Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 3 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 25 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. 3 .Neue National-Zeitung" Seite 25 Band eines Konversations-Lexikons aufzuschlagen, ein beliebiges Schlagwort zu wählen und demselben die Worte „und die Juden" hinzufügen, um ein entsprechendes Thema nicht bloß für einen Aufsatz, sondern zuweilen auch für ein ganzes Buch zu finden. Wenn nun fast zwischen jedem wichtigen Worte, Begriffe oder Erscheinung des Lebens und der Judenfrage ein causelnexus sich konstruieren läßt, um so eher ist der Zusammenhang derselben mit dem gegenwärtigen Weltkriege unwillkürlich gegeben. Der Weltkrieg und die Judenfrage greifen tief ineinander. Das Resultat des ersteren wird auch entscheidend für das Schicksal der letzteren sein. Und um es gleich zu sagen: die Juden der ganzen Welt sind daran interessiert, daß das gegenwärtige blutige Ringen mit dem Siege Oesterreich-Ungarns endige. Ohne daß zwischen den Juden und den europäischen Zentralmächten jemals irgendwelcher Allianzvertrag abgeschlossen worden wäre, ist doch für die Juden der „casus foederis" gegeben und die Judenschaft aller Länder wünscht den Sieg ihrer natürlichen Verbündeten herbei. Von den zwölf Millionen Juden, die gegenwärtig gezählt werden, nehmen ca. zehn Millionen im gegenwärtigen Weltkriege direkten Anteil. Ohne Uebertreibung läßt sich sagen, daß ca. dreiviertel Millionen jüdischer Soldaten in den Armeen der kriegführenden Staaten kämpfen. Jedoch nicht dieser Umstand allein kommt hier in Betracht. Nicht darum handelt es sich, wieviel jüdische Leichen die Schlachtfelder bedecken, wieviel jüdische Witwen zurückbleiben, wieviel jüdisches Familienglück zerstört und vernichtet, wieviel gesunde, kräftige Juden verkrüppelt werden. Es handelt sich um eine viel bedeutendere Sache, um ein viel tieferes und weitgenderes Problem, es handelt sich um die Zukunft der Juden. Für die Juden Oesterreich-Ungarns und Deutschlands kommt hiebei noch ein ganz spezieller Umstand in Betracht. Die beiden europäischen Zentralmächte zählen nach Rußland die meisten jüdischen Bürger unter allen europäischen Staaten. In diesen beiden Kaiserreichen ist auch die Emanzipation der Juden in der weitgehendsten Bedeutung dieses Wortes zur Durchführung gelangt. Der Kampf gegen das finstere, barbarische Rußland muß für jeden Juden geradezu als „heiliger Krieg" angesehen werden. Im Vergleich mit dem Los ihrer Brüder im Zarenreiche können die Juden Oesterreich-Ungarns und Deutschlands erst recht deutlich die eigene Position wertschätzen. Der Sieg Oesterreich-Ungarns und Deutschlands über Rußland bedeutet für die Juden ganz speziell den Sieg des Lichtes über die Finsternis, der Humanität über mittelalterliche Barbarei, den höchsten Triuph von Freiheit und Gerechtigkeit. Der Staatsanwalt und die Flüchtlinge. In der vorigen Nummer unseres Blattes wurden zwei große Artikel und zwar ein Artikel von Doktor S. R. Landau über die Flüchtlings-Baracken in Nikolsburgund Pohrlitz, dann ein zweiter Artikel von G; E—n über die Behandlung der Flüchtlinge durch den Wiener Bürgermeister, sowie eine größere Notiz betreffs die Wohnungsfürsorge in Wien vom Staatsanwälte beanständet. Derselbe erklärte unserem Herausgeber, daß die Artikel teils weil sie b eunruhigend, teils weil sie polemischer Natur sind, nicht veröffentlicht werden dürfen. Wiewohl wir auf dem Standpunkte stehen, daß die Artikel nur wahre Schilderungen und eine gerechte Abwehr enthalten, müssen wir uns dennoch, da der Staatsanwalt jetzt allmächtig ist, fügen. Wir sind nicht in der Lage, so rosig zu sehen, wie gewisse Delegierte von Tagesblättern und ziehen es daher vor, bis auf weiteres über die Baracken nichts zu schreiben. Wir haben jedoch dafür gesorgt, daß obige Aufsätze zur Kenntnis des Ministers des Innern, des Justizministers und des Statthalters von Mähren gelangen. Wer werden auch weiter dafür sorgen, daß den maßgebenden Stellen die ungefärbten Berichte zukommen. L. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. 4000 jüdische Flüchtlinge in Ungarisch-Hradisch. Die Kultusgemeinde in Unga r.-fi r a d i s c h versendet folgenden Aufruf: Viertausend unglückliche FI ü" c h t Ii n g e, meist aus den Städten und Dörfern der Bukowina, die Hab und Gut verließen, um ihr Leben vor Vernichtung und Gewalttat zu retten, harren seit etwa 3 Wochen hier, im Bereiche der Israel. Kultusgemeinde Ung.-Hradisch, des Weitertransportes an die ihnen zuzuweisenden neuen Wohnorte. D i e Not und das Elend spotten aller Beschreibung. So wende ich mich denn in dieser Stunde der Not, der die Kräfte der hiesigen Gemeindemitglieder trotz aller Opferwilligkeit nicht mehr genügen an alle edlen iVlenschen. die ein Herz für fremdes Leid sich bewahrten, mit meiner Bitte. Möge ein jeder helfen die Not unserer Brüder zu lindern, die ja auch seine Brüder sind, möge jeder tun, was in seinen Kräften steht und über seine Kräfte. * Wohltätigkeitsaktion des Kantoren-Vereines. Der Oester r. - ungar. Kantoren-Verein in Wien wird im Monate März I. ./. ein großes Konzert zugunsten der infolge des Krieges ihrer Existenz beraubten Kollegen veranstalten. Die Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte ist bereits gesichert. Spenden für die in Not sich befindenden Kantoren übernehmen der Präsident, Oberkantor Jakob Bauer, II. Novaragasse 27. * Brockensammlung. Die Wiener Brockensammlung für jüdische Arme hat ihr großes neues Verteilungslokal, IX. Elisabethpromenade 39 n. Brigittabrücke, eröffnet, das ihr von den Veifa-Werken unentgeltlich überlassen wurde. Über tausend Gesuche armer geflüchteter Familien, enthaltend dringende Bitten um warme Kleider, Wäsche, Möbel, Betten usw. liegen der Vereinsleitung vor und können mangels verfügbarer Gegenstände noch nicht erledigt werden. Es wird daher dringend gebeten, dem Vereine — was nur irgendwie entbehrlich — zugehen zu lassen. Die Abholung wird eventuell durch Obmann H. S. Bauer, VII. Lerchenfelderstraße 71, Tel. 35.310, oder durch H. Sig. B a r b e r, IX. Universitätsstraße 4. Telephon 23.193, veranlaßt. * Aufruf! Zu den allerunglücklichsten unter den Flüchtlingen aus Galizien und der Bukowina zählen die Kantoren. Ihnen droht nebst dem Verluste ihrer Habe, neben der Zerstörung ihres Wohnsitzes, der Verlust ihres teuersten Gutes, des einzigen Besitzes, auf dem sie ihren Familienstand gründeten, der Verlust ihrer Stimme. Das Elend des Exils, die Unbilden des Wetters stürmen immer aufs Neue auf sie ein und jede Erkrankung, jede Gefährdung ihrer Gesundheit raubt ihnen, Stück für Stück, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ihnen nach Mög-