Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 2 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 16 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Öeite 16 ..Neue Nataonal-Zeitung" Nr. 2 biner und zahlreiche hervorragende jüdische Bürger wurden als Geiseln weggeführt. Aber in den nächsten Tagen klärte sich alles auf und die deutsche Heeresverwaltung gewann die Ueberzeugung, daß der Ueberfall von russischer Seite inszeniert wurde, um die Juden zu Vernichten. Bei der verbrecherischen Eigenart der russischen Tschinowniks ist zu befürchten, daß sich die Provokation von Kalisz und ihre Folgen bei derRäumung von Warschau wiederholen könnten, wenn nicht rechtzeitig seitens der östererichisch-ungarisch-deutschen Heeresleitung die entsprechenden Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden. Hiezu möchten wir die Anregung gegeben haben. KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Die Konstituierung des Kultusvorstandes. Wien. In der unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred Stern am 6. Jänner 1915 stattgefundenen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes fanden die Neuwahlen der beiden Vize-Präsidenten und der Mitglieder des Vertreterkollegiums statt. Zum I. Vize-Präsidenten wurde Herr Dr. Gustav Kohn neuerdings wiedergewählt. Der Vize-Präsident Dr. Kohn dankt für diese neuerliche Vertrauenskundgebung und verweist darauf, daß es gerade 30 Jahre sind, seit dem er dem Kultusvorstande angehöre. Es erfülle ihn mit besonderer Genugtuung, daß es seiner Initiative gelungen sei, im abgelaufenen ereignisreichen Jahre Notstandsaktionen ins Leben zu rufen, welche ein günstiges Resultat zeitigten und das Budget der Kultusgemeinde nicht wenigstens teilweise belasteten. Er werde auch weiterhin bestrebt sein, seine Arbeitskraft dem Wohle der Gemeinde zu widmen. (Beifall.) Zum II. Vize-Präsidenten wird Hofrat Dr. Benjamin Rappaport wiedergewählt. Bei der hierauf vorgenommen Wahl von 8 Mitgliedern des Vertreterkollegiums erscheinen als wiedergewählt die Herren: Salo Cohn, kais. Rat Siegm. Kauders, Dr. Leopold Kohn, Wilhelm K u f f n e r, Professor Dr. P o 11 a k, Dr. Markus Spitzer, kais. Rat Adolf S c h r a m e k. Als 8. Mitglied wird Herr Dr. Felix Katzau gewählt, der Jedoch die Wahl nicht annimmt. Professor Dr. Salonion Ehrmann.*) Wien. Auch schon sechzig Jahre? Man sieht es ihm erfreulicherweise nicht an. Allein es ist so. Man hat kürzlich seinen Geburtstag mit allen Ehren gefeiert und man hat recht daran getan. Es ist wohl selten, daß ein Mann in hohem weltlichen Lehramte sein Judentum religiös und politisch so frei und froh bekennt, wie unser Jubilar. Deshalb ist das Judentum stolz auf seinen Sohn. Als Dermatologe ist er eine Zierde unserer medizinischen Schule, gleich geschätzt als Meister seines Faches von Gelehrten, Jüngern und Kranken. Als Mitglied des Vorstandes unserer Gemeinde genießt er auch hier bedeutendes Ansehen; denn die Interessen des jüdischen Lebens gehen ihm nahe. Er ist treu besorgt um seine Entwicklung, um die sittliche und materielle Förderung der Glaubensgemeinschaft, und viel beachtet ist sein beredtes Wort, wenn es sich neben die Angelegenheiten der Krankenfürsorge, für die Pflege des Unterrichtes, für die geistige Wohlfahrt der Jugend und für die Durchdringung unseres Schrifttums erhebt, darin er selbst als wohlbestellter Kenner gilt»- Er wirkt auch in den großen Vereinigungen, die sich den Schutz der bürgerlichen Rechte der Juden und ihre ökonomischen Interessen angedeihen lassen und als feuriger, überzeugter Anwalt scheut er die öffentliche Tribüne nicht, um seinen Gesinnungen eindringlichen Ausdruck zu leihen.. d. h. s. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Der Kataster der Vermißten. Ein Besuch bei Dr. Lewiii, Rabbiner in Nekolsburg. Eine eigenartige, aber in ihrer Art einzige hilfreiche Tätigkeit entwickelt weit über den Sprengel seines Amtbereiches hinaus der Rabbiner von Nikolsburg, Dr. M. L e w i n. Vor seinem Haustor herrscht tagsüber an Wochentagen ein sehr reger Verkehr. Da sind viele Leute angesammelt, die sich in die Lektüre von zahlreichen affichierten Zetteln mit der sonderbarsten Namen und sonderbarsten Ortschaften vertiefen. Das sind nämlich die Namen jener Leute, welche suchen und gesucht werden; Angehörige von Familien, die die Kriegsereignisse in alle Teile unserer Monarchie verstreut haben, ohne daß sie von einander etwas hören. Diese Suchenden wenden sich alle an Rabbiner Dr. Lewin; wenn sie an Ort und Stelle sind mündlich, die Auswärtigen schriftlich. So ist die Amtsstelle des Dr. Lewin allmählich zu einer Zentrale der Vermißten-Nachfrage geworden. Es ist eine ungeheure Arbeit, die Dr. Lewin zu bewältigen hat. Täglich langen Hunderte von Briefen oder Karten mit Anfragen an ihn ein, die er beantworten muß. Er muß Hunderten von Flüchtlingen in Nikolsburg selbst täglich Rede und Antwort stehen wegen ihrer Angehörigen. Dr. Lewin hat sich daher ein sehr praktisches System zurecht gelegt. Er läßt immer eine größere Anzahl Personen in seine Amtsstube treten und liest ihnen die Absender der an ihn von auswärts eingelangten Anfragen vor. Sehr oft mit Erfolg. Die rührendsten Szenen haben sich hier abgespielt: Väter haben ihre Kinder, Kinder ihre Väter wiedergefunden, nachdem sie durch Monate von einander nichts gehört haben. Dr. Lewin besitzt bereits einen druckreifen Kataster von über 50.000 Adressen, der alphabetisch sowohl nach den Namen der Vermißten, als auch nach den Namen der Gemeinden, in denen sie sich gegenwärtig aufhalten, eingeteilt ist. Diese kolossale Arbeit erfordert nicht nur viel Zeit und Mühe, sondern auch Geld, Arbeits- und Hilfskräfte. Bisher ist dem Dr. Lewin noch keine jüdische Organisation zu Hilfe gekommen. Wer will die Mittel hergeben, um diesen Kataster zu drucken? L. *) Wegen Raummangels leider verspätet Anm. der Red.