Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Nene National-Zeitung" Nr. 1 Ihre Verzweiflungsausbrüche kann ich schwer beschreiben. Man muß sehr stark sein, um bei all ihren Schilderungen nicht aus der Fassung zu kommen. Allmählich wird es ja in Nikolsburg besser. Der Verwalter der Baracken, Handelskammerrat Krakauer, ist bemüht, das Interesse der Flüchtlinge nach Möglichkeit zu wahren. Der Bezirkshauptmann von Nikolsburg, Herr Paul K r e t s c h m e r, ist ein sehr menschenfreundlicher, den Flüchtlingen wohlgesinnter Herr, und auch die Zentralregierung ist, das muß man zugestehen, bemüht, den Beschwerden sukzessive Boden zu entziehen. Es treffen auch auf Kosten der Regierung größere Quantitäten an Schuhen und warmen Kleidern ein. Es wurde eine Schusterwerkstätte in den Baracken errichtet, in welcher 24 Schuhmacher (Flüchtlinge) gegen eine tägliche Entlohnung von K 1.50 Schuhe reparieren. Es wurden einige tüchtige Aerzte angestellt, die sich besonders um die Kinder bemühen. Wie ich höre, sollen auch demnächst die Ventilatoren angebracht werden, die mittlere Etage soll entfernt werden. Es steht die Errichtung von vier neuen Baracken nach einem weit besseren System bevor. Alles in allem bessern sich ja die Verhältnisse in den Baracken von Nikolsburg, und das ist auch notwendig im Interesse des allgemeinen Wohles, denn der Frühling ist nicht mehr fern, der für die Verhütung von Epidemien besonders ins Auge gefaßt werden muß. (Fortsetzung folgt.) KORRESPONDENZEN. Oesterreich-Ungarn. Das Budget der Wiener Kultusgemeinde. (K 321.242. - Defizit.) Wien. In der am 30. v. M. stattgehabten öffentlichen Sitzung des Kultusvorstandes wurde das Budget für das Jahr 1915. vorgelegt und ohne jede weitere Beratung en bloc angenommen. Von der zionistischen Opposition blieb Herr Stricker von der Sitzungfern; Dr. Ehrlich ist im Felde. Hand in Hand mit dieser „Opposition" konnte das Budget rasch durchgepeitscht werden. Dem Voranschlage für das Jahr 1915 wurden zugrunde gelegt: Einnahmen per........K 3,185.806.09 Ausgaben per......... K 3,507.048.91 daher ein Defizit per K 321.242.82 Die leitenden Gedanken bei Abfassung dieses Budgets wurden in einem ausführlichen Referate vom Kultusvorsteher Dr. Leopold Kohn auseinandergesetzt. Wir beschäftigen uns mit diesem Budget ünd seiner Beratung in einem besonderen Artikel, der an zweiter Stelle dieser Nummer erscheint. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Leopold Steiner wird aufgeregt! Die Wiener Flüchtlingsfürsorge ist in ein neues kritisches Stadium getreten. Das Ministerium des Innern hat eine Verordnung erlassen, daß Flüchtlinge, die nach dem 10. Dezember in Wien eintreffen, einerseits zum Verlassen von Wien aufgefordert werden, anderseits keine Gebühren erhalten. Ausgenommen sind Standespersonen. Weitere Ausnahmen kann nur das Ministerium im Instanzenzuge gestatten. Daß dadurch viele Unzukömmlichkeiten und Familientragödien entstehen, ist klar. Aber den christlich-sozialen Führern ist das recht. Auch in Krieg'Szei.ttew ist für sie nur das „PaTteiänteressie" maßgebend. v Wir haben schon vor Monaten berichtet, daß der Obmann des christlich-sozialen Verbandes, Leopold Steiner, der als reicher Mann und Oberkurator ganz an jene Zeit vergessen hat, da er Zimmermalergehilfe und Heurigenschänker war, die Hetze gegen die armen Flüchtlinge zu seinem Sport gemacht hat. Eine Spitze gegen den anfangs den Flüchtlingen wohlgeneigten Bürgermeister Weiskirchner ist dabei nicht zu übersehen. Iniolge dieser Hetze werden heute in den Wiener magistratischen Behörden den Flüchtlingen, die sich durch ehrliche Arbeit fortbringen wollen, weder Arbeitsbücher noch Gewerbescheine verabfolgt. Trotzdem ist Steiner schon ungeduldig, und da seine antisemitische Macht nicht so weit reicht, den galizischen Flüchtlingen schon jetzt Galizien wiederzugeben, so möchte er rechtzeitig für eine Abschiebung der Flüchtlinge nach Friedenschluß Vorsorgen. Er wird aber schwerlich etwas ausrichten. Wenn einmal der Friedensschluß kommt, dann wird man schon dafür sorgen, daß die Partei des dummen Kerls von Wien ihre erbärmliche Rolle ausspielt. Man ist in Deutschland mit den Antisemiten fertig geworden und sie waren ja dort ehrlicher. Man wird also mit unseren antisemitischen Führern, die ihre Volksbeglückertätigkeit bei ihren eigenen Taschen anfangen, auch noch fertig werden. Brockensammlung für Jüdische Arme. Dieser von Frau Ida B a r b e r und Herrn Salomon Bauer gegründete und geleitete Verein, der jetzt über ein sehr geräumiges Lokal im Hause XIX., Glatzgasse 4 verfügt, leistet in bezug auf die Unterstützung der galizischen Flüchtlinge mit Wäsche, Kleider, Decken u. dgl. sehr viel ersprießliches. Ein Besuch im Verein anläßlich der Kleiderverteilung hat uns bewiesen, wie eifrig und liebevoll das rührige Hilfskomitee, insbesondere Frau Dr. B r i n g s und Frl. Käthe Wertheini, sowie die Herren Bauer und Barber bemüht sind, den Hilfesuchenden, deren Gesichtszüge das Gepräge der größten Entbehrungen tragen, auch ausgiebig zu helfen. Doch leider die Mittel des Vereines sind sehr beschränkt! Es wäre besonders Pflicht der jüdischen Bevölkerung im XVIII. und XIX. Bezirke, diese, unter den heutigen Verhältnissen humanste Hilfsaktion durch Geld- und Kleiderzuwendungen zu unterstützen. * Die Spenden-Sammlung der „Neuen National-Zeitung." Von den bei uns eingegangenen Spenden hat unsere Administration weiters verausgabt: An die Brockensammlung, XIX., Glatzgasse 4, zum Ankaufe von Decken für die Flüchtlinge............. K 100,— An Herrn Kultusvorsteher S c h n a b 1 in Pohrlitz behufs Ankauf von Schuhen für die Insassen der dortigen Baracken und an Herrn Bürgermeister Franz Deutsch in Nikolsburg für die Verbesserung der Lage der Insassen der dortigen Baracken je K 200.—.........„ 400.- An Herrn Rabbiner Dr. M. L e w i n in Nikolsburg für Flüchtlinge in den umliegenden Ortschaften „ 100 — Geldspenden, ebenso Kleider, Bücher u. dgl. werden erbeten und in dieser Rubrik ausgewiesen,