Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 .Neue National-Zeitung" Seite 5 dieses ä meta-Vertrauen wollte sich indessen der Namensvetter im Präsidium nicht einlassen, der ohne diesen Fonds nicht regieren kann und will. Genug an dem, der eine Namensvetter hat den anderen Namensvetter ordentlich in den Harnisch gebracht und schließlich aus „Verehrung" für den dritten Namensvetter, der als Referent fungiert, nachgegeben. Immerhin: Man durfte einen tiefen Blick hinter die Kulissen tun und man sah, daß es auch auf dieser Bühne im Geheimen brodelt und kocht. Duobus li'tigantibus tertius gaudet. Wer wohl dieser tertiüs ist? Soviel ist sicher: Ein vierter Namensvetter ist es nicht. Glossator, In den Flüchtlings-Baracken. Von Dr. S. R. Landau. I. Nikolsburg. Auf meiner Reise durch Mähren glaubte ich zuerst der altehrwiirdigen, jüdisch-historischen Stadt Nikolsburg und den in ihrem Rayon befindlichen Flüchtlings-Baracken meine Aufmerksamkeit zuwenden zu sollen. Wurden ja doch die Scharen galizischer Flüchtlinge jüdischen Stammes gewiß seitens der Behörden nur deswegen nach Nikolsburg gelenkt, weil man annahm, daß sie sich in dieser altbekannten jüdischen Gemeinde am wohlsten fühlen werden. Tatsächlich haben sich auch die Flüchtlinge die erste Zeit hindurch, als sie sich in der Stadt, in den umliegenden Ortschaften und selbst in einer alten Notbaracke untergebracht sahen, noch immer den Umständen angemessen leidlich befunden. Eine Aenderung in dem Schicksale der jüdischen Flüchtlinge trat erst ein, als in der nächsten Nähe von Nikolsburg auf dem „Muschelberg" eine Reihe von Baracken errichtet wurde und die Flüchtlinge, zuerst zirka 4000 an der Zahl, veranlaßt wurden, dort Aufenthalt zu nehmen. Diese Zahl hat sich über Nacht infolge neuerlicher Transporte auf über 6000 erhöht, sodaß die Baracken jedenfalls über ihren normal'en Fassungsraum überfüllt sind. Der Zustand der Nikolsburger Baracken war bereits Gegenstand der Untersuchung seitens der jüdischen Abgeordneten aus Galizien, welche hierüber dem Minister des Innern ein umfassendes Memorandum überreicht und die yerschiedenen Mängel dargelegt haben. Dieses Memorandum war auch Gegenstand einer Besprechung in diesem Blatte. Mehrere Wochen sind seitdem verstrichen, und es hat mich auch unter anderem interessiert, festzustellen, inwiefern diesen Beschwerden Rechnung getragen wurde. Vor einigen Tagem habe ich die Baracken eingehend besichtigt, hatte Gelegenheit mit den Insassen zu sprechen, ihre „Wohnräume" näher zu besichtigen und über die Art ihrer Behandlung und Verpflegung Erhebungen zu pflegen. D'er Herr Bezirkshauptmann von Nikolsburg und der Verwalter der Baracken, Herr Handelskammerrat Samuel Krakauer, haben mir nach dieser Richtung gar keine Schwierigkeiten gemacht, sondern vielmehr noch meine Recherchen unterstützt. Der Gesamteindruck war leider kpin befriedigender. Schon das System der Baracken ist unbedingt verfehlt. Als Notwohnungen für Soldaten oder Kriegsgefangene, die im besten Mannesalter steh'en, dürften sie wohl für ihren Zweck genügen, keineswegs aber als Wohnräume für ganze Familien, die zum Teile auch aus Kindern und Greisen b'estehen. In einer Baracke wohnen zirka 400 Menschen. Die Einrichtung besteht aus Strohsäcken, Strohpölstern und Decken, die merkwürdigerweise die Israelitische Allianz zu Wien beigestellt hat, wiewohl nicht sie, sondern die Regierung hiezu verpflichtet wäre und wiewohl die hiezu verwendeter, zirka 60.000 K, die aus Sammlungen zusammengebracht worden sind, besser zur Verpflegung und Bekleidung der Flüchtlinge aufgewendet worden wären. Ein Teil dieser Lagerstätten befindet sich am Fußboden, ein Teil auf Erhöhungen, und zwar als ,X und II. Stock". Diese Stockwerke übereinander aus Bfettern zusammengezimmert, sind auf Leitern zu erreichen. Die Angehörigen einer Familie liegen nebeneinander und hart neben ihnen wieder andere Famili'en, Männer, Frauen und Kinder. Die Bauart bringt es mit sich, daß die Luft in den Baracken feucht und dumpf ist, die Wände sind dicht mit Schimmelpilzen besetzt, von den „Plafonds" rinnt das Wasser. „Die Baracken weinen", sagen die Flüchtlinge. In den letzten Tagen wurden über Veranlassung der Verwaltung die Wände mit irgend einer Flüssigkeit bestrichen, um dadurch die Schimmelpilze zu vernichten. Aber trotzdem ist die Luft noch immer dumpf und feucht geblieben. Diese Feuchtigkeit wird dadurch erhöbt, da innerhalb dieser Baracken nasse Wäsche zum Trocknen aufgehängt wird, da hiefür keine anderen Räume vorhanden sind. Zudem ist die Beheizung eine sehr mangelhafte; für die eisernen Oefen — Dauerbrandöfen waren wahrscheinlich für die Bauunternehmer zu kostspielig — wird zu wenig Kohle hergegeben und so leiden die Flüchtling'e auch empfindlich unter der Kälte. Die Baracken werden wenig gelüftet, das wird den Flüchtlingen seitens der Verwaltung zum Vorwurfe gemacht. Dem gegenüber berufen sich die Flüchtlinge darauf, daß sie im naßkalten Wetter nicht Türen und Fenster öffnen können, weil sich die Kinder und alten Leute leicht verkühlen. An die Anbringung von elektrischen Ventilatoren, was leicht durchzuführen wäre, haben die Bauunternehmer ebenfalls nicht gedacht. Unter diesen ungesunden Zuständen leiden die Flüchtlinge um so empfindlicher, als ihre Beschuhung und Bekleidung sehr viel zu wünschen übrig läßt. Die meisten Flüchtlinge, alt und jung, haben äußerst defekte Schuhe und Kleider. Wollen sie die Baracken verlassen, was sie aus verschiedenen, ganz natürlichen Gründen wiederholt am Tage tun müssen, dringt ihnen der Kot — die Baracken sind von einem Kotmeere umgeben, welches weit über die Knöchel reicht — durch die gelöcherten Sohlen. Sehr bedauerlich es ist, daß die meisten Flüchtlinge gar keine Winterwäsche haben und wochenlang ein Hemd tragen müssen; kleine Kinder gehen in den Baracken barfuß herum, da sie nicht einmal Strümpfe haben. Unter diesen Umständen ist es gar kein Wunder, daß der Krankheitsstand ein überaus großer ist, und daß die Kindersterblichkeit den normalen Prozentsatz weit überstiegen hat. Die Masern sind durch einige Zeit epidemisch aufgetreten und haben ihre Opfer gefordert. Frauen, die mit 4 oder 5 Kindern in die Baracken einzogen, haben jetzt kaum ein oder zwei Kinder,