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Neue Nationalzeitung · 1915-02-19 · Heft 4 (19.2.1915) · p. Seite 32

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 4 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
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Seite 52 „Neue^National-Zeitung"___________________ JNr. 4 können, sei bemerkt, daß Lessing, als er dies erklärte, bettelarm, in Sorge um das Brot war . . ." Die Vorrede, die Lessing zum „Nathan" geschrieben, schloß mit den Worten: „ . . . Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo das Stück schon jetzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt w i r d." Spricht man mit solchen Worten von der Aufführung eines Werkes, das „nach eigenem Geständnis" nicht mehr als ein „närrischer Einfall" gewesen sein soll? Da drängt sich mir die Frage auf, der seltsamerweise in allen Polemiken, die der Artikel der „Reicfrspost" hervorrief, aus dem Wege gegangen worden ist: Hat Lessing denn wirklich, vielleicht in irgend einem Momente der Entmutigung und Verbitterung, eine solche mißachtungsvolle Verkennung seines Werkes verraten? Oder unterschiebt ihm vielleicht nur die „Reichspost" eine solche? Nun denn, klipp und klar herausgesagt: Es ist eine Lüge, daß der „närrische Einfall, zu welchem „Nathan der Weise" degradiert wird, auf ein „Geständnis" Lessings zurückgeführt werden kann. Nie hat das Lessing gesagt, nie hat er auch nur ein Wort geschrieben, das von einem ehrlichen Menschen so gedeutet werden könnte. Ich bin auch in der angenehmen Lage, selbst den begeisterten Verehrer der „Reichspost" davon zu überzeugen, daß die „Reichspost" nur durch eine bewußte Entstellung zu ihrer Behauptung gelangen konnte. Hier der Beweis: Als Lessing, durch die Machinationen seiner Gegner in seiner schriftstellerischen Tätigkeit gehemmt wurde und mit dem drückendsten Gefühl der Sorge der Zukunft entgegensah, schrieb er seinem Bruder einen Brief, in welchem es u. a. hieß: „Noch weiß ich nicht, was für einen Ausgang mein Handel nehmen wird. Aber ich möchte gern auf jeden gefaßt sein. Du weißt wohl, daß man das nicht besser ist, als wenn man Geld hat, so viel man braucht, und da habe ich diese vergangene Nacht einen n ä r r i s c h e n E i n f a 11 gehabt. Ich habe vor vielen Jahren einmal ein Schauspiel entworfen, dessen Inhalt eine Art von Analogie mit meinen jetzigen Streitigkeiten hat, die ich mir damals wohl nicht träumen ließ. Wenn Du und Moses es für gut finden, so will ich das Ding auf Subskriotion drucken lassen." Aus dem „närrischen Einfall", als den Lessing seine Hoffnung charakterisierte, aus seinem vor vielen Jahren entworfenen Schausniel das Geld, das er braucht, herausschlagen zu können, macht die „Reichspost" ein ..eigenes Geständnis" Lessing s, daß sein ..Nathan der Weise" nichts als ein „närrischer Einfall" sei! Wie soll man eine solche Fälschung gebührend charakterisieren? Der „närrische Einfall" der „Reichspost" war ein verlogener Einfall, um das herrliche Werk des großen Mannes zu schmähen, zu verunglimpfen. Nicht mit den eigenen stumpfen Waffen soll „Nathan" bekämpft werden, in frevlerischem Uebermut macht die „Reichspost" den frivolen Versuch, mit Lessings eigener Hand einen Schlag gegen den „Nathan" zu führen. Lessing wußte, daß er in dieser Dichtung seiner Nation, nein, der ganzen Menschheit, ein Werk hinterlassen, das — wie einer seiner Biographen sagt — „das unerreichte Vorbild einer Tendenzdichtung ist, die zugleich volles inneres Leben und einen über alle Zeitschranken hinausreichenden ewigen Wert hat, eine Dichtung, die den Inhalt der beschränkten Gegenwart über vergangene und kommende Jahrhunderte und Jahrtausende ausdehnt... In der Tat dies Werk und diese Gesinnung sind ein Testament geworden, welches Lessing der Menschheit hinterlassen, und bei diesem Erbe wollen wir geschützt sein und uns, so Gott will, selber schützen gegen jede Verfinsterungs- und Glaubenstyrannei..." Lessing hielt seinen „Nathan der Weise" nicht für einen „närrischen Einfall".

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