Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 4 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 33 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „Neue_National-Zeitung" Seite 35 Die Notverordnung gegen die galizischen Advokaten. Ein hervorragender Wiener Advokat schreibt uns: Nach der imposanten Kundgebung der letzten Plenarversammlung der Wiener Advokatenkammer für die Eintragung der sich meldenden Kollegen aus Galizien und Bukowina hat die Notverordnung des Gesamtministeriums und die daran geknüpfte Sperre der Wiener Advokatenliste für fremden Zuzug in den Wiener Advokatenkreisen sehr peinlich berührt. Wohl mag es einzelne unter uns geben, die so kurzsichtig sind, von der Eintragung einiger Dutzende der Flüchtlings-Advokaten eine Konkurrenz oder gar eine Proletarisierung des Wiener Advokatenstandes zu befürchten, die Majorität der Wiener Advokaten sieht in der Maßregel des Justizministeriums einen inhumanen Akt, der den ihrer Habe und Existenz beraubten, von ihrer heimatlichen Scholle vertriebenen Kollegen gegenüber gewiß nicht am Platze war. Anderseits aber muß ich zugeben, daß das gleichgiltige, ja unfreundliche Yerhalten der Wiener Advokaten ihren Flüchtlings-Kollegen gegenüber darnach angetan war, beim Justizminister den Glauben zu erwecken, als ob er durch seine Prohibitiv-Maßregeln den Intentionen des Wiener Barrealis entgegenkommen würde. Es ist nichts geschehen, um diesen unglücklichen, heimatslosen Kollegen ausgiebig zu helfen: man gibt ihnen lediglich ein Bettelgeld von 20 bis 30 Kronen wöchentlich und davon soll eine Advokaten-Familie leben! Der juridisch-politische Leseverein hätte wohl die menschliche Pflicht gehabt, diesen armen Kollegen seine Pforten zu öffnen; dem Präsidenten Baron Mayer fällt dies nicht ein. Wie kollegial wäre es, wenn wir, wie es die Wiener Richter mit ihren galizischen Kollegen tun, auch für unsere galizischen Kollegen von Fall zu Fall gesellschaftliche Zusammenkünfte veranstalten oder ihnen unsere Kanzlei-Räume für ihre vorübergehenden Arbeiten zur Verfügung stellen oder beim Justizministerium erwirken würden, daß ihnen der große Advokatensaal im Justizpalast für Arbeits- und Erholungszwecke überlassen werde! Wir haben uns aber die galizischen Kollegen fern vom Leib gehalten und glauben wahrscheinlich, in den Augen der Wiener Bevölkerung dadurch unser Prestige zu wahren. Leider hat sich's gezeigt, daß selbst dieser schreckliche Krieg unsere auf sehr schwachen Füßen ruhende Kollegialität nicht gefestigt hat. Ist's dann ein Wunder, wenn uns die Oeffentlichkeit für selbstsüchtig ansieht! Hilfswerke der Israel. Allianz zu Wien für die Opfer des Krieges. Wir erhalten nachstehendes Kommunique: Sofort bei Ausbruch des Krieges fand sich die Israelitische Allianz in die Notwendigkeit versetzt, über ihren normalen Wirkungskreis hinaus für verschiedene Kategorien durch den Krieg plötzlich in schwere Bedrängnis geratener Glaubensgenossen, denen von anderer Seite keine Hüte gewährt werden konnte. Beistand zu leisten. Während des Monats August, als der gesamte europäische Verkehr mit einem Schlage ins Stocken geraten war und Tausemle ausländischer jüdischer Familien, welche in österreichischen Kurorten weilten, hilflos in der Fremde blieben, galt es, dieselben im Einvernehmen mit den Behörden, zum Teile auf dem Umwege über Rumänien, in die Heimat zu befördern, wobei die zahlreichen mittellosen Personen für die Weiterreise mit Geldmitteln unterstützt werden mußten. Ferner war eine große Anzahl jüdischer Emigranten aus Rußland und Rumänien, w elche kurz vor dem Kriege sich auf die Reise begeben hatten und entweder in Wien Schiffskarten von ihren Verwandten erwarteten oder bereits im Besitze derselben mit Unterstützung der Allianz nach den Hafenstädten befördert werden sollten, der Möglichkeit beraubt, die Reise nach den überseeischen Landern fortzusetzen und es mußte für den Unterhalt dieser Familien für mehrere Monate, zum Teil während der ganzen Dauer des Krieges Vorsorge getroffen werden. Bald trat jedoch diese Fürsorge, sowie die für internierte jüdische Ausländer und Kriegsgefangene, vor der unvergleichlich größeren Aufgabe zurück, den galizischen Flüchtlingen Hilfe zu bieten. Anfangs September wurde die Israelitische Allianz vom k. k. Kriegstürsorgcamt verständigt, daß in den nächsten Tagen einige tausend Flüchtlinge einlangen werden, welche nach Mähren dirigiert würden und die Allianz wurde dringend ersucht, bei der Aktion, die von Staatswegen zugunsten der Flüchtlinge eingeleitet wurde, soweit es sich um Juden handelt, mitzuwirken. Es konnte damals nicht. vorausgesehen werden, welchen Umfang diese Aktion annehmen würde. Am 5. September erhielt die Israelitische Allianz von Sr. Exzellenz dem Statthalter Freiherrn v. Bleyleben in Brünn ein Telegramm: „Werde in den allernächsten Tagen über 5000 arme jüdische Flüchtlinge aus Rußland und Galizien in der Israeliten-Gemeinde Nikolsburg provisorisch und sehr notdürftig unterbringen müssen, zu welchem Zwecke ich zunächst die Erbauung heizbarer Baracken angeordnet habe. Da die staatlichen Mittel zu deren menschenwürdigen Bequartierung und Beköstigung keineswegs ausreichen, wende ich mich in dankbarer Erinnerung an die tatkräftige Unterstützung meiner seinerzeitigen Hilfsaktion zum Schutze der rumänischen Juden in der Bukowina, an die geehrte Allianz mit der Bitte' um rasche und ausgiebige Hilfe für die armen Flüchtlinge. Hoffe zuversichtlich, daß die geehrte Allianz ihre so oft schon . bewährte Humanität in den Dienst dieser aus humanitären Gründen eingeleiteten patriotischen Aktion stellen wird." Nicht lange darauf traf auch ein telegraphischer Hilferuf des Bürgermeisters der Israeliten-Gemeinde Nikolsburg ein, wo die ersten Scharen der Flüchtlinge einstweilen in einer Notbaracke untergebracht wurden. In einer Besprechung, welche mit Sr. Exzellenz dem Statthalter in Brünn stattgefunden, übernahm es die Allianz, für die in Nikolsburg unterzubringenden Familien Decken, Strohsäcke. Polster, Eßgeschirr usw. beizustellen. Diese Anschaffungen, welche den dringendsten Bedürfnissen der unglücklichen damals zum Teile obdachlosen Flüchtlinge zu entsprechen berufen waren und späterhin zur Einrichtung der Baracken verwendet wurden, waren mit einem sehr großen Kostenautwandc verbunden. Als sodann in Pohrlitz und in Ga.va für noch viele Tausende jüdischer Flüchtlinge Baracken gebaut werden mußten und die Gesamtzahl der Flüchtlinge in Wien selbst und den anderen westösterreichischen Städten nach Hunderttausende!! berechnet wurde, konnte sich der Verein nicht verhehlen, daß mit den sehr beschränkten zu Gebote stehenden Mitteln hier nicht geholfen werden könne. Es gelang die von den hochherzigen Intentionen geleitete Regierung zu bewegen, ihr huma_