Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 27 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .Neue Kational-Zeitung" Nr. 27 Die Gefahren der Flüchtlings-Baracken. Neben den Kriegsereignissen, die unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln und unsere Nerven fieberhaft anspannen, sollte uns das schreckliche Schicksal der von Haus und Hof vertriebenen, den größten Entbehrungen ausgesetzten und in langen Reihen vor den Komiteelokalen an den Pranger gestellten F 1 ü c h t- 1 i n g e nicht zur Ruhe kommen lassen. Den tapferen Soldaten, die ihr Leben für das Vaterland auf dem Schlachtfelde opfern, gebührt unsere Bewunderung; für die Flüchtlinge, zumeist Greise, Frauen und Kinder, deren Familien oft auseinandergerissen sind, die, gestern vielleicht noch Spender und Geber, heute der öffentlichen Wohltätigkeit anheimfallen, müssen wir das tiefste Mitleid hegen. Schon wegen ihrer wirtschaftlichen Ohnmacht. Sie können und dürfen sich nichts verdienen, weder di'e Angehörigen freier Berufe, noch die Kaufleute oder Handwerker, mögen sie „zu Hause" noch so tüchtig gewesen sein. Denn sie dürfen den Ansässigen keine Konkurrenz machen. Sie müssen ihr karges Leben von Unterstützungen fristen, die ihnen im bescheidensten Maße zukommen; im übrigen dürfen sie warten, ihren wüsten Gedanken nachgehen und — faulenzen. Dieses Schicksal der in Wien befindlichen Flüchtlinge ist aber noch immer ein beneidenswertes gegenüber dem der in den Provinz-Baracken Untergebrachten. Transporte jüdischer Flüchtlinge wurden bis nach Nordböhmen und Steiermark dirigiert, während frühere in drei mährischen Ortschaften untergebracht wurden. Wir glauben nicht zu übertreiben, wenn wir die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien mit 500.000 und die davon in den Provinzen befindlichen mit 400.000 einschätzen. Das Los dieser letzteren ist erst recht bejammernswert. Als diese Zeitung am 16. v. M. sensationelle Enthüllungen über die Mißhandlung und Ausbeutung der jüdischen Flüchtlinge in Nikolsburg veröffentlichte, da meinten die Vorsteher der „Isr. Allianz", die an Ort und Stelle die Richtigkeit unserer Informationen feststellen konnten, daß es bald, nach Fertigstellung der Baracken, besser sein werde. Nichts als leere Versprechungen, womit alte Sünden vertuscht werden sollten. Die neuen Baracken sind fertig und es ist nicht besser. Es ist noch ärger. Das behaupten die jüdischen Abgeordneten des Polenklubs, Dr. K o 1 i s c h e r, Dr. v. Löwenstein und Rauch in einem dem Minister Baron Heinold überreichten Memorandum. Liest man dieses Memorandum, worin über das ganze Barackensystem — auch in anderen Orten — der Stab gebrochen wird, so muß man die Hände zusammenschlagen, wie denn di'e Vorsteher der Allianz überhaupt diese Baracken zur Einrichtung aus den gesammelten Spenden übernehmen konnten und warum sie bei dem doch so konniventen mährischen Statthalter Baron Bleyleb'en gegen die Art des Barackenbaues keine Einsprache erhoben .... Sie hatten offenbar gegen die Baracken nichts einzuwenden. Umso bemerkenswerter ist aber die vernichtende Kritik, welche die obgenannten jüdischen Abgeordneten in ihrem Memorandum an diesen Baracken üben. Dieselben werden als nach jeder Richtung ungeeignet bezeichnet: siewidersprechen allen Grundsätzen der Hygiene und der Sittlichkeit. Schuld daran ist das Kasernensystem der Baracken. Sie sind nichts anderes als große Schlafhallen für 400 Personen, die ohne Unterschied von Alter und Geschlecht nebeneinander untergebracht sind. Auch auf die Zugehörigkeit zu einer Berufsklasse oder einer höheren sozialeir-Stchichte kommt es bei der Dislokation nicht an: brave, achtbare Bürgerfamilien sind oft rieben den gewissen minderwertigen Elementen des Ghettos, die ja auch mitgewandert sind, einquartiert. Die Frauen und Mädchen schlafen daher angekleidet, sie haben keinen Raum, um sich ungeniert umzukleiden, oder die Wäsch'e zu wechseln; es gibt keine Badegelegenheit und keine anständige Kanalisierung. So geht es in allen Baracken zu. Und wo sind unsere „großen" Kultusgemeinden oder sonstige „große" Organisationen, die, wie z. B. die „Oest. Isr. Union", „Galizischer Hilfsverein" u. dgl., in Friedenszeiten es ganz gut verstanden haben, sich als Beschützer der galizischen Juden zu gerieren. Hat man an diesen Stellen gar keine Einsicht für die ungeheuren Gefahren, die das Barackensystem für den Familiensinn und die Moral einer ganzen jüdischen Generation in sich birgt? Alle diese Organisationen, die unter normalen Verhältnissen nichts anderes als ein Tummelplatz einiger gespreizter oder wichtigtuender Herren sind, haben gegenwärtig versagt. Die private Initiative, sowohl auf organisatorischem als auch auf publizistischem Gebiete hat das meiste geleistet; ihr Umfang bleibt aber immerhin eng begrenzt, weil es ihr an den nötigen Mitteln fehlt. Die jüdische Haute- Finance von Wien, die für patriotische Zwecke bedeutende Spenden geleistet hat, gibt für die galizischen Juden nur sehr wenig her. Assimilanten und Zionisten neuesten Wiener Kalibers haben sich die Hände gereicht, wenn es gilt, die reichen galizischen Juden zu beschimpfen, um die Oeffentlichkeit darüber hinwegzutäuschen, daß die reichen Wiener Juden so blutwenig für ihre galizischen Stammesbrüder leisten. Wenn also die privaten Mittel nicht genügen, so muß der Staat herhalten. Die Zentralregierung sieht, welche schweren Opfer die jüdische Bevölkerung von Galizien für den Staat gebracht hat und sie bemüht sich, allmählich immer mehr Begünstigungen den Flüchtlingen zuzuwenden. Die Pflicht jüdischer Repräsentanten oder Organisationen ist es, den guten Willen der Regierung in die richtige Bahn zu lenken. Nach dieser Richtung ist das Memorandum über die Baracken ein vernünftiger Schritt. L. Das Moratorium für die Kultuswahlen. (Eine scherzhaft-ernste Plauderei.) Wir kommen beim besten Willen nicht aus dem Moratorium heraus. Nicht allein das Wirtschaftsleben ist von ihm durchtränkt, auch auf — sit venia verbo — „geistigem" Gebiet muß das Notgesetz einer Stundung aushelfen. Daß es dahin kommen mußte, dessen hat uns unser wohllöblicher Vor-