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Neue Nationalzeitung · 1914-12-25 · Heft 29 (25.12.1914) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 29 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4________ _____________^Neue National-Zeitui g" Nr. 29 Die „Oesterreichisch-Israelitische Union" im Kriege.^) Plaudern wir heute von etwas anderem: Wie man auch immer über die Verwaltungskunst unserer jüdischen Gemeinwesen und Vereinigungen denken mag, ob man sich nun anhänglich zu ihnen gesellt oder gegnerisch zu ihnen stellt, eines ist sicher: der Krieg, das große gewaltige Ringen, hat sie jählings aufgerüttelt; er hat sie vor ungewöhnliche und ungewohnte Aufgaben gestellt und sie mühen sich recht und schlecht, diesen Pflichten gerecht zu werden. Vielleicht geschieht dies teilweise mit nicht ganz tauglichen Mitteln, allein der Wille ist jedenfalls da und der Wille ist bekanntlich allemal zu loben. Das muß man selbst unserer Wiener Kultusgemeinde, das muß man den mährischen, schlesischen und böhmischen Judengemeinden lassen, das darf man auch der Wiener Allianz zubilligen und unbedingt den großen Scharen der freiwilligen, privaten Wohltätigkeitspfleger, die sich hingebend und opferwillig angelegen sein lassen, den Glaubensgenossen hilfreich beizustehen; hier ein Handgeld zu verabreichen; dort einen Tisch zu decken; hier eine frierende Blöße zu verhüllen; dort eine Unterkunft zu öffnen; wie es gerade die schrille Not des Massenelends, der Jammer und die Drangsal schwerbeladener Zeiten erheischen. Den stillen Beobachter muß aber eine auffällige Ausnahme fesseln, die nicht nachdrücklich genug herausgestrichen werden kann. Wir haben seit langen Jahren in unserer Reichshauptstadt eine vermeintlich große, über alle Kronländer sich ausdehnende jüdische Organisation mit weitausholenden politischen Ambitionen und rechtschützenden Allüren, der dank einer periodisch gerührten Werbetrommel wohl die meisten selbsttätigen Juden, soweit sie auf ihre staatsbürgerliche Geltung und Reputation bedacht sind, zugetan und tributär wurden. Sie nennt sich markig und volltönend die „Oesterreichisch-Israelitische Union". Sie hat sich im Gegensatze zum seeligen ..Politischen Volksvereine" in der wechselvollen Brandung der innerpolitischen Zwistigkeiten über Wasser gehalten. Sie hat als ihre Devise ausgerufen, für die Rechte d'er Juden in unserem weiten Vaterlande einzustehen, sie politisch zu lenken und wirtschaftlich zu beraten, sich ihrer in jeder Phase anzunehmen, sie vor Unbill und Bedrückung zu bewahren, vor Kränkungen und Zurücksetzungen zu schützen, sie in Zeiten des Druckes und der Kümmernis zu stützen und aufzurichten. Wahrlich eine gewaltige, hohe und hochfliegende Mission. Und nun ist eine solche Zeit herangebrochen, die fast in Aeonen ihres gleichen sucht; allein vergeblich forscht der Blick, was denn die „Union" jetzt schafft. Wo ist sie, wo sind ihre Führer und Leiter, wo ihr Sprecher und Schwerenöter, der es versteht, selbst minder erhebliche Dinge mit dorn Pathos seiner Redseligkeit und stolzen Geste auf die Plattform der Wichtisrtuerei emporznscb rauhen, den die Entrüstung schüttelt, wenn in Stixneusiedc! bei Besetzung eines Postens die irdische Existenz dos Bewerbers lediglich durch Taufschein »rd nicht dnreh Geburtschein bescheingt werden soll; der ■sieh vor *) Vergl. den Arikel desselben Verfassers ..Das Moratorium für die Kultuswahlen" in der Nr. 27 d. J. A it in. d'e r Rc.cl. Unwillen nicht zu fassen weiß, wenn ein dunkles Ortsblättchen sich an uns zu reiben unterfängt, der aber seinen Verein gewähren läßt, stumm und untätig zu bleiben, müßig und leblos zuzusehen, wenn historische Schicksalsfragen die jüdische Gemeinschaft aufwühlen, wenn Juden unstet und flüchtig, plan- und ziellos umherirren, nach Brod rufen, nach Obdach spähen, nach einer Hand tastend suchen, die liebevoll hegt und vor dem Untergang rettet. In d e rR e i h e de r H e1f e r fehlt die „Union", sie hat sich iii eitel Schweigsamkeit und Verborgenheit gehüllt; versunken und vergessen ist der helle Glockenklang: ihrer tönenden Worte und Programme. Wir wollen nicht ungerecht sein; neulich hat man so etwas von einer herzbeweglich.cn Beschwerde über Pohrlitz gelesen; aber nur über Pohrlitz. Nikolsburg hingegen, Gaya und wie die anderen romantisch gelegenen Barakenstätten heißen, hat der Fuß des Malkontenten nicht betreten, der sonst, wenn es stich um die Werbung neuer Giebigkeiten für seinen Verein gehandelt hat, mit Siebemneilenstiefeln bebend die nahen und fernen Plätze abzuwandern versteht, trotz des sonst von ihm verpönten Wanderbetteh, der aber, wie es scheint, fast zur Unzeit ausgerottet werden wollte. Denn der Wanderbettel blüht; er ist wohl allgemein en vogue. er ist wohl gerade jetzt nicht abzustellen. Freilich, wenn es sich um die Kultuswahlen handelt, da sind sie alle, alle dabei, da haschen ihre Hände nach dem tiefte der scharfen Klinge, die Mandate stückelt, da stoßen sie in die helle Posaune, damit das versammelte Volk es vernehme, wie es zu machen sei. Aber jetzt! Jetzt in dieser großen Stünde halten sie sich abseits; wagen sie stich an kein Problem heran, ziehen sich scheu in die Beschaulichkeit zurück, um sich bloß als „Kalendermacher" zu betätigen. Wenn nur nicht für sie Matthaci am letzten gekommen ist. Eine neue Zeit kommt herauf, neu auch für uns Juden, eine Zeit, die nach neuen Gebilden greift, nach Männern ruft, damit sie die verlassenen Schanzen bezichen und sie mit neuem Wesen, mit frischem Geiste beleben. Höre es „Union"! Glossator. Drei Leidensgenossen.*) Beklommenen Herzens, unsere Seele erregt, Ergriffen von dem schrecklichen Weltereignis Horchen wir Dalieiimgebliebenen tief bewegt Vom Riiigen Europas. 0, schreckliches Erlebnis. Nicht zwei Gegner, sondern viele Nationen Sechs — acht vielleicht noch mehr, Stellen im Schlachtfeld lilire Legionen Ein verzweifeltes Ringen und Gegenwehr. Stildite, ja Länder vernichtend Eltern verlieren Kinder, Frauen die Männer Schätze, Kleinodien, zugrunde richtend Von Franktireurs, Komitatsebis und Mordbrenner. *) Unser verehrter Mitarbeiter, Herr Ch. Weit z n c r. hat sich trotz der letzten Ereignisse in Russisch-Polen seiiue Sympathien für die polnische Nation noch bewahrt. Fr steht offenbar auf dem Standpunkte, daß die Nation als solche für die leider massenhaft auftretenden Rohheits- und Yerleum- (lungsakte einzelner Individuen nicht verantwortlich ge.nacht werden kann, Hie Zukunft wird lehren, oh er Rcdit hat. A n m. der R e d.

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