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Neue Nationalzeitung · 1915-03-26 · Heft 6 (26.3.1915) · p. Seite 47

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 6 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 „NeueJ^ational-Zeitang^ Seite 47 Juden und Deutsche. Felix Saiten hat'vor kurzem in seiner „Studie über Potsdam" eine leise Analogie durchklingen lassen: „ . . . Der deutsche Techniker, der deutsche Unternehmer, der deutsche Kaufmann, der in allen Erdteilen unerbittlich die Konkurrenz aus dem Felde schlug, durfte sich nicht einbilden, daß er damit zärtliche Gefühle weckt. Darin teilen die Deutschen nun das Geschick eines anderen Volkes, dem man wohl seinen Spinoza, nimmermehr aber seinen nüchternen Fleiß, seine rastlose Arbeit und seine Tüchtigkeit verzeiht . . ." Wahrlich, die Analogie ist richtig und wiewohl zwischen Juden und Deutschen sonst vielleicht gar keine nationalen Charakterähnlichkeiten bestehen, so haben doch beide Nationen eines gemeinsam: die Abneigung, die die Umwelt gegen sie empfindet, den Haß, den sie gegen sich überall und allgemein erregen. Gemeinsam ist dabei nicht nur dieses allgemeine, fast unheimliche, im ersten Augenblick gar nicht verständliche Gehaßtsein, sondern — was wesentlicher — gemeinsam ist auch die wahrhaftige Ursache der Animosie: der Umstand nämlich, daß nicht Fehler und Mängel des Volkscharakters den Haß der Umwelt hervorrufen, sondern einzig und allein seine — Vorzüge. Das klingt paradox und sie, die Hassenden, wären selbstredend die Letzten, die es zugeben würden. Sie suchen vielmehr krampfhaft nach Gründen, um den nun einmal übermächtigen Widerwillen gegen das gehaßte Volk zu rechtfertigen und ihre Theoretiker konstruieren mit heißem Bemühen geistreichelnde Theorien, die der Abneigung eine zureichende, „objektiv" geltende Basis zu geben vermöchten. Dabei ist aber alle Objektivität von vornherein ausgeschlossen, denn nicht voraussetzungslose Wissensgi&r, sondern eine a priori richtunggebende Tendenz treibt die „wissenschaftlichen" Antisemiten und nunmehr auch die vielen offiziellen Deutschenhasser an den psychologischen Seziertisch. Die auf solche Weise mit großem Geräusch entdeckten „Wahrheiten" — die höchstens Aeußerlichkeiten oder lose an der Volkspsyche haftende, vorübergehende Ansätze geschichtlicher Vorgänge konstatieren — werden dann ins Riesenhafte aufgebauscht, zu ewigen, unveränderlichen Nationaleigentümlichkeiten gestempelt und zu Schlachtrufen verwertet. — Die Deutschen sollen demnach den „Militarismus" aufgezüchtet haben, und müßten deswegen ausgerottet werden. Die naive Menge glaubt dann wirklich, daß gegen den Militarismus, gegen das kulturfeindliche deutsche „Barbarentum" gekämpft wird. Ebenso wie sie glaubt, daß der Antisemitismus gegen den sogenannten jüdischen Ausbeutungsinstinkt, oder wie man sonst zu definieren beliebt, gerichtet ist. Zur Rechtfertigung der Menge möge indes darauf hingewiesen werden, daß zum Beispiel ein Ludwig Bamberger sich anscheinend obige Erscheinung auch nicht erklären konnte, als er schlechterdings konstatiert hat: „Es ist etwas eigenes um die Schwierigkeiten, welche das Deutschtum in seiner Berührung mit nachbarlichen Elementen überall zu bestehen hat." („Erinnerungen", Seite 415.) Wohingegen der Wiener Sigmund Mayer („Ein jüdischer Kaufmann", Memoiren S. 292) den Nagel auf den Kopf trifft, als er während einer Debatte im Wiener Gemeinderat kurz und bündig erklärt: „Nicht die Fehler der Juden haben den Antisemitismus gerhacht, sondern umgekehrt, ihre Vorzüge und Fähigkeiten." : Antisemitismus . . . Nicht jüdische Schuld hat ihn Heraufbeschworen. Auch war das konfessionelle Motiv nirgends und niemals etwa primärer Natur. Es wurde in die Konkurrenzfurcht, in den K o nkurrenzneid ex post hineingetragen, um den Haß sowohl zu potenzieren, als zu rechtfertigen. Wir wissen ja gut, daß der große Judenhaß erst zu der Zeit in seiner ganzen Macht und Fürchterlichkeit entbrannt war, als Juden bereits aufgehört hatten, gleichsam monopolisierte Händler zu sein, als ein neuer, bodenständiger Handelsstand den Kinderschuhen entstiegen war. Im wirtschaftlichen Leben, mitten im sozialen Kampf, und nicht in den Tiefen religiösen Gemüts, entstand die vergiftete Waffe des Antisemitismus. Man war dem „Gegner" nicht gewachsen, man fürchtete seine Erfahrungen, Kenntnisse, seine Tüchtigkeit, Arbeitslust, Ausdauer, Nüchternheit — man fürchtete mit einem Wort den offenen, den ehrlichen, den ritterlichen Kampf, in welchem man der eigenen Fehler und der eigenen Trägheit entsagen und sich die Vorzüge des Gegners zu eigen machen müßte — und griff zum Antisemitismus. Ueberall dort, wo der Jude nicht mehr nötig war, wo er nach Erfüllung seiner wirtschaftlichen Aufgabe nunmehr überflüssig und, in weiterer Konsequenz, zum Konkurrenten geworden war — überall dort wurde er ohne jedwedes Erbarmen und ohne jefhvedes Verständnis seiner Lage verfolgt, gepeinfgt und, wenn es ging, glatt hinausgedrängt. Im wütenden, blutigen Hasse, der diesen Verdrängungsprozeß überall begleitet hatte, gab sich aber die Anerkennung der Ueberlegenheit auf Seiten des „Feindes" am besten kund. Dies sind übrigens nicht bloß geschichtliche Reminiszenzen. Was in Russisch-Polen und Galizien bis zum Ausbruch des Krieges in puncto Juuentrage und Antisemitismus vor sich ging, war buchstäblich dasselbe. Dort ist gegenwärtig der Jude gewiß nicht ärger geworden, als er zur Zeit Kasimir des Großen und der Judenprivilegien.gewesen war. Nur ist seine ehemals zustatten gekommene ökonomische Tüchtigkeit jetzt überflüsisg geworden .... Dieses Schicksal — Judenschicksal möchte man sagen — erleidet nun das deutsche Volk. Solange die Deutschen unter fremder Gewaltherrschaft und eigener Zerrissenheit schmachteten, solange sie nicht zum Bewußtsein der eigenen Macht gekommen waren, wurden sie nicht gehaßt.-Sie waren schwach, also unschädlich, also nicht* von Belang. Dann kamen andere Zeiten, in gigantischer Schaffenslust sind die Deutschen zum starken Volke geworden. „Neben der alten Kultur der Dichter und Denker tat sich eine neue Kultur zielbewußter Tatkraft auf." Der deutsche Handel und die deutsche Industrie unterwarfen sich die Welt. Dem Inselreich erwuchs ein drohender Rival. D a erst entstand der Deutschenhaß. Er schert sich beileibe blutwenig um den deutschen Militarismus, der die Kultur und Freiheit bedrohen soll. Selig die Gläubigen des Dreiverbandes, die in diesem ihr Blut vergießen . . . Objekt des Deutschenhasses ist nicht der „Barbar'*, srndcrn

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