine Herkunft, Lage und Studien usw. informieren. Als ich ihm meinen Namen und Heimatsort nannte, fragte er mich, ob ich nicht eine Schwester, namens Regina, im Taubstummeninstitute hatte. Und als ich es bejahte, sagte er wehmutsvoll': „Es war erin prächtiges, äußerst strebsames Geschöpf. Wenn du ihr anrollen bist und ihr nacheiferst, kannst du ein nützliches Glied der Gesellschaft werden. — Ich kann zwar nicht zu viel für dein Fortkommen tun; aber, da du anspruchslos bist und entbehren gelernt hast, so wurd's schon gehen: dti bekommst monatlich 4 Gulden und wöchentlich drei Kosttage in der Armenanstalt. Etwaigen Wohnungswechsel hast du mir anzuzeigen. Und nun geh mit Gott und sei brav!" Tagelang weinte ich FreudSenträner*. Vier Gulden monatlich sicher! Das war mir ein Vermögen! Und dazu noch dreimal in der Woche warme Mit-