Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 6 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 48 „Nene NationaUZeitung" Nr. 6 der kulturell und ethisch höchststehen^e „Gegner", der kraft seiner Tatkraft, Pflichttreue und Ausdauer, kraft seines zähen Willens gefährlich werden kann. Er will seinen Platz an der Sonne haben — Bismarck hatte bereits versichert, daß Deutschland die einzige große Macht in Europa ist, in deren Interesse die Erhaltung des Friedens liegt — und das ist sein Verbrechen. Denn wer kümmert sich um die Wahrheit, wenn er sich vom „Konkurrenten" gefährdet glaubt? Eine Meute wurde nun organisiert, das Waffenschild mit den raffiniertesten Lügen aufgeputzt und — die Jagd geht vor sich. So erlebt also das jüdische Volk, dessen beste Söhne in allen Lagern heldenmütig mitkämpfen und nicht selten einander den Todesstoß versetzen, sein eigenes Schicksal objektiviert an einem fremden Volke. In der seit Jahrhunderten- bis auf den heutigen Tag dauernden Hetzjagd war es stets das gehaßte Wild, welches allein gegen die ganze Welt zu bestehen hatte. In bitterer Wehmut erblickt es jetzt auf der Weltenbühne die eigene Tragödie in anderer Form, in anderen Dimensionen und in . . . anderer Besetzung, eine Tragödie, in der es selbst — o laerimae rerum! — eine ganz kleine, aber blutig ernste Nebenrolle innehat.--- : Bis hieher nur reicht aber die Analogie und nicht weiter. Deutschland verteidigt sich! Es verteidigt sich mit ungeheurem Elan und todesverachtendem Mut und scheut nicht die schwersten Opfer im Dienste seiner Ganzheit, Eigenart und Zukunft. Der Geist des edelsten, reinsten Patriotismus durchdringt in diesen Tagen die Seele jedes Einzelnen im deutschen Reiche, und jeder Einzelne weiß, worum er kämpft und ist bereit, den Tod auf dem Schlachtfeld mit flammender Opferfreudigkeit zu erleiden. „Der Tod auf dem Schlachtfeld — sagt ein deutscher Schriftsteller ^- wie unsere Krieger ihn erleiden und austeilen, ist Gottesdienst." Unseren entzückten Augen bietet sich ein Bild dar, ein einzigartiges, heiliges Bild — Bild und Vorbild, wie ein prachtvolles Volk um sein höchstes Gut ringt.--- Haben wir — wir Volk — während der vielen Jahrhunderte unseres Golus je so gefühlt und gedacht? .. . Möge dieser furchtbare Krieg für uns Juden ein Beispiel sein, wie ein Volk denken und handeln soll — ein Volk, das nicht untergehen will! Dr. Wilhelm Berkelhammer. Pessach-Gedanken eines Flüchtlings. Von JML R. (Lemberg.) .....Weise genug sind sie'zu schaden, aber zu helfen verstehen sie nicht . . Jeremia IV. 22; Es naht das Pessachfest. Es naht die Erinn'erungsfeier an die wunderbare Erlösung des jüdischen Volkes aus der Sklaverei Aegyptens ... In Mtzrajim, da ging es den Juden schlecht, sehr schlecht. . Die Judenfeinde setzten ihnen hart zu. Kaum hatten sie im Lande Wurzel gefaßt, da verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Parole: Siehe, das Judenvolk ist durch uns groß und stark geworden, größer und stärker alswirselbst... Die Auffassung, daß der Wohlstand und die Bedeutung der Juden der autochtonen Bevölkerung entrissen seien, daß alles, was durch Fleiß und Genie geschaffen und erworben worden, fremdes Gut sei, führte zum ersten Ausnahmsgesetz gegen die Juden. Es wurden die ersten antisemitischen Organisationen gegen den „Jüdischen Kapitalismus" geschaffen, die ersten Judensteuern eingeführt. Nicht etwa, weil die Juden es verdienten, geschah dies alles, nein; nur weil sie verdienten, verdienen konnten... Und als die Ausnahmgesetze ihren Zweck, den Zweck der vollständigen Proletarisierung des verhaßten Judenvolkes nicht erreichten, oder nicht zur Zufriedenheit der versuchten Agitatoren zu erreichen schienen; als die gesunde Lebenskraft des an ethischen Grundsätzen festhaltenden Judenvolkes trotz aller Sklaverei nicht verdorren wollte, da gab man sich mit Ausnahmsgesetzen nicht mehr zufrieden, da ging man ihnen ans Leben . . . Die Parole lautete alsdann: Tod und Verderben den Juden! In den Fluß mit jedem neugeborenen Judensohn! ... Die Not war am höchsten . . . Da erschien ein Mann auf der Oberfläche, ein Mann von hervorragendster seelischer Größe, ein Heros, ein Uebermensch ... Und dieser Mann hieß Moses. * * Es naht das Pessachfest . . . Gebrochenen Herzens blicken wir auf die Scharen der armen, heimatlosen, fast ausnahmslos um ihre Existenz gekommenen Juden Galiziens und der Bukowina . . . Unser Auge wird feucht beim Anblick dieser gemarterten Opfer der blutdürstigsten Kriegsgottes . . . Die Armen! Sie leiden unsäglich, sie leiden doppelt: physisch und moralische . . Und wiederleidensienicht, weil sie esverdienen... Als ob des Hungerns und Frierens zu wenig wäre, werden sie beschämt und bloßgestellt — von ihren eigenen Führern. Warum? Haben sie doch Hab und Gut, Haus und Hof, Handel und Handwerk verlassen, nur um sich und ihre Angehörigen vor der grausamen Verfolgung der moskowitischen Knute zu retten; um ihre Weiber und Töchter vor ewiger Schande zu bewahren; um eher der öffentlichen Barmherzigkeit anheimzufallen und selbst das dürftigste Dasein zu fristen, als ihrem Vaterlande die Treue zu brechen. Als sie ihre Heimat verließen, den Boden, den ihre Ahnen so oft mit Blut gedüngt, die Stätten ihres Fleißes und ihres Erwerbes, da retteten nur wenige das Allernotwendigste, die meisten — gar nichts ... So wie sie gerade angekleidet waren, so verließen sie zumeist ihr Heim, froh das nackte Leben zu retten. Da wurde manch Einer zum Bettler, der noch unlängst für mehr als wohlhabend galt .... Ihr ganzes Denkvermögen konzentrierte sich nur in dem einen Gedanken: Fort! Fort von der Stätte, wo die unmenschlichen Barbaren ihre Orgien zu feiern sich anschicken. Mit verstörtem Antlitz, gebrochen an Körper und Seele, pochten sie an die gastfreundlichen Pforten der glücklichen, vom Feinde nicht verheerten Kronländer ...