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Neue Nationalzeitung · 1915-02-19 · Heft 4 (19.2.1915) · p. Seite 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 4 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 .Neue National-Zeitiing£_ Seite 5! „Nathan der Weise" — ein „närrischer Einfäll". (Die Enthüllung einer literarischen Fälschung.) Von G. Engelsmann. Die „Reichspost" ist empört darüber, daß das Burgtheater in der Kriegszeit Lessings „Nathan der Weise" spielt. Ich bezweifle aber, daß die „Reichspost" in Friedenszeiten diesem Hohenlied der Toleranz gegenüber mehr Toleranz aufzubringen vermag .... Für die „Reichspost" bleibt nämlich zu allen Zeiten, ob schön ob Kugelregen, der Gedanke unerträglich, daß die Hauptidee im Nathan, nach dem Zeugnis des Literarhistorikers Scherr, die ist: „Das Rein-Menschliche muß über alle Satzungen und Fesseln des religiösen Vorurteils triumphieren." Entsetzlich! Die „Reichspost" hätte, um noch mehr Abscheu vor „Nathan" zu erregen, auf das Zeugnis Größerer hinweisen können. So z. B. betont Stahr, mit Hinweis auf Goethes Worte, daß „diese Toleranz, dieses in der ganzen Dichtung atmende göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl ist es, was Goethe, Herder und Schiller, was alle Geistesheroen des deutschen Volkes „als ein h e iligesund wertes Vermächtnis zu bewahre n, unserer Nation ans Herz gelegt haben". (Goethe, Werke XLV 22.) Braucht es noch mehr Belege, um die Antipathie der „Reichspost" gegen Lessing und seinen „Nathan der Weise" als begreiflich, als naturgemäß und selbstverständlich erscheinen zu lassen? Kann man es leugnen, daß es die „Reichspost" wie eine Art persönlicher Beleidigung empfinden muß, wenn Lessing coram publico als Moral der Fabel von den drei Ringen „von seiner Kanzel, dem Theater aus" ungestört verkündigen darf: ., . . . Es strebe jeder von euch um die Wette Die Kraft des Steines in seinem Ring an den Tag Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in Gott Zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bei eueren Kindeskindern äußern: So lad ich über tausend tausend Jahre Sie wiederum vor diesen Stuhl . . ." usw usw. Seien wir ehrlich. Diese von innigster, tiefster Religiosität durchglühten Worte Lessings müssen der „Reichspost" als eine Aufforderung, nicht zum Abfall vom Christentum, wohl aber zum — Abfall der Abonnenten gelten. Soll die „Reichspost" es nicht schmerzlich bedauern, daß die Zensur auch in Kriegszeiten nicht den Text einer Dichtung zu einem einzigen weißen Fleck macht, in welchem ein Klosterbruder ausruft: „Und ist denn nicht das ganze Christentum Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft Geärgert, hat mir Tränen g'nug gekostet, Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten. Daß unser Herr ja selbst ein Jude war." usw. usw. Es ist ja wahr, wir haben diesen Gedanken zwar nicht in Versen, so doch in eindringlichen, überzeugenden Worten auch von erleuchteten Päpsten und Kirchenfürsten oft und oft laut verkünden gehört, aber das ändert nichts daran, daß sie der „Reichspost", aus dem Munde Lessings kommend, nur Mißbehagen und Widerwillen erregen. * o. * Ja, ich sehe es ein, daß „Nathan der Weise" von der „Reichspost", wenn sie sich nicht eine selbstmörderische Meinung über sich selbst bilden soll, nur sehr geringgeschätzt werden kann. Etwas gewagt erschien mir jedoch trotzdem die Behauptung der „Reichspost", daß auch Lessing so ziemlich respektlos, ja geradezu verächtlich von diesem Werke gedacht und dieser Ansicht auch Ausdruck gegeben habe. Die „Reichspost" schreibt nämlich buchstäblich: „Lessings „Nathan der Weise" ist bekanntlich eine ins Dramatische übersetzte theologische Streitschrift, eine Fortsetzung, beziehungsweise Illustration der „Anti-Goeze"-Aufsätze; nach des Dichters eigenem Geständnis ein „närrischer Einfall". „Nathan der Weise" — ein „närrischer Einfall"! Und noch dazu nach des Dichters „eigenem Geständnis"! Wenn man sagen würde, die „Reichspost" sei, nach — meinem eigenen Geständnis, ein von Weisheit, Ehrlichkeit und christlicher Nächstenliebe beseeltes Blatt, ich hätte nicht überraschter sein können. Gewiß, die „Reichspost" behandelt Lessing wie einen Angeklagten, nein, wie einen Verurteilten. Aber wo um Himmelswillen findet sich das „eigene Geständnis" des großen Mannes, das ein so vernichtendes Urteil über „Nathan der Weise" enthält? Ich glaubte bisher, daß Lessing wesentlich besser von seinem W'erke dachte und soweit meine Kenntnisse über den Dichter und sein Werk reichen, darf ich wohl annehmen, daß diese Meinung allgemein gehegt wird. Die Entstehungsgeschichte des „Nathan" ist in kein Dunkel gehüllt und es liegen Aeußerungen Lessings vor, die jedem klar zeigen, wie er über das Werk dachte. Ich will an dieser Stelle, mit Rücksicht auf den mir gegebenen Raum, nur Einiges anführen. Die Freunde Lessings, die wußten, daß er an einer Art „geistlichen Komödie" arbeite, glaubten eine „derbkomische Satire mit allerhand polemischen Angriffen und direkten Beziehungen auf die Gegenwart" erwarten zu dürfen. Lessing tritt diesem Irrtum in einem Briefe an seinen Bruder mit den Worten entgegen: „Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als ich nur immer gemacht . . . " An Herder schrieb Lessing, mitten in der Arbeit, zwar pessimistisch „über den Eindruck der nächsten Aufnahme" seines Werkes denkend, doch voll stolzen Selbstgefühls: „Indes kann ich sicher meinen Lesern zurufen: „Introite et hic Dii sunt." („Tretet ein, auch hier sind Götter.") Und seinem Verleger gegenüber, der von allerlei Bedenklichkeiten geplagt wurde, erklärte Lessing, daß das Werk erscheinen solle und wenn auch nicht zwanzig Personen darauf subskribiert hätten, ja wenn er es für sein eigenes Geld drucken lassen müßte. Um aber das Gewicht dieses letzten Momentes würdigen zu

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