Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 .Neue National-Zeitui g" Nr. 1 Pogroms sind an der Tagesordnung; man braucht für den in der Tiefe sich rührenden Groll ein Ventil. Die Juden sind die hingeworfene Beute. Sie sind es auch in Galizien und in der Bukowina, wo sie zurückgeblieben sind. Die allerersten Opfer sind überall die Juden. Judenschicksal. Und all dies in einer Zeit, die angeblich alle Unterschiede tilgt und alle in brüderlicher Eintracht bindet. Gar manche traurige Erfahrung und Enttäuschung könnte ich aus jüngster Zeit auf diesem Gebiete mitteilen. Die Waffen des Judenhasses ruhen vielfach nur scheinbar. Was die Juden im Felde und auf humanitärem Felde leisten, welche kolossalen Geldopfer sie bringen, ist allbekannt. Man sieht aber vielfach nur das Geld, nicht das Opfer. „Hätten sie's nicht, sie täten's nicht." Das hörte ich mit eigenen Öhren. So drängt sich die bange Frage auf: Wird die große, gewaltige Not und Zeit die Giftkeime töten, die Giftsaat vernichten? Wird in unserem Staate der Rassen- und Konfessionenverhetzung ein für allemal das Handwerk gelegt werden? Garantien sind dafür nicht vorhanden. Wohl aber Anzeichen für das Gegenteil. Esistznbefürchten, daßderausderNot geborene Scheinliberalismus die Wachsamen 'einschläfern könnte. Es heißt aber, die Augen offen behalten, um rechtzeitig und an richtiger Stelle mit unerschütterlicher Kraft und unbestochenem Mute für die unbedingte Wahrung der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit aller Bürger des Staates einzutreten, damit nicht die Juden das Opferlamm auf den Altären werden. Das Budget der Wiener Kultusgemeinde. Unmittelbar vor Kalenderschluß hatte die Kultusgemeinde ihren großen Tag. Das heißt, sie hätte ihn haben sollen, sie hat sich aber selbst darum gebracht. Es war der Tag des Budgets; es stand die Feststellung des Voranschlages für das kommende Jahr 1915 auf der Tagesordnung. Ein solcher Verhandlungsgegenstand bietet allen Vertretungskörpern den herkömmlichen Anlaß zu gründlicher Aussprache und auch in der Kultusgemeinde kann es an dem Bedürfnisse hieran unmöglich fehlen. Sind doch die Angelegenheiten ihres Wirkungskreises reichverzweigter Art, umfassen sie doch die höchsten kulturellen und ideelen Ziele der Glaubensgemeinschaft, was auch das Präliminare mit seinen fast unübersehbaren Titeln und Positionen augenfällig macht. Eine Gebarung, die 3,1 Millionen Kronen an Einnahmen und nahezu 3,5 Millionen Kronen an Ausgaben nachweist und diesmal mithin mit einem Abgänge von mehr als 320.000 Kronen bilanziert, ist wohl wert, daß man sich genauer mit ihr beschäftigt. Der Finanzreferent allerdings nahm seine Aufgabe ernst und erstattete ein ausführliches Expose; im ersten Teile schematisch und mathematisch, indem er die hervorstechenden Ziffern gruppierte, summierte, verglich und rekapitulierte; im zweiten Teile sichtlich finanzpolitisch, indem er die allgemeine Finanzlage berührte, die bevorstehenden Finanzoperationen streifte und sich zu einem Ausbücke in die nächste Zukunft aufschwang. Alles dies zunächst mit dem ihm eigenen nüchternen und bedächtigen Ausdrucke, der sich peinlich von jedem Pathos und jedem Uebermaße fernhält. Doch ist auch ihm im Spiegelbilde dieser großen, harten Zeit zuletzt das Gefühl ein wenig durchgegangen, als ihn im Gedenken der schweren Heimsuchungen die Rührung übermannte und er mit tränenerstickter Stimme den Geschicken des Vaterlandes, seiner heldenhaften Söhne und der Bedrängnis der Flüchtlinge die Worte seiner Teilnahme lieh. Der Voranschlag ist fleißig zusammengestellt; er rechnet mit dem Ausfall des vergangenen Jahres und dem drohenden Abgang im neuen, und es darf derart nicht wundernehmen, wenn trotz vieler Abstriche und Ersparungen angesichts der täglich wachsenden Inanspruchnahme der Gemeinde und ihrer Institutionen ein ansehnliches Defizit herausgerechnet werden mußte. Ein solches Ergebnis sollte füglich eine laute Beachtung wecken; der Vortrag des Referenten allein tut es nicht. Man hätte gar zu gern vernommen, was das Kollegium darüber denkt, wie es sich zu den großen Fragen eines Kriegs- und Ausnahmsjahres stellt, ob es nicht da und dort Korrekturen und Abänderungen, Einschränkungen oder Erweiterungen anzuregen hat, ob es nicht die Pflicht und den Drang in sich fühlt, zu dem einen oder anderen Probleme ein Verhältnis zu suchen, Richtpunkte zu geben, welche die Politik und die Finanzwirtschaft der Gemeinde zu bestimmen, ihre Entwicklung zu beeinflussen hätten, damit die Werte und Einrichtungen des Gemeindewesens, die Schätze der ihr anvertrauten geistigen Güter und Interessen gefördert und gemehrt werden. Ist denn — neben dem Referenten — in dieser zahlreichen Repräsentanz der Wiener Judenschaft niemand da, der den Blick der Gemeinde auf die gewaltigen Notwendigkeiten der Zeit gelenkt hätte, der es ausgesprochen hätte, was Vielen am Herzen liegt, die die Not und das Elend tausender und abertausender Glaubensgenossen ins Innerste erschüttert, der es unternommen hätte, zur Tat aufzurufen, damit die größte unserer Gemeinde schöpferisch und heilsam eingreife, um das Unglück der Zerstampften und Verscheuchten zu wenden! Fast schien es, als ob .der Eine oder Andere bereits den Anlauf dazu genommen hätte. Allein das Wort mußte in der Kehle stecken bleiben, als sich, kaum daß der Vortrag des Referenten beendigt war, der beflissene Mittler fand, der den geläufigen Drosselungsantrag stellte, das Budget, mit Hinblick auf die erschöpfende Darlegung des Referates und den Ernst der Zeit, en bloc und ohne Debatte anzunehmen. Ein solcher Antrag sollte einfach unmöglich sein! Er ist parlamentarisch einWidersinn und er ist praktisch lächerlich. Was nützt eine Widerrede? Sie wird vorweg niedergestimmt und so wurde diesmal der Generaldebatte über das Budget feierlich der Garaus gemacht. Dem Ernste folgte, wie gebührlich, das Satyrspiel. Dem Philantropen im Vorstande stach der Präsidialfonds ins Auge, ob mit Recht oder mit Unrecht, sei hier dahingestellt. Es ist der Dispositionsfonds zu diskretionären Aushilfen; seine Bewilligung ist eine Vertrauenssache. Dieses Vertrauen wollte besagter Herr dem Präsidium nur zur Halbscheit entgegenbringen. Auf