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Neue Nationalzeitung · 1915-01-22 · Heft 2 (22.1.1915) · p. Seite 19

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 2 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
Seite 19 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2 Seite 19 schau wieder zurückgekehrt war, ist nach dem Falle von Lodz und dem Wiederauftauchen eines Zeppelins über Warschau wieder geflüchtet, und zwar hauptsächlich nach Moskau. Die russischen Behörden legen der jüdischen Bevölkerung, die die vom Feinde bedrohten Städte verlassen, wieder die größten Schwierigkeiten in den Weg, indem sie darauf hinweisen, daß den Juden auch im Krieg keine Freizügigkeit gestattet ist. Der Kopenhagener „Sozialdemokrat" veröffentlicht folgenden Brief aus den Reihen des Bundes jüdischer Arbeiter in Litauen, Polen und Rußland datiert Genf, 12. November 1914: Wir bitten Sie, in Ihrem Blatte folgender Mitteilung Raum zu gewähren, die uns aus absolut sicherer Quelle zugegangen ist: Unter dem Vorwand, daß die Juden mit den Deutschen sympathisieren, behandeln die obersten Autoritäten des russischen Heeres in Polen die dortigen Juden mit der größten Grausamkeit. Eine große Anzahl Juden sind e rschossen, gehängt, ins Zuchthaus geschickt oder körperlich mißhandelt worden. In Lodz und anderen Städten haben militärische und zivile Pogrome stattgefunden. Die ganze israelitische Bevölkerung in Grodzisk, Skierniewice, Lowicz, Sochaczow, Goro-Kalvaric ist binnen einer Frist von drei- bis vierundzwanzig Stunden ausgewiesen und ihre Häuser sind geplündert worden. Die Tausende von Männern, Frauen, Kindern und Greisen, unter ihnen auch Kranke, die so von Haus und Heim gejagt worden sind, haben sich Tage und Wochen im Herbstregen weiterschleppen müssen. Unterwegs haben mehrere Frauen geboren und mehrere Kinder sind gestorben. Hunderttausend Juden haben in Warschau Zuflucht gesucht. Die Juden in Palästina als türkische Staatsbürger. Wie die Tagesblätter berichten, sind zirka 5000 Juden in Palästina, die bisher russische Staatsbürger waren, türkische Untertanen geworden. Damit 'geht ©in längst gehegter Wunsch der türkischen Regierung in Erfüllung. Seit Beginn der Kolonisationsbewegung in Palästina werden die Schwierigkeiten, die derselben seitens der türkischen Behörden bereitet werden, u. a. auch damit begründet, daß infolge der russischen Staatsbürgerschaft der Kolonisten die russischen Konsuln jeden nichtssagenden Anlaß benützen, um als Beschützer der Kolonisten aufzutreten und Verwicklungen zu provozieren. Um sich dieser ungebetenen Beschützer zu entledigen), verlangte die türkische Regierung, daß die Kolonisten ihre Staatsbürgerschaft annehmen; diie Kolonisten konnten sich aber mit Rücksicht auf die prekären administrativen Verhältnisse in Palästina dazu nicht entschließen. Nun haben sie es doch getan und sie dürften gut getan haben. AUS ALLEN WELTTEILEN Jüdische Reklame für Täuflinge! Wir haben bereits wiederholt festgestellt, daß das Organ der Wiener Kultusgemeinde bei jeder Gelegenheit getauften Juden Reklame macht. Insbesondere während des Krieges lesen wir fast in jeder Nummer dieses Blattes die Namen nicht nur christlicher Offiziere, sondern auch getaufter Juden, sei es anläßlich ihrer Beförderung, sei es anläßlich ihrer Auszeichnung. Wie es sich vereinigen läßt, daß in demselben Blatte Juden in der Austrittsliste an den Pranger gestellt und dann trotz ihres Austrittes gefeiert werden, darüber soll sich wahrscheinlich das Leserpublikum, das auf diese Weise irregeführt wird, den Kopf zerbrechen. In wohltuendem Gegensatze dazu steht die Haltung der Berliner „Allgemeinen Zeitung des Judentum", die bekanntlich nicht das Organ eines „konservativen" Kultusvorstandes, sondern liberal und unabhängig ist. Dieses Blatt hat nun unlängst dem getauften Berliner Opernsänger Julius Liebau anläßlich seines Künstlerjubiläums einen Artikel gewidmet. Bald aber darauf hat der Chefredakteur dieses Blattes, Geheimrat Ludwig Geiger, eine „Bemerkung der Redaktion" veröffentlicht und darin folgendes erklärt: „Ich bedauere lebhaft, den Artikel gebracht zu haben, da eine jüdische Zeitung es nicht als ihre Aufgabe betrachten kann, Männer zu verherrlichen, die dem Judentum untreu geworden s i n d." Die Meyerbeergasse in Paris. Das „Berl. Tagebl." meldet: Vincent d'Indy richtete einen Brief an den Pariser Gemeinderat, worin er fordert, es möge dem „Skandal" ein Ende gemacht werden, daß im Herzen von Paris ein „erzpreußischer" Name forterklinge. Dieser erzpreußische Name ist — der Meyerbeers, nach dem bekanntlich eine Pariser Straße benannt ist. Vincent d'Indy bezeichnet Meyerbeer als den einzigen „wirklich preußischen" Komponisten, da alle anderen deutschen Tonmeister Sachsen oder Oesterreicher seien und Beethoven ein Belgier. Der „Temps" spendet dem Gedanken d'lndys begeisterten Beifall und drückt die Hoffnung aus, daß Meyerbeer dauernd aus Frankreich verwiesen bleibe, „wenn auch andere deutsche Komponisten nach dem Krieg und in der folgenden Uebergangszeit wieder zugelassen werden sollten". Hiezu meint das „B. T.", daß die Bemühung, Meyerbeer als den einzigen „wirklich preußischen Komponisten" zu bezeichnen, ziemlich komisch wirkt. „Meyerbeer ist zwar in Berlin geboren, hat aber in Paris seine Erfolge errungen und ist in Paris gestorben. Sogar als er königlich preußischer Generalmusikdirektor wurde, teilte er sein Leben zwischen Berlin und Paris und ließ alle seine Opern zuerst in der französischen Hauptstadt aufführen. Vor seiner französischen Zeit schrieb er in Italien italienische Opern. Sechs Jahre nach der letzten von dieser Art („II crociato in Egitto") schuf er sein erstes französisches Werk „Robert le Diable", das ebenso wie „Hugenotten", „Prophet", „Dinorah", „Afrikanerin" in Paris zuerst gegeben wurde. Man kann von diesem Preußen sogar sagen, daß er mit seinem Textdichter Scribe zusammen „die" große französische Oper erst geschaffen hat. Von deutschen Meistern, besonders von Schumann und Wagner, der Meyerbeer sein Franzosentum vorwarf, ist die Art Meyerbeers bekämpft worden; von den Franzosen dagegen wurde dieser „echtpreußische" Komponist bisher fast als Landesgenosse gefeiert, wie auch die Benennung der Rue Meyerbeer beweist Wenn jetzt die Franzosen das Straßenschild herunternehmen wollen, brauchen wir Deutschen uns deshalb nicht zu ereifern. Wir erlauben uns aber, diese Art von Patriotismus für ebenso kindisch zu halten, wie den Versuch, aus dem deutschen Beethoven einen Belgier zu machen." Zeitschriften-Rundschau, Fürst Paul Dolgorukow für die russischen Juden. Ein Appell an das russische „Gerechtigkeitsgefühl". Die „Frkf. Ztg." enftiiimmti dem führenden Moskauer Blatte „Rußk. Wjedomosti" folgende interessante Studie: Der Sturm,;dier über unser Land hereinbrach, wirft auch Blitzhctitler auf mancherlei Erscheinungen unseres Volkslebens, an diie vvk uns leider gewöhnt haben. Dazu gehört besonders unser Verhalten zu den Völkerschaften, deren Schicksal von dem Schicksal Rußlands nicht zu trennen ist. Hinsichtlich der Polen ist eine neue Politik schon an maßgebender Stelle als notlwendig bezeichnet worden. Es ist auch diie Zeit gekommen, die Lage der J u d e n in den Vordergrund zu rücken. Der Gegensatz zwischen dien Staatspflichten der Juden und ihrer rechtlosen Stellung hat schon immer bestanden, er spitzt sich iedoch in Kriegszeditlen derart zu, daß man zu dieser Frage nicht mehr schweigen kann. Hunderttausende Juden vergie-

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