Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 28 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 28 Gerichtsverhandlung, in der eine Postbeamtin Namens Q e r i t s c h als Klägerin gegen einen zionistischen Studenten erschienen war. Die junge Dame hatte, — nach der „Reichspost" — in der Stadtbahn beim Zeittinglesen zu ihrer Begleiterin gesagt: „Da schau her, in Russisch-Polen sind schon wieder Judenverfolgungen. Da könnten wir von den Russen etwas lernen." Der Student, ein Jude, ein Zionist, war über diese Aeußerung empört und, man darf wohl sagen, daß in unserem Lande jeder, ohne Unterschied der Konfession, der nicht gerade auf Bestialität Anspruch macht, diese Empörung teilen dürfte. Man kann darüber diskutieren, ob die Ausdrücke, mit denen der zionistische Student die Aeußerung der Postbeamtin quittierte, die geeigneten waren, die junge Dame über die Zartheit ihrer Wünsche zu belehren. Aber was soll man von einem Blatte sagen, das zu einer solchen Verhandlung Stellung nimmt und kein Wort des Tadels für die Postbeamtin, sondern bloß höhnische Glossen für den jüdisch e n Studenten hat? Die Pöstbeamtin, die so für russische Muster schwärmt, gab an, daß sie bei ihrer Aeußerung nur meinte „daß dann weniger polnische Juden nach Wien kämen". Das ist ja ganz richtig; auch die Juden, die bei den Pogroms in Rußland erschlagen wurden, machten keine weiteren Reisen. Aber wir glauben, daß, wenn schon ein Staatsanwalt Grund hatte in der Aeußerung der jungen Dame keine Aufreizung nach § 302 St.-G. zu erblicken und ein Richter wieder den empörten Studenten wegen der Art sein'er Zurechtweisung zu einer Geldstrafe verurteilte, die „Reichspost" doch wenigstens mildernde Umstände hätte gelten lassen sollen. Nämlich für den — jüdischen Studenten, der die laute Pogrom-Schwärmerei nicht schweigend anhören konnte. G. E. Der Opfermut der galizischen Juden *) Ueberaus interessant sind die Tagebuchaufzeichnungen des Feldrabbiners Dr. Edmund Kaiman, die der Budapester „Egyenlöseg" veröffentlicht. Er schildert mit beredten Worten die großen Dienste, die die galizische Judenheit unserer Armee geleistet hat. Alles gab sie dem Vaterland zum Opfer, selbst ihre heiligsten religiösen Gefühle, indem sie an manchen Stellen sogar die Sabbatruhe aufhob, um unseren Truppen behilflich sein zu können. Seine Exzellenz der Feldmarschalleutitant — schreibt Dr. Kaiman — weilte mit Vorliebe in unserem Kreise. Des öfteren kam es im Lager vor, daß ich die in irgend einem kleinen Neste gekauften Lemberger oder Krakauer Jargonzeitung hervornahm und meinen Kameraden die Berichte über die großen Weltereignisse -vorlas. Mit wahrem Heißhunger verschlang Seine Exzellenz jeden Bericht der einzigen Zeitung. Nie hätte ich gedacht, daß je Feldmarschalleutnants meiner Jargon Vorlesung lauschen würden. Die beliebteste Zeitung war das „Lemberger Tagblatt". Dieses brachte die vertrauenswürdigsten Nachrichten____ Seine Exzellenz machte aber auch bei anderen Anlässen *) Anmerkung der Redaktion. Diese ganz objektive Darstellung ist wohl die beste Widerlegung der häßlichen Verdächtigungen eines Wiener Blättchens, dessen Herausgeber einmal mit seinem erheuchelten Zionismus gute Geschäfte gemacht hat und jetzt skrupellos den Antisemiten in die Hände arbeitet. von meiner Jargonkenntnis Gebrauch. Das Deutsch mancher Galizianer konnten unsere Honvedoffiziere unmöglich verstehen. Die armen Juden bemühten sich hochdeutsch zu sprechen, was ihnen natürlich nicht gelang und ihre Worte noch unverständlicher machte. In solchen Fällen war ich der Dolmetsch. Sie machten große Augen und betrachteten mich mißtrauisch, wenn ich ihnen mit „Scholem alechem"! die Hand reichte und sie jüdisch ansprach. Dann wurden sie aber gesprächig und leisteten durch ihre Mitteilungen unschätzbare Dienste unseren Truppen. Hauptmann Darvas war zum Schutze des Trains kommandiert und stand mit 80 bis 90 Soldaten in der Nähe von Rawa-Ruska, als dlie Patrouille das Nahen eines Kosakenregimentes meldete, das eigens mit dem Abfangen der Munition betraut war. Kurz darauf kam ein Militärradfahrer vom Eisenbahnregiment mit der Meldung, daß der Feind binnen einer Stunde die einige Kilometer lange Traikolonne angreifen würde. Der tapfere Hauptmann ging in der bezeichneten Richtung, um den Feind würdig zu empfangen. Inzwischen sind inmitten der größten Unsicherheit und Aufregung zwei Juden im Kaftan, ausgezeichnete Kenner des Geländes, erschienen und führten unseren Train auf Nebenwegen in den riesigen Park des Fürsten Sapieha, wo die Kolonne, die einen kolossalen Wert darstellte, im großen laubigen Kastanienwald vor den Augen des Feindes verschwand. Die Kosaken zogen mit Enttäuschung in entgegengesetzter Richtung ab. Der Train war gerettet und die zwei Kaftanjuden wurden von unserem Kommandanten vor der Mannschaft belobt. Weiter erzählt Dr. Kaiman, wie er eines Samstags morgens die Meldung erhielt, daß am anderen Ende der Ortschaft, vor der er am Abend vorher angelangt war, ein Verbandplatz aufgestellt wurde. Ich brach auf, um unsere Verwundeten aufzusuchen. Plötzlich blieb ich vor Staunen stehen: Ein bärtiger Jude mit Kaftan und Schläfeiilocken saß am Wagen, der eine kleine magere Kuh führte, ein anderer ebensolcher galizischer Jude trieb das Vieh vor sich hin — offenbar auf die Schlagbrücke. Ich war überaus erstaunt. Heute ist doch Sabbat, wie kann daher ein religiöser Jude auf dem Wagen sitzen und eine Kuh vor sich hintreiben? Dann ging ich durch das Städtchen und sah auf dem Marktplatz eine Bäckerei. Vor dem Backofen stand ein jüdischer Bäcker mit der obligaten Samtmütze. Die Soldaten rissen die halbgebackenen Brote aus dem Ofen, wofür er sie in gutjüdischem Idiom ausschimpfte. In den Schenken bedienten ebenfalls Juden die hereinströmenden Soldaten. Jetzt wurde es mir klar: es war gar nicht Sabbat. Wir mußten uns verrechnet haben. Ich schämte mich, da ich gestern abends den Sabbateingang so feierlich begrüßt habe. Endlich trat ich an einen Juden heran und fragte ihn: „Was ist heute für ein Tag, Samstag oder Freitag?" Er erwiderte: „Heit is Schabbes!" „Und hier wird am Sabbat gebacken, geschlachtet und verkauft?" „J a, unser R c b b c hat den Schabbes b o t c 1 gemacht!" (Er hat die Sabbatrulie aufgehoben.) Ich wollte ihm zuerst nicht glauben, da ersuchte er mich, ihm in die „Klaus" zum Rebben zu folgen. Icli mußte auf den Verbandsplatz, bat ihn aber, mittag auf mich zu warten und mich inzwischen beim Rabbi anzumelden. Ein anderesmal will ich erzählen, was ich auf dem Verbandsplätze miterlebt habe. Wie die tödlich Verwundeten meine Mesusah und meinen Tallis küßten, wie sie ihre letzten Verfügungen trafen, indem ich das Widduj-Gebet (Sündenbekenntnis) sprach, wie sie mir mit erstarrenden Handien krampfhaft die Hand drückten, währenddem ich das Schema Isroel rezitierte, das werde icli nie vergessen. Endlich kehirte ich in diie Stadt zurück. Am Ende der Ortschaft erwartete mich mit seinen zwei Söhnen und dem Obmanne der Chewra der einem Patriarchen gleichende