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Neue Nationalzeitung · 1915-01-22 · Heft 2 (22.1.1915) · p. Seite 18

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 2 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
Seite 18 (sequence 10)
Language
German
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Seite 18 Neue Natjonal-Zeitung* Nr. 2 Pflegsgebühren nach Hause? Das „könnte" zu Mißbräuchen führen; ergo müssen sich alle Leute anstellen . . . Es gibt unter den Flüchtlingen eine große Anzahl von R a b b i n a - Assessoren (Dajanim), die von galizischen Kultusgemeinuen angestellt sind und die behördliche Genehmigung erhalten haben. Es sind zumeist alte Leute, darunter große Talmudgelehrte, welche oft in ihrer Stadt de facto das Rabbineramt bekleiden. Und auch sie sollen sich anstellen. Jn dieser großen Wiener Stadt, wo so viel „Jüdischkeit" vorhanden ist, hat sich dieser Herren bis nun niemand angenommen. Endlich hat Dr. S. R. L a n d a u, als er davon erfuhr, beim Ministerialrat Dr. v. Twardowski interveniert und gebeten, auch die Rabbinats-Assessoren dem Bureau in der Alserstraße, an welches die Rabbiner gewiesen werden, zuzuweisen. Ministerialrat v. Twardowski stellte dies auch in Aussicht, nachdem er von Dr. Landau die Auskunft erhalten hatte, daß die Rabbinats-Assessoren Gemeinde-Angestellte, Kultusbeamte sind. Aber Tags darauf teilte Ministerialrat v. Twardowski dem Dr. Landau mit, er könne leider gar nichts machen. Das Kultusdepartement des Ministeriums für Kultus und Unterricht habe erklärt, es kenne gar keine Rabbinats-Assessoren, sie seien gar keine Kultusangestellte. An der Spitze des Kultus-Departements im Ministerium für Kultus und Unterricht steht der Ministerialrat Dr. Pilat. Er ist Chef dieses Departements und hat noch nie von einem Rabbinats-Assessor etwas gehört. Wer uns dieses Rätsel lösen kann, dem w ären wir sehr dankbar. * Spenden für die galizischen Flüchtlinge. Bei der „Neuen National-Zeitung" bisher eingelangt K 1800.—. Herr Michael Mosberg in Wien, XVI. zahlt an Dr. S. R. L a n d a u für die Vertretung eines Flüchtlings freiwillig K 50.—, welchen Betrag Dr. Landau für die Flüchtlinge spendet. Weitere Spende von Frl. J. B. K 1.—, zusammen K 5L— Hiezu die bereits ausgewiesenen.......K 1749 — zusammen K 1800.— Ueber unsere weiteren Zuwendungen an Flüchtlings- Fürsorgeaktionen folgt in der nächsten Nummer ein ausführlicher Bericht. Geldspenden, ebenso Kleider, Bücher u. dgl. werden erbeten und in dieser Rubrik ausgewiesen. Kriegsnachrichten. Wo sind die Feldrabbiner? Jüngst war die Ernennung zweier neuer Feldrabbiner in den Zeitungen zu lesen. Worin aber die bisherige Tätigkeit der Feldrabbiner bestanden hat, davon war bisher nirgends zu hören, weder über ihre Zuteilung, noch über ihre Berichte. Eine Budapester Zeitung verzeichnete einmal eine sehr tapfere Tat eines jüdischen Feldrabbiners, der während der Neujahrs- Feiertage die jüdischen Soldaten in ihren Schützengraben aufsuchte. Das ist aber auch alles. Anders ist es in Deutschland. Da wurde offiziell die Zuteilung der Feldrabbiner zu den einzelnen Armeen öffentlich bekanntgegeben. Einzelne Rabbiner, wie z. B. Rabbiner Dr. Bäck in Berlin, erstatten offizielle Berichte an ihre Gemeinden, die anderen, wie beispielsweise Rabbiner Dr. L ö w y, versenden Kundgebungen an die Blätter und protestieren gegen russische Grausamkeiten. Nur unsere Feldrabbiner sind irgendwo und lassen nichts von sich hören. * Wie Regimentsarzt Dr. Bernhard Mund ermordet wurde. Zu Beginn des Krieges haben wir berichtet, daß mehrere jüdische Regimentsärzte bei Ausübung ihres Berufes in der Front gefallen sind. Wir nannten damals Dr. Bernhard Mund und Dr. Lazar Stern. Nun erfahren wir Details über das tragische Ende des Dr. Mund, der meuchlings von einem russischen Rittmeister niedergeschossen wurde, als er einen Verwundeten verbinden wollte. Dem Briefe, den hierüber eine Verwandte des Verschiedenen an unseren Mitarbeiter Herrn Moritz Frühling gerichtet hat, entnehmen wir folgendes: „ . . . Es handelt sich dabei um meinen Cousin, Dr. med. Bernhard Mund, aus Lemberg gebürtig, 27 Jahre alt, Regimentsarzt i. R. des k. k. Landwehr-Infanterieregiments Nr. 19. Seine Eltern sind Hersch und Adele Mund. Er war durch drei Jahre Assistent der chirurgischen Abteilung des Professor Büdinger im allgemeinen Wiener Krankenhaus. Sein Offiziersdiener hat mir folgendes erzählt: Es war nach der großen Schlacht bei Krasne. Auf dem blutgetränkten Schlachtfelde stand mein Doktor über mir gebeugt, damit beschäftigt, mir einen Verband anzulegen, ungeachtet des Kugelregens der geschlagenen, sich zurückziehenden Feinde. Mitten in seiner Arbeit tritt ein russischer Offizier an ihn heran, faßt ihn am Arme, unbekümmert dessen, daß er nur der Menschlichkeit dient, schreit er ihn mit folgenden Worten an: „Grüße Deinen Herrn!" Mein Arzt weiß überrascht nur zu antworten: „Störe mich nicht, hier geht es um das Leben eines Vaters!", da er wohl wußte, daß ich verheiratet und Vater bin. Als Antwort zieht der russische Offizier seinen Revolver und setzt ihn an die Schläfe meines Arztes an. Dieser versucht, ihn von seinem schändlichen Vorhaben durch die Worte: „Laß' mir Zeit, den Verband zu beendigen", abzuhalten, doch kann er die letzten Worte nur noch stöhnend hervorbringen. Des russischen Offiziers Revolverkugel hatte seinem jungen Leben unerwartet ein jähes Ende bereitet. Er hat sein hoffnungsvolles Leben geopfert, um das meinige zu retten. Seine Kameraden begruben ihn, wie ich später erfahren habe, die Heldenbrust mit einem Kreuze geschmückt. Er hat seine Eltern, welche von dem sie betroffenen Schicksalsschlage erfahren haben, in tiefem Schmerze, um das Wohlergehen der anderen zwei Brüder, die ebenfalls im Felde stehen, besorgt zurückgelassen." Schreckliches Elend der Juden in Russisch-Polen. Der Londoner „Standard" berichtet: „Der Zerstörungsschrecken, den Polen durch den fortwährenden Durchmarsch deutscher und russischer Truppen zu erfahren hatte, ist unbeschreiblich. In dieser friedlichen, agrikulturellen Gegend, deren kleine Städte eine vorzugsweise jüdische Bevölkerung haben, während die Dörfer mehr von Polen und Litauern bewohnt sind, wird man jetzt meilenweit kein bebaubares Stück Feld finden. Ueberall Spuren des Feuers und der Granaten: kein Baum mehr, keine unangetastete Hütte. Die Bevölkerung zerstreut, umherirrend, jeder Habe entblößt. In K o w n o, das in normalen Zeiten eine Bevölkerung von 30.000 Seelen hat, hausen jetzt 60.000 Personen, von denen 70 Prozent Juden sind und 30 Prozent Greise, Frauen und Kinder. Die Lage dieser Juden ist um so erbärmlicher, wenn man bedenkt, daß ihnen die Großstädte sowie die Gouvernements nördlich und östlich von Wilna und Warschau verschlossen sind. Und dies ungeachtet dessen, daß jetzt 300.000 Juden in den Reihen der russischen Armee kämpfen und viele von ihnen Auszeichnungen erhielten, die an Juden gewiß nur für besonders wertvolle Leistungen auf dem Schlachtfelde verliehen werden". Nach Depeschen aus Rußland beträgt die Bevölkerung von Warschau (sonst 200.000) jetzt höchstens noch 80- bis 100.000 Seelen. Es sind dies nur die A11 e r ä r m s t e n, in der Hauptsache Frauen und Kinder der eingezogenen Arbeiter. Der wohlhabende Teil der Bevölkerung, der teilweise nach War-

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