Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 .Neue National-Zeitnng" Seite 3 Judenschicksal. Von Dr. D-. Feucht w a n g. „Gesucht"; „Vermißt"! Ein Kind sucht seine Eltern; Eltern suchen, ihre Kinder; Brüder suchen Schwestern; Enkel die Großeltern. Und so geht es weiter, die ganze Skala des Jammers und der Not durch. Wo sind sie alle, die Unsteten und Flüchtigen, die Verwundeten auf dem Schlachtfeld des Schicksals? Es ist, als ob man Berichte und Wehklagen aus dem Mittelalter läse, als sei die Zeit der großen Judenverfolgungen über uns hereingebrochen. Wie Hohn und Spott auf Wahrheit und Ehre klingt da der Protest der russischen Gelehrtengilde gegen deutsche Barbarei; der Gelehrten des Landes, das ewige Blutschuld auf sich geladen hat durch Ermordung, Schändung, Raub und Diebstahl, begangen an seinen Juden. Wo waren aber die Gelehrten, Dichter, Künstler der Kulturstaaten, als in Rußland unschuldiges Judenblut floß? Wo waren die Träger stolzer Namen, als die langen Züge des Landes verwiesener Juden in Schmach und Elend in fremde Welten zogen? Nur vereinzelt wurden da Stimmen laut. Die Einmischung „in interne Angelegenheiten" gestattete es damals nicht, die Stimme der Menschlichkeit, unbekümmert um alle Diplomatie, zu erheben. Damals wurde die Moral zur Politik, anstatt daß die Politik zur Moral geworden wäre. Nun zerstampfen dieselben Horden die Fluren unserer, deutscher Länder. Und wieder sind es zum großen Teile Juden, welche vom Schicksal heimgesucht werden. Wie ein Land seine Juden behandelt, so ist es. Sie sind der Zeiger an dem Zifferblatt der Kulturuhr. Warum es so ist, das lehrt die Weltgeschichte. Und das hat ein großer nichtjüdischer Historiker, Ranke, erkannt und gesagt. Wie viel an Kulturschuld in diesem Sinne die verschiedenen Länder und Staaten auf sich gehäuft haben, soll nicht erörtert werden; ganz zu schweigen von Staaten und Städten, welche den Antisemitismus zum politischen Programm gemacht und so, ob sie wollten oder nicht, Judenbedrückung, Judenbedrängung, Judenverfolgung als mit politischer Moral vereinbar hingestellt haben. Es gibt und gab keine Entschuldigung für solche Barbarenmoral. Eingewurzeltes, ererbtes Vorurteil sind vielleicht die einzig denkbare Erklärungsmöglichkeit für diese verabscheuenswerte sittliche Entgleisung, die aus der Quelle der Religion nicht fließen kann. Denn die Religion, welche Haß sät, hat aufgehört, Religion zu sein. Im Namen einer Religion gepredigte oder auch geduldete Verfolgung ist das Todesurteil ihrer selbst. Also mit der Religion kann die Schmach des Judenhasses nicht erklärt werden; er ist Religionsschändung, in welcher Form er immer auftritt. Antisemitismus war selbst in den Zeiten der Inquisition und der Kreuzzüge ein gutes Geschäft, ein gemeines Geschäft. Nicht weil die Juden dazu nicht fähig oder dessen nicht würdig waren, hat man sie zu hundert Stellen und Aemtern nicht gelassen, sondern weil ihre Befähigung groß, ihre Tüchtigkeit gefürchtet war. Und wo man Unwürdigkeit vorschützt, beruht auch diese Annahme auf Rassenüberhebung, die lächerlich und wissenschaftlich sinnlos ist. Solche Betrachtung erscheint in dem ungeheuerlichen Sturm und Drang der Gegenwart unangebracht'Sie drängt sich aber auf, wenn man in den blutigen Blättern der gegenwärtigen Geschichte liest. Mit Fug und. Recht wird auf die allgemeine W'aifenverbrüd'erung der Völker Oesterreichs hingewiesen. Und wie es im Deutschen Reiche nach des deutschen Kaisers Wort jetzt nur Deutsche gibt, so soll es in Oesterreich-Ungarn jetzt nur Oesterreicher geben. Jetzt. Warum nur jetzt, warum nicht immer? Zahllos sind die Kränkungen, welche die armen, flüchtigen Juden erfahren müssen. Nicht genug, daß sie heimatlos geworden sind ohne ihr Verschulden, betrachtet man das elende Leben, das man ihnen in der Fremde knapp genug fristet, als eine Gnade. Elend schon in der Heimat geplagt, gejagt, verhungert; doppelt elend in der Fremde; verspottet verachtet, verschimpft. Ich selbst habe es mitangehört wie eine Frau, mit Schmuck reich geziert, in schönes Pelzwerk gehüllt, die am Schwarzenbergplatze des Einlasses harrenden, hilfesuchenden polnischen Juden verhöhnte und sie als Landplage zum Teufel wünschte. Daß ich dazu nicht schwieg, kann man sich denken. Doch, das ist Judenschicksal seit jeher gewesen. Es ist geradezu tragisch. Welche Geistesenge gehört dazu, diesen Menschen den einzigen Rettungsanker in der schweren Not, ihre Religion — selbst wenn sie sich noch so eigentümlich gebärdet und hie und da in krausen Aberglauben ausmündet — zu schmälern. Allerdings die freiwillig übernommene, unstreitig auch patriotische Pflicht muß erzieherisch wirksam gemacht werden. Die Flüchtlinge selbst müssen dazu . beitragen. Die Armen und völlig Niedergebeugten unter ihnen schleichen ohnehin in ihrem erbarmungswerten Aufzug demütig dahin. Aber die weniger Unglücklichen und ganz besonders die Wohlhabenden unter ihnen sollten sich ihrer Brüder annehmen und ernstlich um sie bekümmert sein. Sie müssen insbesondere durch beispielgebende Bescheidenheit in der Lebensführung und im öffentlichen Auftreten, durch unermüdliches aufopferndes Mitarbeiten im Hilfswerk, durch Gut und Blut, Geld und Werk, ihre Angehörigkeit deutlich bekunden. Sie dürfen nicht abseits stehen. — Erfüllen da atte ihre Pflicht? — Melden sie sich freiwillig zur Leistung? Dürfen sie warten bis man sie ruft? Man darf wohl sagen, daß die Mehrzahl der Judengemeinden, in deren Nachbarschaft die Massenlager für jüdische Flüchtlinge errichtet sind, mit hingebender Opferfreude sich ihrer unglücklichen Glaubensbrüder annehmen. Trotz staatlicher und bis zur Erschöpfung geleisteter Privatpflege ist das Los der Armen noch immer entsetzlich genug. — So haben die Juden ihr Teil an Leid und Drangsal reichlich zu tragen. Am geduldigsten tragen es die darin Geübten. Und wer wäre geübter als die Juden des Ostens, die wirtschaftlich und politisch schon in normalen Zeiten bedrängt sind und bei denen Alltagsschicksal Judenschicksal ist. Wann wird dies alles endlich anders werden? Nicht genug daran, daß die Zuchtrute des Feindes sie heimsucht, wütet der eingeborene Judenhass der Russen gegen sie und liefert sie , der zurückgebliebenen nicht]üdischen Bevölkerung zur Plünderung aus. Nach verläßlichen Nachrichten wird auch in Rußland selbst und besonders in Russisch-Polen jetzt furchtbar gegen Juden gehetzt;