Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 29 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 ('*pite 3 ü ii d e in p f a n g e dort Almosen, stelle dich an in Reih und Glied unter Polizei b e w a c h u n g in der Zirkusgasse, im P r a t e r, in der Rotensterngasse, bei der Volksküche, bei der „Einheit" usw., stehe im Kot, in der Zugluft, verliere ganze Stunden, spiele deine Rolle bei der öffentlichen Schaustellung des Elends und Unglücks — aber arbeite nicht, verdiene nicht durch ehrliche Arbeit dein Brot, damit ja nur den Wienern kcjne_ Konkurrenz erwachse! Und dieses Anstelle«! Muß denn den armen Flüchtlingen die Schamröte ins Qesicht steigen, müssen sie denn ihr Herzblut verlieren bei der Entgegennahme des Almosens? Es w ä r e ja einfacher und dabei hu m a n e r, den Flüchtlingen die Unterstützung per Post zuzuschicken, oder — wenn dies nicht möglich ist — ihnen einen Warteraum zuzuweisen und beim Eintritt in denselben eine Karte mit der fortlaufenden Nummer einzuhändigen, was eine ordnungsmäßige Abwicklung des Verkehrs verbürgen würde. Das geschieht aber nicht. Durch die Entziehung der Arbeitsgelegenheit und -möglichkeit werden die Flüchtlinge nicht nur materiell, sondern auch moralisch geschädigt, letzteres sogar in zweifacher Hinsicht, denn sie werden gegen ihren eigenen Willen zu Schnorrern herabgewürdigt und dadurch zum Müßiggang verdammt. Leute, die ihr ganzes Leben gewohnt waren, zu arbeiten und zu schaffen, gehen seit Monaten, müßig herum ohne irgendwelche Beschäftigung, ohne Ableitung für ihre trüben Gedanken. Das muß viele nach Steinhof und viele auf den Zentralfriedhof bringen. Deshalb: ein Arbeit s n a c h w e i s - b urea u schaffen; brechen mit dem Prinzip der Nichtbcschäftigutig der Flüchtlinge. Es sollte auch mit dem Pauschalsystem gebrochen und etwas mein* individualisiert werden. Wenn dies schon bei einzelnen unmöglich ist, denn es würde bei der Bemessung der Unterstützung zu weit führen, nachzuforschen, welcher der Flüchtlinge zu Hause in größerem oder geringerem Wohlstande gelebt hat — so ist dies geboten und möglich bei ganzen Ständen und Erwerbsgruppen. Ein Beispiel wird dies beweisen: Es gibt unter den Flüchtlingen eine ganze Menge Kultusbeamte und Funktionäre wie: Rabbiner (wenn nicht de jure, doch de facto), Dajanim, Schochtim, administrative Beamte, Matrikelführer und deren Vertreter. Es sind dies Leute, die in ihren Heimatsgemeinden eine gewisse soziale Stellung einnehmen. Und hier in Wien? Da müssen sie in die Zirkusgasse und den Prater, müssen sich „anstellen", in Reih und Glied marschieren usw. Es wurden doch seitens des Wiener Hilfskomitees für Flüchtlinge für einzelne Stände der Flüchtlinge besondere Bureaus gebildet, sogar die Beamten der politischen (autonomen)üemeinden wurden einer speziellen Sektion zugeteilt, aber nicht für die Kultusbeamten und Funktionäre; diese wurden in die Zirkusgassc 5 verwiesen. Und die Folge davon? Die Kultusbeamten und Funktionäre bekommen 70 Heller täglich, was unbedingt zu wenig ist, sie müssen sich stundenlang „anstellen", was demütigend ist und sind der Gefahr der Ausweisung ausgesetzt. Also individualisieren! Die Polizeibehörde verlangt von einzelnen Flüchtlingen die Vorweisung von Geld und Geldeswert und geht bei Mittellosen mit Ausweisungen vor. Es verlautet, daß dies geschieht, um einer allzu großen Teuerung vorzubeugen. Dadurch geschieht den unglücklichen Flüchtlingen bitteres Unrecht. Sie sind doch nicht zu ihrem Vergnügen nach Wien gekommen, harte Not zwang sie dazu, 'sie wichen vor einem grimmigen barbarischen Feinde, der alle menschlichen Rechte mit Füßen trat, sie ließen ihr Hab und Gut, ihre Häuser und Geschäfte im Stiche und während ihre Söhne, ihre Brüder, ihre Väter auf den blutigen Schlachtfeldern kämpfen, essen sie hier das bittere Brot der Verbannung. Und nun sollen sie wieder den Wanderstab ergreifen und wieder wandern und vielleicht in Nikolsburg einbarackiert werden, damit ja nur dem Wiener sein Brot, sein Fleisch und seine Kohle nicht verteuert werden! Die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina haben alles verloren, was sie hatten, sind über Nacht aus reichen Leuten heimatlose Bettler geworden und die Wiener wollen nicht einmal eine Verteuerung der Lebensmittel erleiden! Wo ist da das berühmte Wiener Herz, wo ist da die einfache Gerechtigkeit? Alle sind Bürger desselben Staates und sollen in der jetzigen ernsten Zeit gemeinschaftlich Freud und Leid tragen ebenso wie die Väter, Söhne und Brüder der ganzen Monarchie gemeinschaftlich gegen den gemeinsamen Feind kämpfen. Und wenn die Einwohner Galiziens und der Bukowina unverschuldet schweres Leid betroffen hat und wenn sie arm und nackt ihr Heim verlassen mußten und nach Wien kamen, so sollen sie nicht aJs lästige Schnorrer betrachtet und weggeschickt werden, sondern sie sollen als Märtyrer für die heilige Sache des Vaterlandes, als unglückliche Brüder herzlich aufgenommen werden. Uebrigens ist ja die Auffassung ganz falsch, als ob die Flüchtlinge eine Plage für Wien wären. Es darf doch nicht übersehen werden, daß die Flüchtlinge zumindest eine halbe Million Kronen täglich in Wien ausgeben, dann werden doch die Unterstützungsgelder, die nicht „Stadifgelder, sondern „Staat s"gelder sind, in Wien ausgegeben, endlich hat doch ein großer Teil der Flüchtlinge große Kapitalien hergebracht, welche sie in Wien aufzehren, da sie mit den Unterstützungsgeldern allein nicht auskommen können. Die Folge davon ist, daß sämtliche Wohnungen vermietet sind (sonst würde es infolge der Einberufungen viele leerstehende Wohnungen geben), daß die Frauen der Einberufenen infolge Vermietung eines Teiles ihrer Wohnungen an die Flüchtlinge in der Lage sind, den Mietzins zu bezahlen, was sie sonst nicht zu tun imstande wären, daß viele Geschäfte und Gewerbetreibende, Kaffeehäuser, Hoteis Restaurationen, Handlungen, Handwerker, die infolge der Einberufungen ihre Geschäfte wegen schlechten Geschäftsganges zu schließen gezwungen wären, jetzt glänzende Geschäfte machen. Also die Flüchtlinge sind keine lästigen Schnorrer, sie sind Märtyrer, sie sind unglückliche Brüder, sie sind Konsumenten und als solche soll ihnen Anerkennung, Liebe und Entgegenkommen gezeigt werden, bis die Sturide schlägt, da der Feind hinter die Grenzen unseres Reiches zurückgeworfen wird und die Flüchtlinge in ihr Heim zurückkehren.