Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 26 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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jjr 26__ _____________ „Neue. Nato Frau aus Stryj . . . und heute steht sie, Einlaß begehrend, vor der Brockensaminlimg. „Sie wundern sich" sagte sie tieftraurig „wie sieh alles gewendet"; und schluchzend fährt si'e fort: „Ich mußte meine Marienbader Kur beenden, habe ein Stück nach dem andern verkauft, versetzt, um nur leben zu können. Mein Mann schrieb tröstend, icli soll nur aushalten, er werde kommen, werde mir Geld schicken. Er kam nicht; statt seiner erhielt ich die Nachricht, er sei als Gefangener nach Rußland geschleppt worden, weil er auf die Russen, als sie in Stryj einzogen, geschossen haben soll. Seither fehlt mir jede Nachricht von ihm." Ein Bild des Jammers stand die einst schöne Frau vor mir. Dankend nahm sie einige Garderobestiieke in Empfang. „Nur zum Schutz gegen die Kälte" sagte sie und wickelte sich in den langen Mantel ein, den ihr eine der Komiteedamen reichte. Das Bild der sich vor der Brockensainmlung Anstellenden erneuert sich von Tag zu Tag; von Tag zu Tag langen Spenden ein, aber alles ist zu wenig, die große Not derer zu lindern, die auf Stroh liegen, keinen Polster, keine Decke haben, kehre Aussicht auf Erwerb... Wer helfen kann, erbarme sich der Armen, die um Brocken bitten und für jeden gespendeten Brocken ein „Vergelt?s Gott" sagen. J. B. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Die Fliichtlingsfiirsorge in Wien. Fs dürfte wohl kaum jemand so naiv sein, zu glauben, daß <t'er Fürsorge-Apparat vollständig 'klappt. Fs sind noch viele Mängel da. Hauptsächlich ani S c h \v a r zeub e r g - platz. Da stellen sich die armen Leute oft schon um 6 Uhr morgens an und müssen trotzdem an mehreren Tagen nach einander sich zu dieser „Anstellung" .einfinden, bis s.'c ins Bure am Einlaß finden. L) e m k ö u n t e 11 u r a b g c h o Ifen \ve rd e ii, wenn das Bureau auch au Nachmittagen offen wäre. Angesichts der zehntausenden Menschen, die auf das Bureau angewiesen sind, ist die Einhaltung von zwei (!) Aintsstunden täglich eine Rücksichtslosigkeit. Hofrat von Twardowski würde ein gutes Werk vollenden, wenn er Maßregeln ergreifen würde, den Andrang leichter und rascher zu erledigen. Die Flüchtlinse in Nikolsburg. Auch Nikolsburg läßt noch immer viel zu wünschen übrig. Jüngst erschien bei uns eine christliche Hebamme aus Ottakring, die zum Besuche .ihrer Minier in Nikolsburg weilte und dort über die Behandlung und d>ic Unterbringung der Flüchtlinge empört war. Mit Tränen in den Augen bat sie uns, an maßgebenden Stelleu für die Flüchtlinge vom „Muscherl- Bcrg" — so beißt ...er Ort:, dreiviertel Stunden von Nikolsburg enticriiit. wo sich die Baracken befinden — zu intcrveu.'.eveiv, damit nicht irgend ein Ortspascha über das Leben und die Gcsuudheit von 6.000 Menschen entscheide. •'fi Aufm!. Namenloses Unglück hat der Feind über einen großen Teil der galizischen Bevölkerung gebracht. Fin großer Teil der Bevölkerung ohne Unterschied der Nation und Konfession sali sich gezwungen, vor dem unmenschlichen Feind zu flüchten. Die unglücklichen Flüchtlinge suchten Zuflucht auch in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Die hohe Regierung und die Stadt Wien haben den Flüchtlingen Hilfe gegen die ärgste Not geboten. An der Hilfeleistung L-Zeitung4^____________________ Seite_5^ beteiligt sich auch die Wiener Bevölkerung in werktätigster Weise und der Ruf von den goldenen Wiener Herzen hat sich jetzt im vollsten Sinne des biblischen „Liebe den Fremden" glänzend bewährt. Wollen wir die unglücklichen Flüchtlinge wirklich vor materieller Not schützen, so müssen wir auch auf die religiösen Bedenken derselben Rücksicht nehmen. Es gibt unter den jüdischen Flüchtlingen aus Galizicu und der Bukowina eine große Anzahl Strenggläubiger, welche in beziig auf Speisen strengste Observanz beobachten. Diese Frommen ziehen es vor, zu hungern, als Speisen zu genießen, deren Zubereitung nicht vollständig den in ihrer Heimat üblichen religiösen Bräuchen entspricht. Der in Wien bestehende orthodoxe Verein „Machsikc Hadatli" ist seit einer Reihe von Jahren bemüht, dieser religiösen Anschauung der aus dem Osten nach Wien kommenden .luden Rechnung zu tragen und speiste dieser Verein jeden Samstag und jeden jüdischen Feiertag an 100 Personen in seinen Räumen unentgeltlich aus. — Das unterzeichnete Komitee erachtet es als eine heilige Pflicht, sich mit dem Vorstand dos genannten Vereines ins Einvernehmen zu setzen, um diesem Mittel und Wege zu schaffen, seine Tätigkeit (im Sinne der Vereinsstntuten) erweitern zu können. Gemeinsam mit dem bekannten Verein „Zuflucht" und dank der Opferwilligkeit der einzelnen edlen Personen sind wir bereits in die Lage gekommen, bei dem Verein „Machsikc Hadatli" zirka 400 Personen täglich unentgeltlich nach ihren strengst rituellen Wünschen auszuspeisen und auch hebräische und talmudistische Unterrichtskurse für die Kinder der Flüchtlinge, um einem Müßiggang vorzubeugen, zu errichten. Um diese Woliltätigkeitsaktion fortsetzen zu können und eventuell zu erweitern, wendet sich das unterzeichnete Komitee an edel fühlende Herzen mit der Bitte, Spenden in Barem und Naturalien., die in diesem Blatte ausgewiesen werden, an den Kassier des Vereines. Herrn Simon Steriiberg, II., Rembrandtstraße 39, eventuell an den Obmann des Vereines, Herrn .lakob März, I., Augustengasse 1, gütigst überweisen zu wollen. Rabbiner M. Mayersohn, Vorsitzender des Komitees. Rabbiner Isak Friedmann (Bojan). Rabbiner Israel Friedmann (Czortkow). Rabbiner Abraham Friedmann (Sadagora). Rabbiner Moses Babad (Lemberg). Rabbiner Josef Engel (Krakau). Rabbiner Meier Arak (Buczacz) Rabbiner S. Dawid Unger (Zabno). Rabbiner Uscher Horowitz (Krakau). Rabbiner M. Weidenfeld (Dabrowa). Rabbiner Nuchem Gelles (Solotwina). Rabbiner Pinkas Horowitz (Bohorodczany). Rabbiner I)r Baruch Margulies (Drohobycz). usw. usw. * Konzert zugunsten der Flüchtlinge aus Qalizien und der Bukowina. Das am 4. November stattgcfundeiic Konzert hatte einen bedeutenden Erfolg. Der Oroße MusikveTeinssaal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Ein distinguiertes Publikum lauschte den Vorträgen bewährter Künstler. Alfred (i r ü Ilfeld am Klavier zu hören ist ja jedesmal ein Hochgenuß; aber diesmal gab der Künstler sein Bestes, wurde wieder und wieder hervorgejubelt, wieder und wieder erfolgten Zugaben, die das Publikum in Entzücken versetzten. In die Ehren des Abends teilten sich Opernsängerin Raja B a r b e r - W a 1 db c r g, Viktor Hei in, Professor P i c k s t e i n e r, Edmund E y s 1 e r, Frl. N e 11 y Hochwald vom Deutschen Volkstheater, Frl. Klothilde Weng er von der Volksoper und Harfen virtuosiu Stella R a t z e r s d o r f c r. Frau Raja Barber-Waldbergs glockenhelle Stimme kam in den. Vorträgen: Arie aus dem „Prophet", „Heiniweh" von Hugo Wolff. „Allerseelen" von Josef Scheu zu bester Geltung. Viktor Heim wirkte zündend, besonders mit seinen in jüdischer Mundart gesungenen Liedern: „Der Alef-beyss" und „Dem Mihlners Trehren". Das große Erträgnis des Konzertes ermöglicht es, die Brockens a m in 1 n n r für jüdische Arme, die jetzt meistenteils von Flüchtlingen in Anspruch genommen wird, besser zu organisieren. Die Verteilungen finden dreimal wöchentlich im neuen Lokal, XIX., Glatzgasse 4, statt.