Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 26 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Efcue National-Zeitung" Nr. 26 Galizien. Von Max Schach (Berlin). Dieses Land, seit langem bewohnt, bekämpft und von Millionen mit Heimatsgefühlen geliebt, steht jetzt vor seiner Entdeckung. Wahrhaftig, man mag sich wundern, daß dies so spät und (für viele) so unvermittelt geschieht, aber es ist doch die feste Erkenntnis: Galizien wird entdeckt!.. „Endlich!'4., werden diejenigen rufen, deren Häuser von den Schüssen flinker Granaten vernichtet wurden; diejenigen, denen in den Kämpfen auf den weiten, leeren Schlachtfeldern nichts geblieben ist als eben das bischen Leben, das man durch Krieg und Not weiterschleppt... wie es Gott will. Die es angeht, natürlich, die hätten lieber auf eine Entdeckung verzichtet. Und mit ihnen etliche Tausende in den großen weltlichen Städten, denen die „Invasion der Entdeckten" wahrscheinlich nicht sehr gelegen kommt. Ich habe Wien im Kriegszustand nicht gesehen und weiß nicht, wie sich die Hauptstadt und andere Gemeinden des Landes zu dem sehr zahlreichen Besuch aus dem Osten stellen. Aber aus den begeisterten Kundgebungen, die fortgesetzt und ohne rechten Anlaß stattfinden, wie auch aus den wortreichen Beteuerungen dauernder Hilfsbereitschaft für die Galizianer scheint dem Erfahrenen und Unbefangenen hervorzugehen, daß man zwar alles tut (soweit es auf „Erklärungen44 ankommt), aber nicht sehr entzückt ist (weil Worte allein hier nicht helfen können). Dies alles weiß ich nicht aus positiven Betrachtungen, aber ich weiß es umso bestimmter, als ich wochenlang genau das — Gegenteil davon gelesen habe. Man hat ja auch seine österreichischen Erfahrungen. Weiß also, daß der beste Regierungswille wirkungslos bleiben kann, wenn er zusammenstößt mit alten, eingeborenen, antigalizischen Empfindungen. Gewiß: die Galizianer werden nicht verhungert sein! Man hat Herz in Wien, Nikolsburg, Gaya und anderswo. Wer zweifelt daran?.. Aber eines vermisse ich in allen Schilderungen und Berichten, die mir zu Ohren kamen; gerade dasjenige vermisse ich, das in Berlin den vielen Tausenden flüchtiger Ostpreußen Trost, Zuversicht und Daheimgefühl zu geben vermochte: diese Kunst des Gebens fehlt, die erhobenen Hände, die den bittenden Händen zu antworten haben: „Nehmt, nehmt!.." Das Wesentliche aber ist, daß Galizien entdeckt wurde. Mit eineminale weiß der Unwiss'ende und Entfernteste, daß inmitten der Monarchie ein weites Land sich dehnt, in dem doch mehr Schätze ruhen als das leere Schlagwort „Halbasien" vermuten läßt. Ab'er da die Vorstellungen der westeuropäischen Masse zumeist von knallenden Schlagworten bestimmt werden, ist es gut, wenn aus der Not der Gegenwart eine Verheißung für die Zukunft hervorleuchtet. Man muß dabei gar nicht an die Vergangenheit denken. Galizien wird! In der Vorstellung der Völker regt sich die Erkenntnis, daß man bisher durch blinde Fenster hifiaussah auf dieses weite, weite Land, das jetzt aufflammt im Widerschein brennender Dörfer und zerstörter Städte. In Deutschland besonders geht man heute an die Entdeckung des schwer betroffenen Landes. Aus Büchern, Vorträgen und Gesprächen will man erfahren, wie das Land beschaffen ist, von dem man bisher gerade nur den Namen wußte: Galizien! So wie man den Oesterreicher, der keine Sympathien zu wecken wußte, einen „Galizianer" nannte, währen der Sympathische ein „Wiener" war. So feine Unterscheidungen gibt es in Friedenszeiten. Da kam das Schicksal Ostpreußens, die Not der Tausende, die dem Heimatboden schnell entfliehen mußten; da kam das Schicksal Galiziens — und diese alles wandelnde Zeit hatte plötzlich eine ideelle Verwandtschaft hergestellt zwischen dem Osten Preußens und dem Norden der Monarchie. Seit an den Stahlmauern von Przemysl das Blut geschlagener Russen hoch aufspritzte, bemüht man sich in Deutschland die Welt zu sehen, die hinter den Namen ruht: Lemberg, Krakau, Przemysl, Rzeszow, Stryj und den anderen. Man hört, daß deutsche Soldaten durch Krakau spazierten. Sie Werden dort die Herrlichkeiten des Jagellonentums bewundert haben, das sich heute noch ausspricht in den klaren Linien alter Bauten. Vielleicht haben sie auch das köstliche romantische Vielerlei des Wawel gesehen und sind dann hinabgestiegen in das Dunkel der jüdischen Altstadt, die von täglich erneutem Elend zu sagen weiß. Es ist gut, wenn nicht der jeweilige „Ring" und das jeweilige „Prachtgebäude" besichtigt wurden; es ist gut, wenn alle den Eindruck mitnehmen, daß in diesem großen Reich und seinen bunten Städten noch viel zu tun ist... Aber das sind Wünsche für Friedenszeiten. Das von Europa neuentdeckte Galizien aber wird aus dem Toben der großen Schlachten eigenartig und verjüngt hervorgehen. Freilich ist diese Erkenntnis für viel'e heute noch kein Trost. Auch das soll uns nicht wundern. Nur weltfremde, kalte Gemüter werden dem Hungrigen zumuten, daß er seinen Magen vergesse und sich dafür ein'er historischen Betrachtung zuwende. Das Wichtigste des gegenwärtigen Augenblickes heißt: Hilfe! Aber wer es ehrlich meint mit diesen, die als waffenlose Kämpfer für ihr Vaterland heimatlos wurden, schließt gerne gute Freundschaft mit dem Gedanken, daß ihnen allen, diesen Frauen, jüngeren Männern und älteren Herren, vor allem aber der jüngsten Jugend, aus der Entdeckung Galiziens, die sich jetzt im Kanonendonner begibt, endlich das kulturelle Heil erwachen wird, das ihrem engeren Vaterland'e bisher nur in kleinen Portionen zugemessen wurde. Das kann und soll und wird wohl anders werden. Und während in Wien und anderswo die Flüchtlinge durch helle Straß'en gehen, sich tief innerlich aber nach jenen alten, grauen Gassen der Heimat sehnen, wird ihnen die Heimat neu geboren. Aus Blut und Schutt und Rauch wird jenes Galizien entstehen, das die unsichtbare Märtyrerkrone auf dem Haupte, in Westeuropa voll genommen und mit Ernst in seinem innersten Wesen ergründet wird. „Endlich! " werden diejenigen sagen, die es angeht. Aber sie werden es auch erst später sagen. Denn in der Fremde will auch die reine Freude nicht aufklingen...