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Neue Nationalzeitung · 1914-11-13 · Heft 26 (13.11.1914) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 26 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nli_26____________ ____..Neue National-Zeitnng"____________ 3 Unter russischer Knute. Die Nachrichten, die auf dem Wege durch die amerikanische Presse zu uns aus Rußland durchsickern, zeigen uns ein schreckliches und verzweiflungsvolles Bild der blutigen Verfolgungen, denen unsere armen Brüder in Rußland ausgesetzt sind. Es kann kein Zweifel sein, daß die „lieben Juden" von den Henkern des Zaren in so barbarischer Weise gemordet und ausgerottet werden, daß uns die Scheiterhaufen der spanischen Inquisition dagegen wie ein Kinderspiel erscheinen. Während bei den Pogroms die russischen Behörden sich hinter den Kulissen verborgen und ihre liuligans vorgeschoben haben, treten sie jetzt offen, und zwar sowohl die Zivilbehörden als auch die Militärkommandanten auf, und ohne Pardon, mit oder ohne Vorwand werden jüdische Häuser geplündert, jüdische Frauen geschündet und Männer einzeln oder in Massen niedergemetzelt. Tagtäglich lesen wir die Berichte über haarsträubende Greuel, die nur menschliche Bestien ersinnen können. Der Pogrom in Biezun. Ein solcher Pogrom, -veranstaltet von einem russischen Kommandanten fand am 16. Oktober in der Ortschaft Biezun, Gouvernement Plock in Russisch-Polen, statt, worüber uns die authentische Darstellung eines Augenzeugen iin Wege einer sehr angesehenen jüdischen Organisation in Berlin zugekommen ist. Der uns zugekommene Bericht des Augenzeugen ist im Jargon abgefaßt und haben wir denselben ins Deutsche übersetzt. Der Inhalt ist so furchtbar und erschütternd, daß wir uns "wohl jeden -weiteren Kommentar dazu ersparen können: „T eure Brüder, Söhne A b r a h a m s, I s a k s und Jakob s! Es sind Euch gewiß die Mordtaten bekannt, welche seitens des russischen Militärs an den Juden, den russischen Untertanen in Polen, während des Krieges begangen werden. Mit "bitteren Tränen und mit einem Herzen, das mir vor Schmerz schier zerspringt, erzähle ich Euch diese Geschichte, die ich selbst mitangesehen habe. Diese Geschichte ereignete sich in Biezun, Gouvernement Plock in Russisch-Polen und solches geschah selbst im Mittelalter nicht. Am 16. Oktober befahl der in Biezun anwesende Militärkommandant den Rabbiner zu sich und fragte ihn, warum die Juden nicht beten, daß der Zar im Kriege mit Deutschland siege. Der Rabbiner antwortete, die Juden seien russische Untertanen und beten daher für das Glück Rußlands. Die Juden seien dem Zaren treu. Der Rabbiner bemühte sich, dem Militärkommandanten klar zu inachen, daß die Juden verleumdet werden. Er wurde dann verabschiedet und ging nach Hause. Am Sabbat, den 17. Oktober, wurde der Rabbiner wiederum zum Kommandanten befohlen. Hier wurde er überfallen und m ö r d e r i s c h g e s c h 1 a g e n, so daß er ohnmächtig zusammenbrach und schwer erkrankte. Am selben Tage wurden neun angesehene Juden verhaftet und als Geisel ins Gefängnis geführt. Am darauffolgenden Sonntag den 18. Oktober, wurden Weitere zehn angesehene Juden verhaftet und der Kommandant befahl, daß alle Juden von 10 Jahren aufwärts ihre Wohnungen verlassen müssen. Sollte auch nur ei n Jude zu Hause bleiben, dann werde man dafür die jüdischen Geisel erschlagen. Als die Juden ihre Wohnungen verheilen, wurden sie vorn Militär über Befehl des Kommandanten aus der Stadt getrieben und durch berittene Soldaten 1H Kilometer weit in ein Dorf gejagt, wo sie in der Anzahl von 249 Mann in eine Scheune eingesperrt wurden. Sie bekamen weder Speise noch Trank und durften sich auch aus der Scheune zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht entfernen. Die Soldaten stellten ihnen in Aussicht, d a Ii sie verbrannt würden. Gleichzeitig erlaubte der Kommandant, in der Stadt jüdische Häuser zu plündern und die Frauen zu schänden. Die Frauen retteten sich vor der Schande, indem sie zu einem großen Teich liefen und sich dort ertränkten. Spät nachts, um zwei Uhr kam preußisches Militär angerückt. Die russischen Soldaten verließen die Stadt, nahmen jedoch die neun jüdischen Geiseln mit sich. Die Juden in der Scheune wurden befreit, aber sie trafen weder ihr Heim, noch ihre Frauen, noch ihr Vermögen mehr an." Nun kommt aber noch der furchtbarste Beisatz, der in seiner schlichten Form das schreckliche Elend schildert: „Solches ist in vielen polnischen Städten p a s s i e r t: nur in Biezun war ich selbst d a b e i." Der polnische Antisemitismus. Die jüdische Bevölkerung in Russisch-Polen hat aber nicht nur unter der russischen Knute, sondern auch infolge des polnischen Antisemitismus, der bereits in Friedenszeiten in eine Wildheit ausgeartet ist, zu leiden. Wir erinnern nur an den Fall, daß polnische Bauern am Lande eine jüdische Familie in ihrer Wohnung absperrten, die Fenster mit Brettern verschlugen und dann das Haus anzündeten. Diese Verwilderung der polnischen Bevölkerung in Russisch-Polen, genährt durch eine antisemitische Presse, treibt auch jetzt ihre Blüten. Aus Briefen, welche die Juden aus Russisch-Polen an ihre Verwandten nach Amerika schicken und die in dortigen jüdischen Blättern veröffentlicht werden, ist zu ersehen, wie die jüdische Bevölkerung in Polen von den Polen zu leiden hat. Die Polen denunzieren überall die Juden bei den russischen Behörden, daß sie Staatsfeinde oder Spione sind. Viele Juden sind infolge dieser Denunziationen erschossen oder ermordet worden, als die Russen nach dem Rückzüge der deutschen oder österreichischen Armee in die Städte wieder einrückten. Die polnische Gehässigheit gegen die Juden in Warschau, hat sich seit Beginn des Krieges nicht geändert. Hier ist noch immer das Zentrum des judenhetzerischen Boykotts. Die jüdische Bevölkerung denkt mit Entsetzen an die Möglichkeit einer polnischen Selbständigkeit. Die Juden in Lemberg. . (Ein Interview mit dem Reichsrats-Abgeordneten Reizes.) Die Nachrichten, die aus Lemberg zu uns gelangen, sind für die Juden leider nicht sehr günstig. Herr Reichsratsabgeordneter Heinrich Reizes, der stets über interessante Informationen aus Lemberg verfügt, hatte die Freundlichkeit, uns nachstehendes mitzuteilen: „Ich bin genau informiert über alles, was in Lemberg bis zum 7. Oktober vor sich gegangen ist. Da ging es den .luden noch leidlich gut. Bloß einmal fand im Ghetto eine Schießerei statt, als sich eine große Menschenmenge ansammelte, um einen Lemberg überfliegenden AeropUm anzusehen. Die Russen befürchteten offenbar, daß es sich um eine feindliche Kundgebung handeln könnte. Bei dieser Gelegenheit wurden 14 Juden (zumeist aus der Provinz) erschossen, 50 wurden verwundet. Als der Versölmungstag herannahte, da hieß es in Lemberg, daß das Beten in den Synagogen verboten werde. Hierauf begab sich Abgeordneter Breiter, stets ein warmer Fürsprecher der Juden, mit dem argentinischen Konsul zum Gouverneur Bobrinskyj, um eine diesbezügliche Erlaubnis zu erwirken. Der Gouvcrnetir verlangte, daß der Ober-Rabbiner Brande, der Lemberg nicht verlassen hatte, bei ihm erscheine. Als derselbe ankam, hatte er eine längere Unterredung mit dem Gouverneur. Vor dem Statthalter-Palais wartete auf ihn eine große Menge, welche von ihm nähere Details wissen wollte. Oberrabbiner Braude weinte jedoch bitterlich und erklärte bloß: „Fragt mich nicht und seid ruhig." Am anderen Tage durfte in den Synagogen gebetet werden, es erschienen aber sehr wenig Leute.

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