Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 28 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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..Neue National-Zeitung" $Pi** 3 Was man von Rußland lernen kann. Der Zar dürfte sich, falls er überhaupt Sinn für Humor hat, sehr komisch vorkommen, wenn er fortwährend von seinen Bundesgenossen hört, daß sie den Krieg für Kultur und Zivilisation führen. Rußland, das, aus guten Gründen — man könnte mit mehr Recht sogar sagen: aus bösen Gründen — die serbischen Meuchelmörder in Schutz nahm und so den Ausbruch des Krieges veranlaßte, hätte vielleicht nie den Mut gehabt, diese Bemühung als im Dienste der Kultur und der Zivilisation gelegen zu proklamieren, aber schließlich: Unter Kameraden und Bundesgenossen ist alles egal. Wenn man ehrlich sein will, muß man auch zugeben, daß Frankreich und England wirklich diesmal keinen Grund haben, hochmütig auf Rußland herabzublicken. Die ethischen Motive, von denen diese Staaten — die einst sagen konnten, daß sie an der Spitze der Zivilisation schreiten — in und zu diesem Kriege sich leiten ließen, stehen wahrlich um nichts höher als jene, die dos zarische Rußland beseelten. Selbst was die Heuchelei betrifft, in der Rußland immer so groß war, kann sich Frankreich und England ietzt stolz mit dem Zarenreich messen. Diese drei Staaten leisten auf dies'em Gebiete ietzt so Grandioses, daß es schwer zu entscheiden wäre, wem die Meisterschaft zugesprochen werden muß. Hier nur einige Pröbch<Hi aus der letzten Zeit. In England behaupten z. B. gerade fetzt Universitätsnrofessoren, Deutschland habe den Krieg angezettelt und die so friedfertige englische Regierung gezwungen, zum Schutze des armen neutralen Belgiens zum Schwert zu Greifen. Tn Frankreich verurteilen soeben Richter eine Anzahl deutscher Aerzte angeblich im Namen der Gerechtigkeit wegen — Pflichtverletzung. Und in Rußland hat vor wenigen Tagen erst die Zarin-Mutter einem Interviewer gegenüber mit enthusiastischen Worten die patriotische Hingebung gepriesen, die alle Bewohner Rußlands in diesem Kriege betätigen und dabei besonders betont, daß die Jude n hierin hinter Niemandem zurückstellen. Kurz vorher aber veröffentlichten die Zeitungen haarsträubende Berichte über — Pogroms. Welch' anderes Bild sittlichen Fühlens, Denkens und Handelns entrollt sich vor uns, wenn wir die Kundgebungen prüfen, die von autoritativen Stellen im deutschen Reiche und in der Monarchie ausgehen. Der Krieg, der in Deutschland unsere jüdischen Glaubensgenossen zu schrankenloser Bekundung patriotischer Hingebimg begeisterte, hat bereits manche Schranken niedergerissen, die Vorurteil und Haß gegen die Juden aufgerichtet hatten. Kaiser Wilhelm 11. hat sicherlich nur dem allgemeinen Volkscmnfinden Ausdruck gegeben, als er angesichts der zahllosen Helden jüdischer Konfession, die sich im blutigen Kampfe das eiserne Kreuz erwarben, mit einem Federstrich dem häßlichen Unrecht, das dem jüdischen Soldaten den Offiziersrang versagte, ein Ende bereitete. Im deutschen Parlament wurde an dem Tage, an welchem der deutsche Reichskanzler seine historisch denkwürdige große Red'e hielt, das Andenken eines Juden in einer Weise gefeiert, die vielleicht beispiellos dasteht und in Deutschland nicht vergessen werden kann, solange die Erinnerung an das für des deutschen Reiches Ehre vergoßene Blut fortleben wird. Der Präsident des Hauses hatte in schönen, vornehmen, erschütternden Worten des jüdischen Abgeordneten Frank gedacht, der den Heldentod für das Vaterland erlitten und sämtliche Mitglieder des Hauses von den Ministern angefangen, bis zu den verbissensten Vertretern der antisemitischen Fraktion erhob'en sich spontan von ihren Plätzen, um das Andenken des Juden zu feiern. Des Juden, der noch dazu ein Sozialdemokrat gewesen. In Oesterreich hat unser gerechter gütiger Monarch nicht erst auf die heldenmütigen Leistungen der jüdischen Soldaten in diesem Kriege gewartet, um die letzten Schranken, die konfessionelle Vorurteile in der Armee errichtet hatten, niederzureißen. Aber wir haben wiederholt auf die rührenden Beweise des Wohlwollens und der Fürsorge hinweisen dürfen, die der Kaiser und in seinem Sinne auch die Ratgeber der Krone für die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien an den Tag gelegt hat. Die Juden in der österreichisch-ungarischen Monarchie, deren Soldaten jetzt Schulter an Schulter mit den deutschen Soldaten kämpfen, werden jedoch mit Bedauern konstatieren, daß die antisemitische Presse hierzulande, die sich doch einst an dem Muster der deutschen Antisemiten-Presse bildete — wenn der Ausdruck „bilden" hier am Platze ist — nicht auch die Wandlung mitmachte, die das führende Parteiblatt in Deutschland, die „Kreuzzeitung" offen und ehrlich einbekannte. Die „Kreuzzeitung" hat, das muß zu ihrer und ihrer Leser Ehre zugegeben werden, eine rühmliche Tat der Selbstüberwindung vollbracht, als sie, angesichts der Opferwilligkeit der deutschen Juden im Kriege, erklärte, daß sie den Antisemitismus aus ihrem Programm streichen müsse. >.i n d z w. a r n i c h t b 1 o ß f ü r d i e D a u e r d e s K r i e g e s. In Wien und in Budapest Vergnügen sich gewisse Blätter auch in diesen Zeiten, wo die staatlichen Autoritäten ein so leuchtendes Zeugnis der Gerechtigkeit und der konfessionellen Vorurteilslosigkeit trebe n. damit, die antisemitischen Instinkte des Pöbels wachzuhalten und zu reizen. Zwei kleine Proben aus der „Reichspost" mögen dies beweisen: Kein vernünftiger, denkender Mensch wird einen Augenblick daran gezweifelt hab'en, daß der Appell an den Patriotismus der Bevölkerung, die Kriegsanleihe zu zeichnen, keine konfessionelle Unterschiede kannte. Aber die „R e i c h s p o s t" machte diese Unterschied e. Die große Zeichnung des Hauses Rothschild wurde beiläufig mit der höhnischen Glosse begleitet: „Rothschild zeichnet eine so große Summe — folglich ist es ein gutes Geschäft." Man kann den Antisemitismus schwerlich alberner, aber auch gewiß nicht gehässiger betreiben. Zeichnet z. B. Prinz Alois Liechtenstein einen kleinen Betrag, so ist das — „guter Patriotismus". Zeichnet das Haus Rothschild — das nebenbei bemerkt, vielleicht an wohltätigen Spenden allein so viel gegeben als alle Patrone der „Reichspost" zusammen — eine große Summe, so ist das ein „gutes Geschäft". Noch eigenartiger, um nicht in diesen Zeiten ein schärferes aber bezeichnenderes Wort zu prägen, ist eine andere Leistung der „Reichspost". Sie berichtete in ihrer Nummer vom 1. Dezember über eine