Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 27 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Neue National-Zeitung" r*Pito 3 stand der Kultusgemeind'e belehrt. Auch er hat zu einem Moratorium die Zuflucht genommen und diese neueste Errungenschaft unserer jüdischen Gemeinde ist ein Aufschub der Kultuswahlen. Eine ganze Reihe von Vorstandismandaten geht mit Ende dieses Jahres zur Neige. Man stand vor der Ausschreibung der Neuwahlen. Mancher Lüstling schnalzte bereits mit der Zunge, um vom den Würdenträgern d'er Gemeinde Rechenschaft zu heischen und ihnen saftigen Tadel an den Kopf zu schleudern. Denn (das wird man doch noch französisch sagen dürfen): C'est la vie; so ist das Leben! Diesem Schicksale entgeht eben niemand. Da wird gemessen und gewogen, wer gewählt werden und wer nicht gewählt werden, sondern durchfallen soll, wer auf den Schild gehoben und wer niedergerungen werden soll usw., usw., in der bekannt rührenden und doch so furchtbar klingenden Tonart. Und um dieses Schau- und Spektakelstück soll diesmal mitten in der Saison die Wählerschaft gebracht werden. Keine Rede wird man hören ... Der Vorstand hat sein Moratorium und bis zum Ablaufe desselben (oder gibt es auch da einen allmähligen Abbau?) ist es ihm vorbehalten und gegönnt, die teeren Plätze selbstherrlich zu besetzen mit den gleichen Mandatsträgern oder, wenn sie schon gestorben sind, mit anderen — je nachdem. Natürlich ist mit dieser Stundung, die füglich wie jede Norm dieser Sorte mit dem Weltkriege gerechtfertigt wird, das ganze Verfassungsgebäude unserer Gemeinde in heftigste Unordnung geraten. Verweist man darauf, dann ist ein verlegenes Achselzucken die vielsagende Antwort, die in die landläufige Phrase auszuklagen scheint (ich muß es wieder französisch sagen): Eh bien; c'est la guerre. Mundartlicher und traulicher soll dies eben besagen: Mein Gott, Krieg ist Krieg. Ja, der Krieg. Bei allen Schauern, die er auslöst, hat er unleugbar sein Gutes. Es gibt Nutznießer (Usufruetuare) deis Krieges. Ich denke dabei nicht gerade an die Armee- und Kriegslicferanten, deinen der Krieg reiche B'fschäftögxing und schöne Einnahmen erschließt. Es gibt auch andere Pflänzchen, die an diesen eisernen Stamm sich anzusetzen lieben und dabei prächtig gedeihen. Solche Nutznießer und Kriegspflanzen werden daher auch verschiedentliche Mandatare der Gemeinde werden und sich augenscheinlich ganz wohl dabei fühlen. Ach was, wird mancher sagen: Das ist doch übertrieben: ob man ein halbes oder ein ganzes Jahr länger oder kürzer die Auszeichnung genießt, Vorsteher der Gemeinde zu sein, ist doch (wie sagen doch die Juristen so treffend?) unerheblich; kaum der Rede wert. Mit nichten; etwas muß doch daran sein; denn das Mandat eines Kultusvorstehers stellen wir selbst zu hoch, al's daß man naserümpfend darüber hinwegsehen dürfte. Und machet nur die Probe: ich wette, daß keiner dieser'ehrenwerten Männer aus dem natürlichen Ablaufe seiner Zeit die schlüss'ige Folge zieht und sich in den Schatten seines kostbaren Privatberufes zurückzieht. Das geht ja auch nicht! Wer könnte es mit seinem Gewissen vereinbaren, die Gemeinde in dieser großen, schweren Zeit ihrem Geschicke zu überlassen und die Lücke, die sein Austritt reißt, klaffend offen zu lassen. Wer soll für sie raten und taten? Ein Rumpfvorstand? Nein und nimmermehr! Denn so viel ist klar: Im Kriege zu wählen, ist faktisch und rechtlich eine Unmöglichkeit. Die höhere Gewalt entschuldigt alles. Sei's darum. Aber die Folgen des Wahlaufschubes simd ebenso gewalttätig. Das Ermessen und die „Ermessenswillkür" des Vorstandes (ganz im Ernste gesprochen) erhalten hiemit eine üpige Nahrung. In der Struktur der Gemeinde wird wie durch einen Belagerungsmörser schwersten Kalibers Bresche geschossen. Man denke doch nur: Bisnun sind wir, was schon jetzt in die Augen gebissen hat, bereits mit zwei Kurien beglückt: Die allgemeine und die privilegierte. Aber da wird doch wenigstens gewählt. Jetzt aber wird uns eine dritte Kategorie von Vorstehern beschert, die von keiner Kurie gewählt, sondern vom Vorstande selbst kooptiert, von Vorstandsgnaden bestellt oder eigentlich richtiger, so holprig es klingt, „prolongiert" werden. Wohlan! da prunkt man immer mit der alten Weisheit: Inter arma silent leges. Aber auch das gehört bereits zum alten Plunder; denn wir erleben es, daß gerade inter arma die Gesetzgebung eine unaufhörliche Rührigkeit entfaltet: Das reinste Perpetuum. Da darf natürlich unsere Kultusgemeinde nicht fehlen, um ausgerechnet inter arma eine grundlegende Aenderung (Reform kann man das nicht nennen), des Statuts in die Welt zu setzen; gerade jetzt die Rechte und Anwartschaften der Wählermassen zu kränken, jetzt, wo an die Gemeinde ungeheure Aufgaben und Obsorgen stürmisch herantreten, wo ihr Boden unter den eiligen Füßen zahlloser Flüchtlinge erzittert, Fragen des Judenschicksals von einer Tragweite und einer Schnellkraft nach Gehör und Lösung rufen, wie sie wohl noch nie an die Tore eines jüdischen Gemeinwesens so dröhnend gepocht haben. Aber Ernst beiseite! Wir wollen aus der Frucht dieser herben Wahrheit den süßen Kern unserer gemütlichen Sinnesart schälen und ihn schmackhaft und scherzhaft reichen, mag sich auch so mancher Wählerbrust die Erkenntnis entringen: Keine Prolongation, sondern — Protest! Glossator. Der Weinhändler als Friedhofspascha. (Der Wunsch eines sterbenden Fleischhauergehilfen — unerfüllt.) Ein trauriger Fall, der auf die Verhältnisse in der Wiener Kultusgemeind'e, und insbesondere auf die Art ihrer Leitung ein merkwürdiges Licht wirft, hat sich jüngst ereignet und wir genügen! wohl einer publizistischen Pflicht, wenn wir ihn der Oeffentlichkeit und den jüdischen Steuerträgern bekanntgeben. Vor einigen Tagen starb im Rothschildspital ein armer Teufel, namens Wilhelm Weis s„ seinem Berufe nach Fleischhauergehilfe. Der Mann, der mit seiner Familie von einem sehr bescheidenen Gehalte leben mußte, war wohl kaum in der Lage, irgendwelche geistige Genüsse befriedigen zu können. Und doch war es ein leidenschaftlicher Freund von Musik und Gesang. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als, um sich die musikalischen Genüsse nicht ganz versagen zu müssen, sie dort aufzusuchen, wo sie gar nichts kosten: im Tempel. Er war ein eifriger Besucher dies Seitenstetten-Tempels und er