Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 28 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 28. Das Makkabäer-Fest in Kriegszeiten. Die tausende Jahre alte Geschichte des jüdischen Volkes, so reich an schweren Schicksalsschlägen und tragischen Wendungen sie auch sein mag, kennt keine Epoche, wie die jetzige. Zweimal haben wir unsere staatliche Unabhängigkeit verloren; wir wurden dann allmählich über die Weltkugel zerstreut, erlebten bald Perioden blutigster Verfolgungen, die an Ausrottung grenzten, bald wieder Zeiten höchster geistiger und wirtschaftlicher Blüte, wie in Spanien und Portugal, um endlich verfolgt und verachtet, unstet und flüchtig, in finstere Ghettos gesperrt und als Kammerknechte mit dem gelben Fleck gebrandmarkt, zu vegetieren, bis die allgemeine Aufklärung einem Teile unseres Volkes bürgerliche Rechte und die Teilnahme an allen Zweigen menschlichen Fortschrittes ermöglichte. In allen diesen Phasen unserer Geschichte hat aber die Massen unseres Volkes ein Band umschlungen; wir hatten Alle gemeinsame Interessen, Symbole und Ideale, die selbst den Bestrebungen religiöser Reformatoren und volksfreundlicher Assimilationsprediger zu widerstehen vermochten. Ist uns ja doch das Chanukalämpchen eines der schönsten Wahrzeichen uns'erer Unvergänglichkeit, die dadurch geweckte Erinnerung an die heldenmütigen Kämpfe des edlen Makkabäer-Oeschlechtes ein vorbildlicher Ansporn zum Festhalten an unserem Volkstum und unserer Tradition — trotz Allem. Wo Juden wohnen und so lange es Juden gibt, wird das Makkabäerfest von Jahr zu Jahr in seiner traditionellen Form gehalten werden: ein wichtiges Erziehungsmittel für unsere Jugend, deren Phantasie und Gemüt durch die reichen Legenden des Makkabäer-Zeitalters mächtig angeregt werden; für unsere Erwachsenen ein Moment des Rückblickes und Ausblickes. Dieser Ausblick ist in der jetzt so epochalen Zeit sehr düster. Einst erhob sich das ganze jüdische Volk, um unter den Makkabäern einen verzweifelten Kampf gegen seinen Feind Antiochos aufzunehmen. Und heute? Eine halbe Million Juden steht in Waffen. Aber sie müssen gegeneinander kämpfen; die meisten von ihnen — mehr als die Hälfte — stehen in den Reihen ihres Feindes, ihres blutigsten Erbfeindes, der sie in Friedenszeiten durch die unmenschlichsten Martern zu vernichten sucht, der selbst während sie im Felde stehen, ihre Frauen schänden und ihr Hab und Gut plündern läßt. Hat es so etwas jemals in der Geschichte eines Volkes gegeben? .... Ja, auch die Polen und Ruthenen müssen im russischen Heere kämpfen. Aber hat man jemals gehört, daß die russischen Behörden gegen sie das Kosaken- und Lumpengesindel losgelassen hätten, um sie abzuschlachten und auszurauben? Und für den Hauptanführer dieser Räuberbanden, für den Zaren, müssen 350.000 jüdische Soldaten jetzt ihr Leben opfern! ....Diesbedeutet d i e f u r c h t b a r s t e E p o c h e in der jüdischen Geschichte, sie führt uns die Tragik des jüdischen Volkes am eklatantesten vor Augen. Die jüdischen Soldaten in den westeuropäischen Staaten erfüllen eine bürgerliche Pflicht, indem sie für ihr Vaterland, das ihnen Gleichberechtigung gewährt, kämpfen; das Rußland des Zars, des blutrünstigen Absolutismus und der Pogroms ist den Juden kein Vaterland. Und wenn trotzdem die Juden im rusischen Heere tapfer kämpfen, so beweist dies am besten, wie der Jude selbst unter widrigsten Verhältnissen sein Heimatsland nicht im Stiche lassen will. Aber das heurige Makkabäerfest erhält auch durch ein zweites Moment sein eigenes Gepräge. Hunderttausende Juden aus den östlichen Provinzen unseres Reiches sind unter Zurücklassung von Hab und Gut vor den Raubinstinkten des momentan übermächtigen Feindes geflüchtet, um das nackte Leben und die Ehre ihrer Frauen zu retten. Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben werden sie das Chanuka-Lämpchen außerhalb ihres Heims anzünden und in diesem Augenblick wird ihnen der Ernst dieser Tage vor Augen treten. Wie ich bereits erwähnt habe, ist das Makkabäerfest kein Freudenfest, sondern eine historische Gedenkfeier, die zu mehrfachen Betrachtungen reichlichen Stoff bietet. Nicht zuletzt drängt sich uns auch die Frage auf, wie es heute mit der Führerschaft unseres Volkes steht. In den Zeiten tiefsten Verfalles und bevorstehender Auflösung ist Mattathia mit seinen Söhnen auf der Oberfläche erschienen, bereit sein Leben zu opfern, um sein Volk vor dem Untergang zu retten. Wo sind heute die Männer in unserer Mitte, die, wenigstens unter materiellen Opfern, an dem Wendepunkt der jüdischen Geschichte den Mut hätten, als Fürsprecher der jüdischen Gesamtheit zu handeln oder auch 'nur die durch die jetzigen Kriegsereignisse notwendig bedingte Aenderung unserer Gesamtlage vorzubereiten? Hat auch die große Zeit nicht vermocht, dem kleinen Geschlecht der Logenbrüder, Kahalmacher und Mandatsjäger, deren höchster Ehrgeiz durch einen Präsidententitel erschöpft ist, ihren Pulsschlag fühlbar zu machen? Soll das Blut der halben Million jüdischer Soldaten vergeblich fließen? Wer soll denn darüber wachen, daß gewisse, beim Kriegsbeginn unseren russischen Brüdern von Seiten der verbündeten Kaiserreiche gemachten Versprechungen auch gehalten werden? Diese jüdische Instanz ist noch nicht da. Sie muß aber geschaffen werden. Am Vortage des ersten Chanuka-Lämpchens ermahne ich Euch an diese Pflicht. Dr. S. R. L a n d a u.