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Neue Nationalzeitung · 1914-11-13 · Heft 26 (13.11.1914) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 26 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite_4____^ __j^eue National-Zeituhg" _________________Nr. 26 Breiter ist verschwunden: man weiß nicht, wo er sich befindet. Man fürchtet, daß er verschickt wurde." Wie ein in Wien erscheinendes polnisches Blatt auf (Ii und der Mitteilungen eines in den letzten Tauen aus Lemberg eingetroffenen Bürgers meldet, soll in den letzten Wochen niclits Wesentliches vorgegangen sein. Es haben wie imitier leider die Juden als Opfer herhalten müssen. Eine neuerliche Schießerei hat in der Judengasse stattgefunden, verursacht dadurch, daß einem russischen Soldaten eine Geldbörse abhanden gekommen ist. Ausgerechnet ein Jude soll sie ihm gestohlen haben. Die Not der jüdischen Bevölkerung in Lemberg ist furchtbar. Rußland verleugnet das Zaren-Manifest an die „lieben Juden". Das Ncw-Yorker Tagblatt „Sun" hat bei dem russischen Botschafter Georg B a c h m c t i e f f in Washington anfragen lassen, welche Bewandtnis es mit den angeblichen Zusagen der russischen Regierung, den Juden für ihr heldenmütiges Verhalten in dem gegenwärtigen Kriege die volle Gleichberechtigung zu geben, habe. Der russische Botschafter erklärte, daß ihm nicht bekannt sei, daß die Regierung eine Aenderung der Rechtslage der russischen Juden beabsichtige. Die Lage der Juden in Rußland bleibt also dieselbe, wie sie bisher war, und alle Gerüchte, welche vorn Gegenteile zu melden wußten, sind nichts als leere Erfindungen. Wohl habe die Regierung den Polen Konzessionen versprochen, aber nicht den Juden. Es reiße sich niemand darum, daß die Juden im Militär dienen .... So spricht der Botschafter einer Regierung, die den Juden alle Rechte vorenthält, aber sie zum Militärdienst zwingt und treibt. Eine größere Infamie gibt es gewiß nicht. Anstellen. „Einer nach dem Anderen kommt heran! Anstellen!" So hörte ich den Ruf eines Wachmannes, als ich im Begriffe zur Verteilung in die Brockensammlimg für jüdische Arme zu gehen, die Pfeilgasse pausierte .... Sonst wenn Austeilung war, genügte der Vorraum des Lokals, um die eine Spende Erwartenden aufzunehmen; heute standen sie bis auf die Gasse hinaus, dicht aneinandergedrängt, Greise, alte Frauen, dürftig gekleidet, vor Kälte zitternd, Männer, die wohl einst bessere Tage gesehen, Kinder in zerlumpten Kleidern, die bittend die Hand ausstreckten, stammelnd: „Nur etwas Warmes! Wir frieren so sehr!" Sie alle mußten sich anstellen, wiewohl es in Strömen goß. Das Lokal der Brocken'sammhmg, in dem die Verteilung stattfindet, ist nur klein; nur je fünf und fünf wurden eingelassen. Drinnen walten die Damen unermüdet ihres Amtes, sortieren, teilen aus, fragen jeden nach seinen Wünschen, suchen nach passenden Kleidungsstücken, die im anstoßenden Räume lagern, nach Wäsche, die im nächsten Zimmer in Regalen aufbewahrt ist. Sie sind lieb und freundlich mit den Armen; sogar eine berühmte Künstlerin hat sich in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt; sie ist Vor- und Nachmittag in der iBrockensammlung unermüdet tätig; ihr zur Seite die Komiteedamen, die nicht müde werden, aus den Vorräten Leuten Gewünschtes hervorzusu.chen. Das ist nicht leicht, denn die Kleidungsstücke sollen passen, die Wäsche, das Schuhzeug desgl.; aber der Raum ist zu eng, um den Leuten das Anprobieren zu ermöglichen. Dank der Bereitwilligkeit des Herrn Zerzawy werden wir bald ein größeres Lokal in der Glatzgasse 4 beziehen; der Eigentümer genannten Hauses stellte uns große Räume gratis zur Verfügung. Die Armen werden sich also nicht mehr in Wind und Wetter auf der Straße „anstellen" müssen. Wer diese Summe von Mensehenelcnd gesehen, weiß, was Not und Armut bedeutet... Viele, die vorbeigehen, bleiben betroffen stehen und blicken mitleidsvoll auf die langen Reihe der „Angestellten", die leider keine Abstellung finden können. Es sind zumeist Flüchtlinge, die in den letzten Tagen hier angekommen; sie haben all ihr Hab und Gut daheim gelassen, waren froh, als sie nach tagelanger Fahrt hier angelangten, in ein Massenquartier unterzukommen. „Könnt Ihr denn da schlafen? fragte ein Herr, denn ich beobachtete, wie er eben jedem der Wartenden eine Krone zusteckt." Schlafen? antwortet eine totiniide aussehende Frau; man dankt ja Gott, wenn man nur einen Unterschlupf hat! Und nun erzählte sie, daß sie seit acht Tagen unterwegs ist, seither nie geschlafen habe. In Lemberg hatte sie Haus und und Hof, drei Dienstboten, ein gut gehendes Geschäft; jetzt"-----Tränen entstürzen den Augen der armen Frau, „jetzt muß ich die Hand ausstrecken, um---" „Anstellen" lautet der Ruf des Polizeimannes, als wieder ein Trupp Flüchtlinge vor der Türe, Einlaß begehrend, naht. Still und scheu verfügen sie sich nach rückwärts. Der Herr, der die Kronen verteilt hat, bittet den Polizeimann, einen Greis, der sich kaum noch aufrecht erhalten kann, vor den anderen „Angestellten" einzulassen. Der Mann des Gesetzes fühlt ein menschliches Rühren. Aber kaum ist der Alte drinnen, da bricht er kraftlos zusammen. Er hat seit gestern, wie er erzählt, nichts gegessen, bittet nur um einen Schluck Wasser und einen Stuhl, denn die Füße trafen ihn nicht mehr; er stehe schon eine Stunde draußen, saet er, hat die Nacht auf Stroh geschlafen, jammert, daß er Hab und Gut verloren, erzählt weinend, daß sein einziger Sohn bei Rzeszow gefallen sei. Nachdem der alte Mann gelabt worden, erhält er die gewünschte Wäsche, einen Polster, eine Decke, aber er ist zu schwach all diese Reichtümer zu tragen. Ein junges Mädchen tritt aus der Reihe der „Angestellten" hervor und nimmt ihm das Packet ab. „Geht's mir" sagt sie teilnahmsvoll „ich trag es Euch heim." Sie erzählt, daß sie wie der Alte;uis .laroslau geflüchtet; sie war in seinem Geschäfte Kassierin. „Ja" sagte sie wehmutsvoll, „daß der reiche Low S .... um einen Polster l)itten muß!" Die Reihe der „Angestellten" lichtete sich im I aufe der nächsten Stunden; sie alle finden Einlaß, ^ie alle erhalten, so weit der Vorrat reicht, Kleider, WäsHre, Bettzeug usw. Nur noch fünf Frauen stehen, als es schon heißt, mau werde wieder schließen, vor der Türe. Die .Jüngere, eine abgehärmt aussehende Frau fällt mir auf. Wo habe ich sie doch schon gesehen? Auch sie erkennt mich. „Sie erinnern sich meiner aus Marienbad?" friifft sie schüchtern. Ja, jetzt weiß ich, wer sie ist. In Marienbnd war sie eine gefeierte ^chrrheit trn<r die elegantesten Toiletten, war stets in munterer Gesellschaft. Man nannte sie die schöne

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