Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 3 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425942-2425946--3105-2429667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ntvji_ „Neue National-Zeitnng"___________ Seite 25 Narcisse Leven. Mitten in dem tobenden und tosenden, Meer und Festland erschütternden und betäubenden Donner des Weltkrieges verlor sich still und geräuschlos ein Mann aus dem Leben, welcher eine der besten Säulen des bald der Vergangenheit angehörenden alten, nach der höchsten Palme ringenden Judentums gewesen. Narcisse Leven, der Präsident der Alliance Israelite Universelle und der ICA. starb im 82. Lebensjahre so still wie er gelebt und gestrebt. Er zählte zu den ersten Gründern der Pariser Alliance und war die rechte Hand C r e m i e u x\ Er war die verkörperte Geschichte des zur Freiheit und zum Lichte emporstrebenden Judentums des letzten halben Jahrhunderts. Es ist jetzt nicht der Augenblick, den Mann und sein langjähriges segensreiches Wirken zu schildern; er hat sich übrigens selbst ein Denkmal in den letzten Jahren seines Lebens gesetzt, indem er ein zweibändiges Werk „Cinquante ans d'Histoire" zu schreiben unternommen, worin er das Wirken der Alliaace in den 50 Jahren (von 1860—1910) schildert, jene Wirksamkeit, mit der sein Name vom Anfang bis zu seinem Lebensende innig verknüpft ist. Hier mögen nur einige Worte persönlicher Erinnerung Platz finden. Vor mehr als einem Menschenalter kam ich mit ihm in persönlichen Verkehr. Die personifizierte Bescheidenheit und Sanftmut kam einem in seinem Wesen entgegen, dem man die politische Rolle, die er zur Zeit Gambettas gespielt, nicht im mindesten anmerkte. Und dieser Mann, der den jüdischen Interessen so voll und ganz, so selbstlos sich hingab, war damals Vizebürgermeister von Paris! — Ich fand das freundlichste Entgegenkommen, obgleich es da noch manche Gegensätze und Antipathien zu überwinden gab. Das war nämlich so: in Wien wurde einige Jahre früher eine eigene Allianz ins Leben gerufen, mit — mutatis mutandis — ähnlichen Statuten. Das erregte großen Unwillen bei den Herren der Pariser Alliance, die es den Wienern nicht vergessen konnten: in der Alliance Universelle ein Schisma hervorgerufen zu haben, da es doch nur eine Alliance im Judentum geben dürfe, die Allgemeine! Ich hatte schon kurz vorher schwer mit dieser Mißstimmung gegen die Wiener Allianz zu kämpfen gehabt, als beide Allianzen gezwungen waren, gemeinsam der russischen Emigration im Jahre 1881/82 in Galizien Herr zu werden und ich brachte es endlich dahin, daß der Delegierte der Pariser Alliance auf seiner Rückkehr nach Paris in Wien Halt machte und hier mit den Herren der Wiener Allianz in persönlichen Kontakt trat. Ein Bodensatz von Mißstimmung blieb immerhin zurück; ich wurde aber ungeachtet dessen von Herrn Leven mit dem größten Entgegenkommen aufgenommen und unterstützt. Es handelte sich nicht mehr um die russische Emigration, die bereits bewältigt war, sondern um eine materielle und ideelle Hilfsaktion für die Juden Galiziens, deren fürchterliche Lage erst gelegentlich der Bekämpfung der russischen Emigration entdeckt wurde. Leven, der damals noch Schriftführer war, aber mit dem unvergeßlichen, gelehrten Sekretär Isidore Loeb die eigentliche Seele der Pariser Alliance war, war bald versöhnt, nachdem ich ihm die eigenartigen Verhältnisse und Bedürfnisse des österreichischen Judentums dargelegt hatte. Sie im Vereine mit dem Almosenier des Barons Hirsch, Veneziani, dem Vorstandsmitgliede der Alliance, ferner mit dem Präsidenten der Alliance Goldschmidt, dem Onkel des Baron Hirsch, öffneten mir die Pforten des Letzteren, dessen offener Hand das österreichische Judentum in der Folge soviel verdankte. Leven hat auch als Präsident der Alliance und der Ica — und das muß jetzt, wo er die Augen geschlossen, besonders hervorgehoben werden — das größte Interesse für das unglückliche galizische Judentum an den Tag gelegt. Unter seiner Präsidentschaft wurden die Kreditgenossenschafte n in Galizien, die einen so schönen Aufschwung bis zum Ausbruche des unseligen Krieges genommen, ins Leben gerufen. Unter seiner Präsidentschfat wurde zur Heranziehung und Heranbildung der jüdisch-galizischen Jugend zum Ackerbau ein großer, außerordentliche Kosten beanspruchender Grundbesitz angekauft, wo ein vortrefflicher theoretischer und praktischer agronomischer Unterricht von tüchtigen Lehrern erteilt wurde, der bereits von segensreichen Folgen begleitet war. Sache der Nachfolger Levens wird es sein, alle diese so fruchtbringenden Institutionen, wenn des Krieges Stürme, die sie gestört oder gar zerstört haben, vorüber sind, nicht bloß in deren ganzem Umfange wieder herzustellen, sondern ihnen auch die möglichste Entfaltung zu geben, wenn nicht das durch diesen Krieg so unsagbar schwer geprüfte galizische Judentum, welches vor demselben schon ein wenig aufzuatmen und aufzuleben begann, wieder in ein hoffnungsloses Chaos zurücksinken soll. Wir österreichischen Juden aber haben alle Ursache, dem dahingeschiedenen Präsidenten der Pariser Alliance und der Ica eine dankbare Erinnerung zu bewahren. „Mögen seinesgleichen in Israel viele erstehen!" Die Biographie. Narcisse Leven wurde am 15. Oktober 1833 in Uerdingen am Rhein Reboren. Seine Ausbildung erfolgte am Lyzeum Henri IV und an der Rechtsfakultät in Paris. Leven entwickelte eine große politische Tätigkeit. Fünf Jahre war er Sekretär Adolf Cr.emieux'. Er gehörte mit Jules Ferry u. a. der Gruppe an, die Napoleon III. und mit ihm das bonapartische Kaisertum bekämpften. Während des Krieges 1870/71 war er Generalsekretär im Justizministerium. Nach der Demission von Cremieux verzichtete Leven auf seine Regierungsstellen. Dem Rate der Stadt Paris gehörte er von 1880—1887 an, zuletzt als Vizebürgermeister. Er war Mitglied des Komitees des Rabbinerseminars und der Ecole de travail. Dein jüdischen Konsistorium von Paris gehörte er 36 Jahre an, nach dem Tode Michel Erlangers wurde er zu seinem Vizepräsidenten gewählt. Bis zu seinem am 7. Jänner erfolgten Tod war er Präsident der Jewish Colonisation Association. Leven gehörte zu den Gründern der Alliance. Er war von ihrer Gründung an bis 1893 ihr Sekretär, von 1893—1898 ihr Vizepräsident, vom 4. Mai 1898, mit kurzer Unterbrechung bis an sein Lebeosende, ihr Präsident. Von seiner auf zwei Bände