Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 2 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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hr. 2 ,Neuc National-Zeitung" rSeit? 15 beherrscht und so zogen sie rings herum ihre Schützengräben und suchten hinter den Qrabmälern und Bäumen ihre Deckung. Wir mußten also unsere Geschütze nach dem heiligen Orte richten, gleichwie wir Kirchen und Türme zerschießen mußten, auf denen sich russische Artilleriebeobachter mit ihren Telephonapparaten eingenistet hatten. Der Krieg kennt keine Schonung noch Scheu. Es kann keinem Feinde daran liegen, eine Stadt in Trümmer schießen zu müssen, nur um zu vernichten. Wohl aber wird er heillose Verwirrung unter den Truppen anrichten, wenn er die Straßen und Kasernen unter Feuer nimmt und ein Druck der unschuldig leidenden Bevölkerung auf die Militärs wird oft mehr helfen, als mancher Sturmangriff. So war es auch mit Lodz. Diese Stadt, den Sitz polnischer Intelligenz, deutscher industrieller Regsamkeit und des jüdischen reichen Handels, suchten die Russen unter allen Umständen zu halten. Die Räumung wurde erst erzwungen, als wochenlanger Kanonendonner die Seelen zermürbt hatte. In diesen Tagen flogen auch in den jüdischen Friedhof die zerstörenden deutschen Geschosse. Dort, wo die Armen begraben liegen, die Aermsten der Armen, die ein so schmutziges trübseliges Dasein gelebt und denen der Tod sicherlich als ein Erlöser gekommen, sind die verwitterten einfachen grauen Sandsteinpiatten nun umgeworfen, in Stücke zersplittert. Die Toten sind in ihrer Ruhe gerade von denen gestört worden, von denen sie ihr Leben lang Rettung erhofft hatten. Denn sie trugen als Ideal im Herzen, in Deutschland frei zu werden, im Wohnen und im Geschäft unbehelligt zu sein. Deshalb waren sie auch deutsch in ihrer Seele, feindlich den sie bedrückenden Russen, von Haß erfüllt gegen die Polen, die sie nicht achteten und niederhielten. Sie lebten in Unfrieden selbst mit ihren eigenen Volks¬ und Glaubensgenossen, von deren Almosen sie doch wiederum abhingen. Jene reichen Herren, die mit Geld über alle Schrecknisse des Russentums wegkamen, bezahlten schweigend und machten ihre Geschäfte. Bestechungen waren Geschäftsausgaben und die Seele folgte dem Geschäfte: ein Teil der Reichen schickte Geld als Oel für die russischen Maschinen und war russisch in der Gesinnung. Der überwiegende Teil aber neigte zum Polentum hin. Die jüdischen Multimillionäre von Lodz, diePosnanski und wie sie alle heißen, sind eifrige Großpolen. Sie nennen sich nicht mehr Silberstein, sondern sie heißen Silberstei n o w, selbst wenn der Träger dieses Namens zur Revolutionszeit vom polnischen Pöbel zu Tode gehetzt und ermordet worden ist. Und die Frau Rosenblatt o w a, deren Grabmal hier steht, empfand im Innern vollkommen polnisch, obgleich sie sich als reine Jüdin gab und den Armen viel Gutes tat. Die jüdische Geldaristokratie und die jüdische Intelligenz, die nach Warschau geflohen sind, oder im sicheren Auslande den Gang der Dinge abwarten können, waren so polnisch, daß sie als Führer der jüdischen Gemeinde die Tafeln zur Friedhofseinteilung zuerst in polnischer und darunter in jüdischer Sprache bemalen ließen. Warauf dann freilich die russische Regierung kam und die polnischen schwarzen Buchstaben weiß überpinseln ließ! So spiegelt sich noch auf dem Friedhofe die Spaltung und die ganze Tragik der jüdischen Bevölkerung wieder und nur die deutschen Granaten haben keinen Unterschied gemacht. Sie haben die prunkvolle Denkmalsanlage der Familie Posnanski getroffen, sie haben die Gräber des Mittelstandes, der kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden zertrümmert und Bäume und die liebevoll gepflegte Anlage vernichtet. Und sie fuhren auch in die Gräber der Armen, deren Nachkommen heute, schlechter als das Vieh, ein Hungerleben leben. Zudem ist die ganze Umfriedung der mächtigen Gräberanlage, der erst im vorigen Jahre neu hergestellte Bretterzaun, von dem polnischen Pöbel langsam weggestohlen worden, der sich Holz zum Feuern nahm, wo er es eben fand. Und nun graben in den frischen Kindergräbern herrenlose Schweine herum! So erzählt und versichert der Friedhofsinspektor, der selbst ein armer Teufel ist mit acht Kindern und dem in einem sonst ganz unbeschädigten Teile des Friedhofs ein Geschoß gerade allein das Grabmal seiner Frau zertrümmert hat. Ueber 200 Mark hat es gekostet und nun sinnt er Tag und Nacht, woher er das Geld für ein neues nähme. Wenn es wenigstens nur der älteste Sohn wüßte, der Kolonist in Palästina ist und vielleicht Geld schicken könnte! Und seufzend geht er hinüber zur Leichenhalle, wo die Weiber heulen und wehklagen und die Männer eine der vielen Leichen waschen. Hunger und Krankheiten raffen sie jetzt dahin, die arme Judenbevölkerung von Lodz, und der weite, schöne Friedhof nimmt sie all auf. Dr. Fritz W e r t h e i m e r, Kriegsberichterstatter. Zur Belagerung von Warschau. Ein dringender Appell. Die bevorstehende Belagerung von Warschau und die, wie wir zuversichtlich hoffen, bald darauf zu erwartende Eroberung dieser Stadt durch die vereinigten heldenmütigen Armeen beider Kaiserreiche veranlaßt uns, im Interesse der dortigen jüdischen Bevölkerung, die dieser Eroberung wie einer Erlösung entgegensieht, nachstehenden Appell an die maßgebenden militärischen Kreise zu richten: Den Massenmorden und Raubzügen der russischen Soldatenhorden in Galizien und Russisch- Polen wurde die Krone aufgesetzt durch die wohl einzig in der Weltgeschichte dastehende Schandtat von Kalisz. In dieser russisch-polnischen Stadt haben die russischen Soldaten, als sie die Stadt räumen mußten, eine kleine Abteilung zurückgelassen, die dann gemeinsam mit freigelassenen Zuchthäuslern als Juden verkleidet, aus mehreren Häusern auf das in die Stadt einrückende deutsche Militär schössen. Dadurch sollten die jüdischen Einwohner als Franktireurs hingestellt und mitsamt ihren Häusern der Vernichtung preisgegeben werden. Der teuflische Plan gelang teilweise. Die Überfallenen Soldaten setzten sich zur Wehre und bestrichen mit ihren Maschinengewehren alle Straßen, wodurch hunderte Juden den Tod fanden. Der Rab-