Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 29 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 29 Die Beschwerden der galizischen Flüchtlinge in Wien.*) Die russische Invasion zwang einen beträchtlichen Teil der Einwohner Galiziens, ihr Heim zu Verlassen und zu flüchten. Es flüchteten fast ausschließlich die Einwohner der Städte, da nur diese bedroht waren, während den Einwohnern des flachen Landes von den Russen nichts drohte und — geringe Ausnahmen abgerechnet — auch nichts schlechtes geschah. Da in den Städten Galiziens und der -Bukowina die Juden in größeren Massen wohnen, so ist es nur natürlich, daß man unter den Flüchtlingen zumeist Juden begegnet. Der breite Strom der Flüchtlinge wandte sich nach Wien, was schließlich ganz natürlich war, denn vom 'eigenen Heim vertrieben sahen die Flüchtlinge in der Reichshaupt- und Residenzstadt ihre zweite Heimat, hier hatten viele von ihnen Verwandte und Geschäftsfreunde, hier hatten sie Geschäftsverbindungen, hier endlich hatten sie die Alöglichkeit bezüglich der Lebensmittel wie Fleisch, Geflügel, Schmalz, Butter usw. ihre religiösen rituellen Vorschriften zu beachten, was in irgend einem Dorfe Mährens, Böhmens oder Steiermarks absolut unmöglich wäre. Dieser Umstand war für viele ausschlaggebend bei Bestimmung des Aufenthaltsortes, denn hatten sie auch alles verloren, ihren Glauben wollten sie sich wenigstens rein und unverfälscht bewahren. Und wie empfing Wien diese Flüchtlingsscharen? Es ist unbestreitbar sehr viel für die Flüchtlinge geschehen. Aber die Frage, ob all dies geschah, was geschehen sollte und ob das, was geschah, auf richtige Weise geschah, kann leider nicht bedingungslos bejaht werden. Der Hauptfehler liegt in der falschen Auffassung des Wesens der Flüchtlingsfrage. Man erblickt nämlich in den Flüchtlingen unterstützungsbedürftige Arme, die man aus Mitleid unterstützt. Das ist aber grundfalsch, denn die Flüchtlinge sind Märtyrer, die ihr Heim, ihr Hab und Gut auf dem Altar des Vaterlandes als Opfer dargebracht haben und denen das Vaterland, der Staat, die Mitbürger eine Schadlos- Anmerkung der Redaktion. Die Situation der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina wird mit jedem Tage schwieriger. Seit dem 10. d. M. werden sie, selbst die wohlhabenden, nicht mehr nach Wien gelassen. Diejenigen, denen es dennoch gelingt, nach Wien zu kommen, werden .von der Polizei angewiesen, abzureisen. In Wien selbst verschlimmert sich die Lage der Müchtlinge insofern, als selbst diejenigen, die vor Monaten oder Wochen mit Barmitteln nach Wien gekommen sind, dieselben nunmehr verzehrt haben und auf die staatliche Unterstützung angewiesen sind. Notgedrungen und nach langein Sträuben würden sie sich entschließen, diese ungewohnte Unterstützung anzunehmen, wenn man sie ihnen wenigstens in einer möglichen. Form zukommen ließe. Aber das Fürsorgekomitee arbeitet leider bei allem Eifer seiner Leiter, wie wir es schon zu Beginn hervorgehoben haben, zu sehr nach Schimmel und Schablone. Müssen sich denn die Leute, die bessere Tage gesehen und Ehrcnstellen innegehabt haben, durchaus auf der Straße oder im Kalisengarten nach h im eiferten anstellen und stundenlang in diesem entsetzlichen Regen warten?... Aber die meisten Flüchtlinge möchten ja trotz aller Not jede Unterstützung ablehnen, wenn sie wenigstens eine Arbeit bekämen. Doch, sie dürfen nicht arbeiten und nichts unternehmen! Denn selbst der plötzlich als „.ludenfreund" proklamierte Bürgermeister Weiskirchner verbietet den magistratischen Behörden. Arbeitsbücher oder Gewerbescheine an Flüchtlinge auszustellen ... Alle diese Beschwerden werden in obigem Artikel aus id©r Feder eines Flüchtlings selbst in schlichter, aber zum Herzen sprechenden Weise dargestellt. Das sind Sorgen nicht eines Einzelnen, sondern von mehr als Hunderttausend Menschen, die sich jetzt nach Wien geflüchtet haben. haltung schulden — es darf ihnen also keine Unterstützung von humanitären Institutionen verabfolgt werden, sondern sie sollen und müssen von den hiezu berufenen Faktoren schadlos gehalten werden und zwar nicht als unglückliche Anne, sondern als geschädigte Staatsbürger. Wenn dieser Gedanke der Aktion zugrunde gelegt werden wird, so wird sich die weitere Konsequenz ergeben, daß das Ehr- und Schamgefühl der Flüchtlinge nicht verletzt werden darf, daß eine Individualisierung der Flüchtlinge erfolgen müsse, daß sie nicht als lästige Schnorrer betrachtet und als subsistenzlos aus Wien abgeschafft werden dürfen. Die Zentralstelle der Fürsorge gibt den Flüchtlingen Kostgeld und Mietzins, in der Rotensterngasse werden die Flüchtlinge ausgespeist, in der „Einheit" bekommen sie einen billigen Mittagstisch, in den Teehäusern für 4 Heller Tee und Brot, auch mit Kleidern werden sie beteilt usw. — das ist alles sehr schön, sehr human und sehr nützlich. Gibt es aber in ganz Wien eine einzige Arbeitsn a c h w e i s s t e 1 1 e für Flüchtlinge? Nein! Und warum nicht? Weil hier die Tendenz vorherrscht, um jeden Preis vorzubeugen, daß sich die galizischen Juden in Wien ansässig machen. Ueberflüssige Sorge! Die jungen Leute, die auf dauernde Abstellungen in Wien reflektieren und einzig und allein in Betracht kommen würden, stehen im Felde und verspritzen ihr Herzblut für das Vaterland, die älteren Leute dagegen, die nicht mehr dienstpflichtig sind und als Flüchtlinge in Wien weilen, die wurzeln zu tief in ihrem Heim, die sind durch zu starke Fäden an ihre Scholle gebunden, als daß sie daran denken sollten, in Wien ständig zu bleiben. Sie haben drüben ihr Hab und Gut — die Früchte schwerer Arbeit ihres ganzen Lebens — sie haben drüben ihre Geschäfte und ihren Erwerb, ihre Aemter und Würden zurückgelassen und werden es als wahre Erlösung betrachten, wenn es ihnen ermöglicht sein wird, in ihr Heim zurückzukehren. Diese werden in Wien nicht bleiben, diese suchen keine dauernde Anstellung in Wien, diese wollen und sollen nur vorübergehend während der Dauer des unfreiwilligen Exils in Wien Beschäftigung finden — es erwächst daraus gar keine Gefahr der Schädigung der Interessen der Wiener, durch eine ungesunde Konkurrenz, durch ein Unterbieten, durch eine Herabsetzung der Löhne. Es wird sich doch nicht leugnen lassen, daß infolge der Einberufungen einerseits und infolge Steigerung des Wiener Konsums durch die vielen Flüchtlinge anderseits ein starker Bedarf an verschiedenartigen Arbeitskräften entstanden und vorhanden ist, und was wäre natürlicher, als daß dieser Bedarf durch die Flüchtlinge gedeckt würde! Wenn dies aber nicht geschieht, so wird es aus Absicht unterlassen und das ist eben nicht richtig. Der Flüchtling, der zu Hause sein Geschäft und seinen Erwerb hatte, der vielleicht reich oder zumindest wohlhabend war, der Ehrenämter bekleidete, der der Achtung seiner Mitbürger sich erfreute, der in Ehren ergraut ist, der Wohltaten übte, kommt plötzlich nach Wien und möchte hier gerne arbeiten, um das tägliche Brot für sich und die Seinen zu erwerben, aber da heißt es: nein! - - du darfst nicht ehrlich arbeiten, zumSchnorrer m u ß t d u herabgew ü rd i g t werden, gehe in die Zirkusgasse