Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 3 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 24 .Neue National-Zeitung^_ Nr. 5 berechneten Geschichte der Alliance ist erst der erste Band unter dem Titel „Cinquante ans d'histoire d'Alliance Israelite Universelle" erschienen. * Cinquante ans d'histoire (1860—1910). Von diesem Werke, in dem die fünfzigjährige Geschichte der Pariser Alliance von der maßgebendsten Persönlichkeit, denn von ihrem langjährigen Präsidenten selbst, geschildert wurde, ist bisher im Jahre 1911 der erste, umfangreiche, 552 Seiten zählende Band*erschienen. Er ist jedenfalls der fundamentale; er behandelt die wesentlichsten Perioden in der Geschichte dess jüdischen Volkes während diesejs halben Jahrhunderts, u. a. die Haltung der europäischen Mächte und des Berliner Kongresses gegenüber der Emanzipation der rumänischen Juden und die Entwicklung des modernen Antisemitismus in allen europäischen Staaten samt dem dazugehörigen Dreyfus-, Hilsner-, Tisza—Eszlar-Prozessen und dergl. Am interessantesten ist wohl der Einblick, den wir in die Kulissentätigkeit der Alliance in den für das Judentum gefahrvollsten Momenten gewinnen. Die Lektüre dieses Werkes sei jedem Juden, der die jüngste jüdische Geschichte studieren will, wärmstens empfohlen. Der zweite Band, für dessen Erscheinen die Leiter der Alliance sorgen dürften, wird als Ergänzung zur politischen Geschichte die wirtschaftliche und kulturelle Geschichte des Judentums, soferne sie von der Alliance beeinflußt wurde, behandeln: die Emigration, die Kolonisation und die Schulgründungen. Durch dieses Werk hat sich der Verewigte auch in der jüdischen Geschäftsliteratur ein Denkmal resetzt. L. Leo Franks Rehabilitierung. Den energischen Verteidigern Leo Franks ist es im letzten Augenblick noch gelungen, den ihrem Klienten drohenden Justizmord zu verhindern. Wie wir bereits in der vorigen Nummer ausführlich dargestellt haben, hat das Gericht in Atlanta, nachdem bereits der ganze Instanzenzug bis zum Obersten Gerichtshof des Staates Georgia und dann bis zum Bundes-Gerichtshof der Vereinigten Staaten in Washington erschöpft war, die Hinrichtung Franks auf den 22. Jänner angesetzt. Demgegenüber waren nun die Verteidiger Franks, denen sich auch der bekannte Philantrop, Advokat Louis M a r s h a 1, Präsident des jüdisch-amerikanischen Komitees in New- York, beigesellt hat, noch immer bemüht, beim Bundes-Gerichtshof in Washington die Anberaumung einer neuerlichen Verhandlung zwecks Ueberprüfung der Revision Franks durchzusetzen. Nach den amerikanischen Bundesstaatsgesetzen ist hiezu das Gutachten eines Richters an diesem Obersten Gerichtshof notwendig. Zu diesem Zwecke begab sich auch Louis Marshai nach Washington, wo er sich mit dem Obersten Richter Lamar in Verbindung setzte. Und es gelang ihm auch bei diesem ein Gutachten dahin durchzusetzen, daß sich der Bundes-Gerichtshof neuerlich mit der Ueberprüfung des gegen Frank gefällten Urteiles, resp. der gerügten Nichtigkeitsgsründe desselben beschäftigen möge. Von der diesbezüglichen Entscheidung wird es nun abhängen, ob das Todesurteil in Kraft bleibt oder ob der Rechtsfall zur neuerlichen Entscheidung vor die Jury von Atlanta kommen soll. Daß der Fall überhaupt neuerlich vor den Bundesgerichtshof gelangen könnte, hat hauptsächlich in dem von Franks Verteidigern geltend gemachten Nichtigkeitsgründen seinen Grund, daß die Geschworenen ihr Verdikt nicht nach bestem Wissen und Gewissen, sondern unter der Pression des aufgereizten Mobs abgegeben haben. Weiters wurde von den Verteidigern Franks geltend gemacht, daß ihr Klient zur Zeit der Verkündigung des Verdikts und des Urteils im Gerichtssaale nicht anwesend war, sondern vielmehr ohne sein Wissen aus dem Gerichtsgebäude entfernt worden war. Nach beiden Richtungen hin seien — behauptet die Verteidigungsschrift — staatsbürgerliche Rechte des Frank und damit die Konstitution der Vereinigten Staaten verletztworden. Es liege also — behauptet die Verteidigung — der Fall einer Verletzung der habeas-corpus-Acte vor und der Bundes-Gerichtshof müsse deshalb einschreiten. Der Oberste Richter Lamar hat nun, nachdem vorher der Bundesgerichtshof es bereits abgelehnt hat, sich mit dieser Nichtigkeitsfrage zu beschäftigen, denn doch eine neuerliche Erörterung dieser Frage vor dem Bundes-Gerichtshof empfohlen. Damit ist vorläufig das Todesurteil suspendiert. Die neuerliche Entscheidung dürfte'noch viele Monate auf sich warten lassen. So muß ein unbescholtener Mensch, weil er Jude ist, selbst in den Vereinigten Staaten kämpfen, täglich von der Todespein bedroht, was gewiß den mittelalterlichen Torturen nicht nachsteht. L. Der Weltkrieg und die Judenfrage.*) Von Jonas Kreppel. Volle fünf Monate tobt bereits der so lange vorausgesagte und befürchtete, immer noch hinausgeschobene, aber doch zum Ausbruch gelangte europäische Krieg. Oesterreich- Ungarn und Deutschland haben denselben trotz aller Friedensliebe, trotz aller bis zu den äußersten Grenzen gehenden Geduld, aufnehmen müssen, um sich gegen die russisch-serbischen Quertreiberein, französischen Chauvinismus, belgische Heuchelei und englisch-japanische Habsucht zu verteidigen. Volle fünf Monate tobt bereits dieser gewaltige Kampf, in welchem die Heere der verbündeten Zentralmächte Wunder der Tapferkeit und des Heldenmutes leisten. Noch immer ist das endgültige Resultat dieses gewaltigen Ringens, in welchem die meisten Völker Europas, Asiens und Afrikas beteiligt sind und in welchem ca. 20 Millionen Soldaten ihre Waffen kreuzen, ebenso wie die Folgen dieses Weltkrieges, unabsehbar und unübersehbar. Eines jedoch ist sicher; wie immer das Resultat dieses Krieges ausfallen sollte, wird dasselbe ganz gewaltige Umwälzungen im politischen, ökonomischen und geistigen Leben der Völker zur Folge haben und die wichtigsten Probleme der modernen Welt werden Lösungen, Umwälzungen, Neugestaltungen und Neugruppierungen erfahren. In der großen Reihe dieser Probleme darf die sog. Judenfrage wohl nicht in allerletzter Linie gestellt werden. Die Judenfrage ist ja bekanntlich ein Problem, welches von jeder Umwälzung, von jeder politischen, geistigen und sozialen Strömung berührt und beeinflußt wird und sehr treffend erklärte ein bekannter Schriftsteller, es genüge, einen beliebigen *) Aus der soeben erschienenen, sehr lesenswerten Broschüre von Jonas K reppel „Der Weltkrieg und die Judenfrage". Verlag: Redaktion „Der Tag". Wien, 1915, S. 24.